Margot Litten: Die Geheimnisse des Opus Dei – Glaube, Macht, Manipulation (ZDFinfo)

Himmel und Hölle

24.11.2021 •

Die konservative katholische Gemeinschaft „Opus Dei – Werk Gottes“ ist umgeben von einem Schleier, der nur erahnen lässt, was dahinter geschieht. Zu diesem Image hat die Gemeinschaft selbst beigetragen und sie darf sich deshalb nicht wundern, dass manche Zeitgenossen sie und ihr Gehabe mit einer Sekte vergleichen. Dabei erscheint der Grundgedanke, der den spanischen Priester Josemaría Escrivá de Balaguer 1928 zur Gründung dieser Gemeinschaft bewogen hat, durchaus respektabel: Heiligung des Alltags. Mitglieder der Gemeinschaft sollen ihrem zivilen Beruf nachgehen und dort, so gut es eben nur geht, aus christlicher Motivation wirken. In einer Dokumentation für ZDFinfo versuchte die Filmemacherin Margot Litten den „Geheimnissen des Opus Dei“ auf den Grund zu gehen.

Es gehören dieser Gemeinschaft heute weltweit rund 92.600 Mitglieder an, davon 600 in Deutschland. Die weitaus meisten Mitglieder sind Laien. Dabei ist schon der Begriff „Mitglied“ hier nicht ganz zutreffend, weil es beim Opus Dei so etwas wie eine Mitgliederliste wie bei einem Verein oder einer Partei nicht gibt. Man kennt sich, man trifft sich, man fühlt sich einem gemeinsamen Ziel verbunden, man hilft sich. Und man folgt gewissen Regeln, mögen sie Außenstehenden noch so abstrus erscheinen. So etwa der metallene Bußgürtel, der am Oberschenkel stundenweise getragen werden soll – die Spitzen nach innen. Oder die Geißel zur eigenen Züchtigung – beides in Erinnerung an das Leiden von Jesus. Die Verbundenheit mit Jesus solle damit dokumentiert werden, so jedenfalls erklärt es der Regionalvikar für Deutschland, Prälat Christoph Bockamp, gestenreich und formelhaft.

Margot Litten trägt in ihrem 45-minütigen Film eine Fülle von Material zusammen. Aussteiger beschreiben ihren Weg ins Werk, ihre anfängliche Begeisterung, aber auch die Manipulationen, die beispielsweise gewisse Bücher ebenso verbieten wie den Besuch von Kino oder Theater oder auch den Kontakt zur eigenen Familie. „Sie haben uns den Himmel versprochen, aber wir sind in der Hölle gelandet“, habe der Vater ihr über seine und seiner Ehefrau Opus-Dei-Zeit erzählt, berichtet eine Spanierin. Der deutsche Regionalvikar wiederum wiegelt ab, als er danach gefragt wird, ob auf Leute, die aussteigen wollten, Druck ausgeübt werde. Solches sei ihm nicht bekannt, jeder sei frei, beim Opus Dei mitzumachen. Und ebenso frei, die Gemeinschaft wieder zu verlassen. Allerdings räumt er ein, dass dies vom Einzelnen auch anders empfunden werden könne.

Der Autorin ist gelungen, Prälat Bockamp für ein Interview zu gewinnen. Sie deckt die engen Verbindungen zum Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki auf und zeigt, dass auch in der familiären und beruflichen Umgebung des früheren nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) eine gewisse Nähe zum Opus Dei herrscht. Wobei ausdrücklich betont wird, dass keiner der beiden „Mitglied“ ist.

Aber „Geheimnisse“, von denen der Titel der Sendung ja spricht, sind das nicht. Wer sich nur etwas in diesem Milieu auskennt, dem sind die genannten Umstände durchaus bekannt. Und ein Fall aus Spanien aus dem Jahr 2015, der suggeriert, dort habe das Opus Dei den Tod eines über 80-jährigen Familienvaters und Mitglieds der Gemeinschaft geplant und durchführen lassen, damit dessen Todestag auf einen Gedenktag des 2002 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochenen Gründers falle, ist dann doch ziemlich spekulativ.

Litten lässt keine Zweifel daran, dass das Opus Dei über seine Schulen, Krankenhäuser und Beteiligungen an lukrativen Firmen immer noch großen Einfluss besitzt, vor allem in der Gesellschaft Spaniens. Dieser Einfluss allerdings ist selten offengelegt. Das mag gleichfalls zu dem Image des Geheimbundes beitragen. Und offenbar hat das Werk vor allem in Süd- und Lateinamerika wie auch in Asien eine gewisse Attraktivität, denn dort wachsen angeblich die „Mitgliederzahlen“. Zudem mag Papst Franziskus, der dem Jesuitenorden angehört, nicht unbedingt ein Freund der Spiritualität des Opus Dei sein. Dennoch hat Franziskus, wie schon seine Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI., Priester zu Weihbischöfen und Bischöfen ernannt, die der Priesterbruderschaft des Opus angehören. Und wie der Vatikan-Experte Marco Politi im Film erklärt, sei das Opus für das Konklave der nächsten Papstwahl „gerüstet“, was immer das bedeuten mag.

Dem Film zufolge strebt das Opus Dei nach wie vor danach, Schlüsselpositionen in Politik und Gesellschaft zu besetzen – mit Katholiken, die dem Opus mehr als gewogen sind. Ein Drittel der Richter im spanischen Justizwesen stünden beispielsweise dem Opus Dei nahe. Der Zuschauer hätte aber schon auch gerne gewusst, welche deutsche Firma etwa vom Opus Dei beherrscht wird, welche Namen in Politik und Wirtschaft hierzulande, von denen man es bisher nicht wusste, zu dem Werk Gottes gehören. Das wäre das Lüften von Geheimnissen gewesen, hier aber herrschte Fehlanzeige. So bot die im Spartenkanal ZDFinfo „versteckte“ Dokumentation (Produktion: Strandgutmedia) zwar gute Grundlageninformationen für die, die bisher nichts oder nur wenig vom Opus Dei wussten, ließ aber hinsichtlich der Versprechungen im Sendetitel einiges zu wünschen übrig. (Der Film ist noch bis zum 8. November 2023 in der ZDF-Mediathek abrufbar.)

24.11.2021 – Martin Thull/MK

` `