Marcus Vetter: Das Forum – Rettet Davos die Welt? (Arte/ARD/SWR Fernsehen)

Über Status, Stolz und Mut

10.02.2020 •

Vom 21. bis 24. Januar fand im Schweizer Alpenort Davos zum 50. Mal das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums statt. Arte, das Erste Programm der ARD und das Dritte Programm SWR Fernsehen hielten für die aktuelle Berichterstattung dieses Mal ein ungewöhnliches Begleitprogramm parat: Sie zeigten Marcus Vetters Dokumentarfilm „Das Forum – Rettet Davos die Welt?“, der von den Jahrestreffen 2018 und 2019 eingerahmt wird. Die ersten beiden Sendetermine für den Film lagen vor der diesjährigen Jahreskonferenz, die dritte Ausstrahlung folgte einen Tag nach dem Ende der Veranstaltung. Im Fernsehen wurde die Produktion nun in einer 90-minütigen Länge gezeigt; im Kino, wo der Film im November 2019 lief, gab es eine zweistündige Fassung zu sehen.

Welchen Status das „World Economic Forum“ (WEF) hat, macht unter anderem eine in dem Film genannte Zahl deutlich: 2018 waren unter den rund 3000 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft 331 Personen mit Ministerrang. Nach Meinung von Jennifer Morgan, Leiterin von Greenpeace International und selbst Teilnehmerin der Tagung, trifft sich in Davos „die letzte Generation der Entscheidungsträger“, die die Klimakatastrophe noch verhindern kann.

In weiten Teilen ist dieser Dokumentarfilm (Drehbuch: Christian Beetz, Georg Tschurtschenthaler) ein Porträt des 81-jährigen WEF-Gründers Klaus Schwab. Regisseur Marcus Vetter begleitet den deutschen Wirtschaftswissenschaftler auch auf Reisen und so bekommt man einen Eindruck von der Arbeit, die das WEF zwischen den Jahrestreffen leistet. Schwab besucht zum Beispiel die Firma Zipline, die im ostafrikanischen Land Ruanda Drohnen für medizinische Produkte baut, um so den logistischen Problemen im Land – schlechte Straßenverhältnisse – zu begegnen.

Vetter sagt, bei den Gesprächen in Davos habe man ihn oft „nach wenigen Minuten gebeten zu gehen, und ich konnte nur das Anfangsgeplänkel übers Wetter einfangen“. So zitierte ihn der Berliner „Tagesspiegel“ in einer Rezension des Films. Dass Vetter nicht dabei war, wenn es – möglicherweise – ans Eingemachte ging, ist aber gar nicht unbedingt von Nachteil. Eine der stärksten Passagen des Films besteht de facto aus „Anfangsgeplänkel“: In einem Raum sitzen führende Vertreter globaler Konzerne – darunter die Bayer AG und die Großbank HSBC – mit US-Präsident Donald Trump zusammen. Als sie sich persönlich vorstellen, präsentieren die Wirtschaftsbosse Zahlen zu den geschäftlichen Aktivitäten ihrer Unternehmen in den USA: „Wir werden etwa 16 Milliarden Dollar investieren“ – „Aktuell haben wir 22.000 Angestellte in den USA“ – „Wir haben einige bekannte US-Marken aufgekauft.“ Trump lobt all die Manager gönnerhaft, als wären sie fleißige Schüler.

Der in diesem Sinne größte Streber tritt – jedenfalls in dieser Filmsequenz – zum Schluss auf. Bill McDermott, bis Herbst 2019 Chef von SAP, dem größten europäischen Software-Hersteller, sagt zu Trump: „Ich möchte Ihnen Tribut zollen für das Momentum, das sie in der globalen Wirtschaft geschaffen haben. Danke dafür.“ Es erfülle ihn, so McDermott weiter, „mit Stolz“, dem Präsidenten sagen zu können, „dass die Missionen der Army und der Navy durch Software von SAP ermöglicht werden“. Dieser Smalltalk – eine Mischung aus Männlichkeitsgehabe und Autoquartettspiel – sagt über einige der wichtigsten Unternehmenslenker der Welt mindestens so viel aus, wie manche von ihnen getroffene geschäftliche Entscheidung.

„Das Forum – Rettet Davos die Welt?“ ist ein beobachtender Dokumentarfilm. Mit diesem Prinzip bricht Vetter an einer Stelle, und zwar relativ früh im Film. Er greift Klaus Schwab scharf an, weil der Glyphosat-Hersteller Monsanto (der seit 2018 zum Bayer-Konzern gehört) zu den „Partnern“ des Weltwirtschaftsforums gehört. Vetter hakt, in empörtem Tonfall, mehrmals nach und Schwab muss sich erst einmal ein bisschen sammeln, eher er über das – gelinde gesagt – umstrittene Unternehmen Sätze ausspricht wie: „Es ist nicht alles so schwarz, wie es aussieht.“

Diese sehr persönliche Intervention des Regisseurs und Mitautors funktioniert als formaler Bruch sehr gut. Und sie hallt lange nach: Man hat Vetters Kritik an Schwab auch noch an manch anderen Stellen des Films im Kopf – zum Beispiel als der WEF-Gründer den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro bei der Jahrestagung 2019 mit den Worten begrüßt: „Wir sind gespannt, Ihre Vision zu hören.“ Bei aller Wertschätzung für höfliche Umgangsformen: Gegenüber einem Politiker, der aus seinem rechtsextremen Weltbild nie einen Hehl gemacht hat, ist dieser Tonfall („Vision“) nicht angemessen.

Jennifer Morgan von Greenpeace, die von Marcus Vetter als eine Art Antagonistin Schwabs in Szene gesetzt wird, agiert in dieser Hinsicht aber auch nicht viel besser. Bei einem Empfang bringt sie bei einem sehr kurzen Gespräch mit Bolsonaro kein kritisches Wort über ihn hervor. Gleich darauf erzählt sie einer ihr bekannten Tagungsteilnehmerin erkennbar stolz: „Ich habe eben mit Bolsonaro gesprochen.“ So schwer, wie die Kollegin vermutet („Oh mein Gott, wie hast du denn das geschafft?“), war das aber keineswegs. Die Kamera fängt jedenfalls gut ein, dass Bolsonaro bei dem Empfang herumsteht wie bestellt und nicht abgeholt. Allzu viele Menschen wollten in Davos, wo er 2019 zum ersten Mal dabei war, dann offenbar lieber doch nicht mit ihm reden.

Am Ende des Films sagt Jennifer Morgan mit Bezug auf Klaus Schwab und dessen Haltung zum Thema Klimawandel, die aus ihrer Sicht zu defensiv bzw. zu wenig „aufrüttelnd“ ist: „Man braucht Mut. Man muss gewillt sein, seine Beziehungen und seinen Status zu riskieren.“ Wer Morgan in „Das Forum“ gesehen hat, dürfte sich allerdings nicht sicher sein, ob auch sie selbst solchen Mut hat. (Der Film ist noch bis zum 20. März in der ARD-Mediathek abrufbar.)

10.02.2020 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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