Marco Schreyl. Täglicher Nachmittagstalk (RTL)

Mission Daily Talk 4.0, nicht unerfüllbar

24.03.2020 •

Der Privatsender RTL hat im Februar sein Nachmittagsprogramm umgekrempelt. Neben einer neuen Variante des ZDF-Trödelklassikers „Bares für Rares“ („Kitsch oder Kasse“ mit Oliver Geissen, ab 15.00 Uhr) und einer neuen Variante des Show-Schnellkochens („Hensslers Countdown – Kochen am Limit“ mit Steffen Henssler, ab 17.00 Uhr) startete mit „Marco Schreyl“ auf dem 16.00-Uhr-Sendeplatz ein neuer – Achtung, Reizwort! – Daily Talk.

Daily Talk, das löst sofort ungute Erinnerungen aus an TV-Exzesse der 1990er bis 2000er Jahre. Der Letzte, der den Neustart auf diesem verbrannten Fernsehfeld versuchte, hieß Detlef Soost und führte vor drei Jahren unter selbigem Namen die Tradition der enthemmten Kommunikation bei RTL 2 so unangenehm fort (vgl. MK-Kritik), dass er nach 22 Wochen auf Nimmerwiedersehen verschwand. Die Hypothek für die am 10. Februar gestartete neue Sendereihe „Marco Schreyl“ könnte also nicht höher sein.

Umso stärker scheint bei RTL der Wille, sich von den Hans Meisers und Jürgen Flieges des Daily-Talk-Archaikums und erst recht von den auf Krawall gebürsteten Britts und Annicas der Folgezeit abzugrenzen. Die ersten 20 Ausgaben von „Marco Schreyl“ haben jedenfalls gezeigt: Die Mission Daily Talk 4.0 scheint nicht unerfüllbar. Tägliches Reden am Nachmittag muss nicht mehr hart an der Relevanz vorbei in Richtung Trash gehen, sondern es kann fair sein im Sinne von sorgfältig vorbereitet, von echt und ernsthaft in der Themenaufbereitung bis hin zur Ausführung vor der Kamera.

Schon die Premierensendung – es ging um den Pflegenotstand – gab den neuen Ton vor: Bei „Marco Schreyl“ wird weder über Schamhaarfrisurentrends geredet noch jemand an den Lügendetektor angeschlossen. Das Themenspektrum ist deutlich breiter als die definierte Brust des ehemaligen Turners und jetzigen Talkshow-Titelgebers Marco Schreyl, der hier übrigens nach längerer RTL-Pause sein Sendercomeback gibt. Das Spektrum umfasst Tierschutz und vegane Ernährung, sehr junge oder sehr späte Mutterschaft, seltene Krankheiten, Kleiderregeln für die Schule, Raser-Wahnsinn auf deutschen Straßen und – ja, das auch – die Abteilung „Penthouse“ („Wie viel Sex ist normal?“), aber nur in dezenter Weise.

Gleich, welches Thema, es wird stets in eine Statistik oder Umfrage eingebettet oder in einen aktuellen Bezug gesetzt. Der Welt-Down-Syndrom-Tag naht? Da wird ein junger Vater eingeladen, dessen Sohn „anders“ ist. Hugh Grants Vater, 91, datet Matthew McConaugheys 87-jährige Mutter? „Spätes Glück“ gibt’s nicht nur in Hollywood – und so nehmen Christa und Siegfried aus einem Seniorenstift auf Schreyls Sofa Platz.

Manchmal schafft auch eine MAZ aus dem RTL-Magazinreich die Relevanz für eine „Marco-Schreyl“-Sendung: Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hat gegenüber einem RTL-Reporter ihr Bedauern über ihre eigene Kinderlosigkeit geäußert? Da ist das Thema „Kinderlos und glücklich?“ gesetzt (zwar nicht mit Wagenknecht als Gast, aber einer Buchautorin). Das Studiopublikum macht die Zahlen- und Faktenhuberei komplett, indem es regelmäßig per Voting-Apparat abstimmen darf, zum Beispiel dazu, ob Frauen mit über 50 noch Kinder bekommen sollten.

Zur Kontroverse taugt nicht jedes Thema, weshalb auch nicht immer Gäste gegenteiliger Meinung am Diskussionstresen stehen. Doch wenn, dann ist es erfreulicherweise so: Alle Redewilligen dürfen bei Schreyl ausreden. Es geht zivilisiert zu. Es werden sogar lösungsorientiert Argumente ausgetauscht. So gut wie nie steigt die Lautstärke an. Und laufen die Backen doch einmal rot an, wie es zu beobachten war in der Sendung mit der Umweltaktivistin Maira Kellers – sie ist erst 14 und gab sich zum Thema „Fridays for Future – reale Angst oder Panikmache?“ aber sowas von gretaesk-engagiert –, dann versucht der Moderator den Gast etwas zu bremsen, was ihm hier auch problemlos gelang.

Marco Schreyl, früher einmal bei RTL Host der Shows „Deutschland sucht den Superstar“ und „Das Supertalent“ und heute vielbeschäftigter Gesprächsleiter in diversen Hörfunktalks, ist ein versierter, ein guter Frager, der sein Interesse am Gegenüber natürlich auf dem aufbaut, was ihm seine Redaktion (von der Produktionsfirma Filmpool Entertainment) in die Moderationskarten geschrieben hat. Ob der im Rollstuhl sitzende Comedian Carl Josef oder Kölns früherer Oberbürgermeister Fritz Schramma, dessen Sohn 2001 getötet wurde, als zwei Raser mit ihren Autos in eine Menschenmenge jagten – Schreyl weiß Neugier und Empathie auszubalancieren, gerade bei schicksalsbehafteten Themen. Vom intimen Zweiergespräch ausgehend (meist sitzen Schreyl und sein Gegenüber zu Beginn einer Sendung bei gedimmtem Licht auf Barhockern) öffnet er nach und nach die Gesprächsrunde, bindet weitere Gäste ein und die sogenannten Experten auf dem Mini-Podest.

