Marcin Wierzchowski: Hanau. Eine Nacht und ihre Folgen (HR Fernsehen)

Sagen, was geschah

12.03.2021 •

Said Etris Hashemi wurde beim rassistischen Terroranschlag von Hanau am 19. Februar 2020 in einer Bar von drei Schüssen getroffen, eine Kugel verursachte eine stark blutende Wunde an seinem Hals. Als vor der Bar die Nachricht kursierte, der Terrorist sei noch einmal zurückgekehrt, sah er sich plötzlich als Schutzschild missbraucht: Rettungskräfte nutzten die Trage, um sich dahinter vor zu erwartenden Schüssen zu verstecken. „Da denkt man sich erst mal, ich bin im falschen Film“, sagt Hashemi dazu.

Diese Formulierung fällt so oder so ähnlich mehrmals in der Dokumentation „Hanau. Eine Nacht und ihre Folgen“, die der Hessische Rundfunk (HR) in seinem Dritten Fernsehprogramm ausstrahlte. Auch ein anderer Überlebender des Anschlags, bei dem insgesamt neun Menschen ermordet wurden, äußert sich so, desgleichen der Vater eines Opfers. Sie beziehen sich dabei auf zahlreiche fragwürdige Vorkommnisse in der Tatnacht. Der „falsche Film“ ging für Said Etris Hashemi, dessen Bruder Said Nesar bei dem Anschlag getötet wurde, noch weiter. Als er bereits im Krankenwagen lag, habe ein Polizei-Einsatzleiter zunächst die Abfahrt gestoppt, erzählt Said Etris Hashemi in der HR-Dokumentation. Er, der Beamte, habe den Abtransport erst freigeben wollen, wenn „die Situation geklärt“ sei. Der Polizist gefährdete somit das Leben des Schwerverletzten.

Autor Marcin Wierzchowski greift im Film „Hanau. Eine Nacht und ihr Folgen“ zahlreiche solcher Kritikpunkte auf, die die in der „Initiative 19. Februar“ zusammengeschlossenen Überlebenden und Angehörigen seit rund einem Jahr formulieren: Warum hatte der Täter, ein 43-jähriger Hanauer, überhaupt einen Waffenschein, obwohl seine Veröffentlichungen im Internet nahelegten, dass eine Gefahr von ihm ausgeht? Warum war der Notruf der Polizei nicht erreichbar, als der später vom Mörder erschossene Vili-Viorel Păun den Täter vom ersten zum zweiten Tatort verfolgte? Warum hat ein Polizist den ermordeten Hamza Kurtović in einem Bericht als „orientalisch-südländisch“ beschrieben, obwohl er doch blond, blauäugig und hellhäutig war? Von „behördlichem Rassismus“ spricht Kurtovics Vater Monate später am Rande einer Anhörung vor dem hessischen Landtag in Wiesbaden.

Mit den im Titel der Dokumentation genannten „Folgen“ sind auch solche gemeint, die in der Berichterstattung über rechtsextremistischen Terror sonst nicht unbedingt eine hervorgehobene Rolle spielen. „Viele Angehörige der Opfer sind lange Zeit nicht arbeitsfähig“, heißt es im Film. Cetin Gültekin, der in der Anschlagsnacht seinen Bruder Gökhan verloren hat, gehört zu ihnen. Über den Täter sagt der Hinterbliebene: „Er hat auch uns getötet.“

Das Leiden der Angehörigen der Opfer und der Überlebenden wird verstärkt durch die Bedrohung, die offenbar von dem 73-jährigen Vater des Täters ausgeht. Der hatte kurz nach dem Massenmord diverse von rassistischer Ideologie geprägte Strafanzeigen gestellt, unter anderem um zu erreichen, dass die Bilder der Ermordeten aus dem Hanauer Stadtbild verschwinden und die Website seines Sohnes wieder online geht.

Dass der Vater in gewisser Weise das Werk seines Sohnes fortzusetzen gedenkt, erfuhren die Überlebenden und die Hinterbliebenen erst Monate später aus der Presse. Stattdessen mussten sie erleben, von der Polizei als potenzielle Straftäter gesehen zu werden: Diese Haltung kam in sogenannten Gefährderansprachen zum Ausdruck, in denen ihnen deutlich gemacht wurde, dass sie sich dem Vater des Täters nicht nähern dürften. „Es wurde uns unterstellt, dass wir die Bösen sind“, sagt Saida Hashemi, die Schwester des getöteten Said Nesar Hashemi.

Die große Stärke von Marcin Wierzchowskis Film ist, dass er sich auf die Perspektive der Überlebenden und der Hinterbliebenen konzentriert. Es ist ein Verdienst des Films, dass er aufzeigt, wie der strukturelle Rassismus im Umgang mit dem Opfermilieu in Hanau jenem ähnelt, das deutsche Behörden nach der Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) an den Tag legten. Wohlgemerkt: Wierzchowski bringt die Zuschauer dazu, diese Bezüge selbst herzustellen zu können, er benennt sie nicht. Der Off-Text ist in diesem Film ohnehin recht knappgehalten und das ist gut so.

Der Film „Hanau. Eine Nacht und ihre Folgen“ (Redaktion/HR: Sabine Mieder und Esther Schapira) wurde bereits zwei Tage vor seiner linearen Ausstrahlung in der ARD-Mediathek zugänglich gemacht; verschiedene Zitate der Interviewten und Ausschnitte aus der 45-minütigen Dokumentation fanden in der aktuellen Berichterstattung der ARD an mehreren Stellen Verwendung, etwa in den ARD-„Tagesthemen“ am Vorabend des Jahrestages. In der ARD-Mediathek ist die Dokumentation noch bis Februar 2022 zum Anschauen abrufbar.

Von Autor Marcin Wierzchowski stammt noch ein weiterer anlässlich des Jahrestages ausgestrahlter Film: „Das Attentat von Hanau. Ein Jahr voller Trauer und Wut“. Dieser Beitrag war am 19. Februar um 19.40 Uhr im Rahmen der Arte-Reportage-Reihe „Re:“ zu sehen. Der 30-minütige Film war dementsprechend anders strukturiert als der 45-Minüter und der Autor griff dabei teilweise auch auf anderes Material zurück. Das HR Fernsehen wiederholte die Reportage am 20. Februar um 17.15 Uhr. Langfristig will Wierzchowski sein Material auch noch für einen Kinofilm nutzen. „Warum nicht sagen, was geschah?“ lautet der Arbeitstitel des Projekts.

12.03.2021 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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