María Teresa Curzio: Wikipedia – Die Schwarmoffensive (3sat)

Alles über amerikanische Porno-Darstellerinnen

30.09.2021 •

Ob historische, biografische oder sonstige Daten – viele Informationssuchende wählen als erste Anlaufstelle Wikipedia, das digitale Konversationslexikon des 21. Jahrhunderts. Schnell verfügbar, aber für sich weder in wissenschaftlichem noch journalistischem Zusammenhang zitierbar, sondern bestenfalls als Sprungbrett zu weiterführenden Quellen zu verwenden. Wobei von vielen in der Praxis eben leider doch auf umfassendere Recherchen verzichtet, sogar wörtlich bei Wikipedia abgeschrieben wird.

Insofern ist es sinnvoll, dass Wikipedia in der medialen Öffentlichkeit kontinuierlich kritisch begleitet wird. Kritisch bedeutet nicht ablehnend, sondern, um den Duden zu zitieren, „prüfende Beurteilung und deren Äußerung in entsprechenden Worten“. Dieser Aufgabe wurden Lorenza Castella und Jascha Hannover mit ihrer im Januar 2021 in einer 55- und einer 45-minütigen Version ausgestrahlten Dokumentation „Das Wikipedia-Versprechen – 20 Jahre Wissen für alle?“ (Arte/ARD/WDR; vgl. MK-Kritik) ebenso gerecht wie aktuell María Teresa Curzio mit ihrem aufwendig erstellten 90-minütigen Dokumentarfilm „Wikipedia – Die Schwarmoffensive“. Inhaltliche Überschneidungen in den beiden genannten Filmen liegen in der Natur der Sache, wenn es um die Entstehungsgeschichte Wikipedias geht, aber auch andere Aspekte kommen in beiden Beiträgen vor.

Die hehre Absicht des Begründers Jimmy Wales war es, eine jederzeit und für jeden frei verfügbare Web-Enzyklopädie zu schaffen, deren Einträge von den Nutzern selbst abgefasst, weitergeschrieben und auch bearbeitet werden können. So soll das Wissen aus aller Welt offen zugänglich in einem Medium zusammengeführt werden. Klingt gut, klappt jedoch in der Praxis nur bedingt. Skepsis ist angebracht.

María Teresa Curzio hat sich in ihrem Film (Produktion: Hanfgarn & Ufer mit MTC Producciones) einiger Kritikpunkte angenommen und thematisiert sie auf einer sehr praktischen und personalisierten Ebene. Zum Beispiel in Gestalt des peruanischen Computerwissenschaftlers Elwin Huaman, der in Innsbruck lebt und forscht. Seine Muttersprache ist das indigene Quechua. Huaman möchte gern den Quechua-Anteil bei Wikipedia ausbauen, auch um diese Sprache zu erhalten. Doch die Wikipedia-Bestimmungen verlangen von den Autoren die Angabe schriftlicher Quellen. Ein wissenschaftlich korrektes Vorgehen, aber misslich, wenn eine Kultur wie die der Quechua auf mündlichen Überlieferungen beruht. Das bedeutet, Primärquellen können allenfalls mittelbar, beispielsweise durch ethnologische Studien und damit dann auch wieder gefiltert, eingebracht werden. (Die Problematik der mündlichen Überlieferung zählte beispielsweise zu den Aspekten, die auch im Film „Das Wikipedia-Versprechen“ thematisiert worden waren.)

Der Schwede Sverker Johansson befasst sich ebenfalls mit seltenen Sprachen. Er hat ein automatisches Programm – einen Bot – entwickelt, das selbsttätig Texte in fremden Sprachen verfassen und verändern kann. Aber wer kontrolliert beispielsweise Einträge, die in der polynesischen Sprache Cebuano verfasst wurden?

Logischerweise ist die Zahl der englischsprachigen Einträge größer als die in seltenen Sprachen, sie werden häufiger gelesen und daher auch eher korrigiert. Doch auch hier gibt es inhaltliche Asymmetrien, wie die Autorin exemplarisch aufzeigt. So sind die meisten Autoren männlichen Geschlechts und weiß, was die Themenwahl und die Inhalte, selbst die Bebilderung beeinflusst. Des Weiteren zeigen sich Unterschiede zwischen einzelnen Ländern. In Deutschland umfasst der Eintrag zu „Mammographie“ über 20.000 Zeichen, auf Türkisch sind es nur 1843. Frauengesundheit, so die Erkenntnis von Wikipedia-Analytikerinnen, ist durchweg unterrepräsentiert. Über amerikanische Porno-Darstellerinnen hingegen kann man sich bei Wikipedia eingehend informieren.

Ein weiteres Manko entsteht aus den sogenannten Editierkriegen. Insbesondere auf politischem Gebiet, aber auch bei der Darstellung von brisanten Themen wie Glyphosat, Firmen- oder Personenporträts wird von professionellen Wikipedia-Autoren Einfluss genommen. Zwar lassen sich alle Eingriffe nachverfolgen – aber wer tut das schon, wenn man mal schnell eine Information für eine Hausarbeit oder einen Artikel benötigt? Eine Erkenntnis der Autorin: Wer viel Zeit hat, an Wikipedia-Diskussionen mitzuwirken, besitzt Deutungsmacht. Bei diesen Diskussionen, auch das kommt zur Sprache, kann es sehr ruppig zugehen. Bis hin zu Übergriffen in die Privatsphäre.

Wenig bekannt ist, dass Wikipedia mit den Stiftungen von Internet-Giganten wie Amazon und Google im Bunde ist. Die spenden hohe Summen für das Recht, auf die Wikipedia-Inhalte zugreifen und sie kommerziell verwerten zu dürfen, beispielsweise für sprachgesteuerte Assistenzsysteme wie Alexa und Siri. Ein Abhängigkeitsverhältnis herrscht angeblich nicht.

Produktionstechnisch gibt es bei diesem Film eine Besonderheit. Während der Dreharbeiten traten die Corona-Einschränkungen in Kraft. María Teresa Curzio, auch Koproduzentin, macht dies vor der Kamera transparent. Geplante Reisen – Schauplätze des Films sind Schweden, Peru, Thailand, Frankreich, Kamerun, die USA – mussten unterbleiben. Stattdessen wurden jeweils örtliche Teams beauftragt, Interviews online geführt. Diese Hindernisse haben der Qualität nicht geschadet. Die Fotografie (Bildgestaltung: Marcus Lenz) ist hochwertig, originelle Computeranimationen veranschaulichen komplexe Zusammenhänge. So zeichnet der leidenschaftlich gestikulierende Programmierer Denny Vrandečić beim Sprechen unsichtbare Datenverknüpfungen in die Luft, die – eine pfiffige Idee – im Nachhinein computertechnisch verbunden wurden. Es war eine inhaltlich wie filmisch ansprechende Produktion, die 3sat mit „Wikipedia – Die Schwarmoffensive“ im Programm hatte. (In der 3sat-Mediathek ist der Film noch bis zum 8. März 2022 abrufbar.)

30.09.2021 – Harald Keller/MK

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