Je nach Thema sitzt da in einem der vier eierschalenfarbigen Egg Chairs ein Psychologe, eine Hebamme oder ein Anwalt, allesamt schon fernseherfahren, und ordnet die Causa fachlich ein. Für die emotionale Einordnung und unterhaltsame Erbauung sind dagegen „Promis“ zuständig wie die Schauspieler Jochen Horst und Jenny Elvers, die Moderatorin Sonya Kraus, der Ex-Fußballprofi Mario Basler oder die RTL-Dschungelcamp-Veteranin Natascha Ochsenknecht. Stellt Schreyl sie vor, vergisst er nie zu erwähnen, ob sie Kinder sie haben und, wenn ja, wie viele. Stets fordert er, wenn sie Kinder haben, von den für die Einordnung Zuständigen dann auch deren Erfahrung als Vater oder Mutter ein – und stellt damit Nähe her zu einem reiferen Zielpublikum, das RTL mit „Marco Schreyl“ offenbar erreichen will. Wenn möglich, auch öfter live.

Es dauerte drei Sendewochen und eine halbe, bis das Schreyl-Team seine Ankündigung einer Live-Sendung wahrmachte und mal wirklich „aktuell“ war. Das Thema „Coronavirus – Die unsichtbare Gefahr?“ passte genau in den betreffenden Nachrichtentag, weil Italien ein paar Stunden zuvor wegen des Virus landesweite Schulschließungen verkündet hatte. Nur, was da in unbändigem Recherche-Eifer an Aspekten und Gästen (darunter zwei aus Heinsberg, dem Coronavirus-Hotspot in NRW) in die Sendung geholt wurde, passte eigentlich kaum in brutto 60 Sendeminuten. In sich ruhend und doch rastlos eilte Schreyl zwischen seinen Gesprächspartnern hin und her, brachte Reaktionen aus den sozialen Medien ein, wie man es aus anderen Live-Talks kennt, informierte zwischendrin auch noch über das brandaktuelle Ergebnis der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen – und wurde jedem Einzelnen nicht gerecht. Als die Stunde um war, blieb ihm nur noch Zeit für das abrupte Schlusswort: „Wie Sie sich schützen können, erfahren Sie auf RTL.de.“

Live, das zeigte sich nun auch bei „Marco Schreyl“ wieder, ist schwer zu timen. Doch nach dem ersten Probelauf justierte RTL nach – wie schon in den Wochen zuvor. Man konnte vom Start weg dem Format dabei zusehen, wie es sich entwickelte. Zuerst verschwanden Bilder und O-Töne aus dem Backstage-Gewusel zwischen Puderpinseln und Kabelsalat. Was wohl als Authentizität betonender Themenblocktrenner gedacht war, fraß nur Sendezeit. Weg damit. Gut so. Zur Sendewoche 4 kam die Einsicht, dass bei drei Themen pro Sendung keine Relevanz und Tiefe zu erzeugen ist, womit „Marco Schreyl“ ja punkten will. Also beschränkt man sich seither auf maximal zwei. Das bedeutet weniger Hektik im Schnitt, mehr Ruhe im Gespräch. Das Format ist dabei, sich zu finden. Und RTL geht offenbar davon aus, dass das Thema Coronavirus dazu beitragen könnte, von immer mehr Zuschauern gefunden zu werden.

Mit Beginn der Corona-bedingten bundesweiten Schul- und Kitaschließungen (16. März) schaltete „Marco Schreyl“ ab dem folgenden Tag durchgängig auf Live-Betrieb. „Marco Schreyl Live“ heißt das Format seither denn auch und die Sendezeit wurde sogar um eine halbe Stunde nach hinten gestreckt bis zur Soap „Unter uns“ (17.30 bis 18.00 Uhr), so dass TV-Koch Steffen Henssler mit Messer und Pfannen pausieren musste. Statt über „Transgender – im falschen Körper geboren“ und ähnlich Gesellschaftsbewegendes zu plaudern, gibt es seither nur noch das eine Gesprächsthema: Corona (offen ist, wie lange das so bleibt).

Im, wie es jetzt angebracht ist, publikumsleeren Studio schart Moderator Schreyl also ein halbes Dutzend (mehr sind es nicht) „Marco-Schreyl“-erprobter Experten und Promis zum Gesprächskreis, die Sessel auf mehr als eine Armlänge Distanz drapiert. Alarm und Hysterie ist ihre Sache nicht, was sicher auch daran liegt, dass wie in den ‘normalen’ Ausgaben zuvor stets ein Psychologe oder eine Psychologin beruhigende Wirkung entfalten. Ruhe und Besonnenheit haben offenbar oberste Priorität. Die News-Power seines Senders macht sich der Daily Talk zunutze mit Live-Schalten etwa zum RTL-Korrespondenten in Rom oder zu einem Corona-Update ins Studio der Nachrichtensendung „RTL aktuell“. Zuschauer können zudem ihre Fragen und Sorgen über Social Media einreichen.

Im programmübergreifenden Sondersendungsgewitter, das in diesen Tagen auf die Nation in der Krise heruntergeht, macht „Marco Schreyl“ eine erstaunlich gute Figur. Mal sehen, ob das nach Corona auch so bleiben wird.

24.03.2020 – Senta Krasser/MK