Marc Wiese: Die Unbeugsamen. Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen (Arte)

Hohe politische Relevanz

09.06.2020 •

„Ihr seid mein Gegner, ihr seid Müll.“ Das sagt der philippinische Präsident Rodrigo Duterte bei einem Pressetermin seiner Regierung zu einer Reporterin der Online-Zeitung „Rappler“. Der Begriff „Fake News“ fehlt natürlich ebenfalls nicht in seiner Tirade. Die Journalistin wiederholt mehrmals ihre Fragen, schließlich wird ihr Mikrofon ausgestellt.

Wenn man solche Beleidigungen hört, fühlt man sich an den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump erinnert. Viele philippinische Bürger würden das wahrscheinlich umgekehrt wahrnehmen: Trump erinnert sie an Duterte. Denn man kann in vielerlei Hinsicht den Regierungschef des südostasiatischen Inselstaats als eine Art zweifelhaften Vorreiter Trumps sehen.

Das legen insbesondere Äußerungen Maria Ressas nahe. Sie ist die Herausgeberin des „Rappler“-Portals – und die zentrale Figur in Marc Wieses Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen. Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen“ (Produktion: Dreamer Joint Venture). Die philippinische Regierung sei die erste gewesen, der es gelungen sei, „Fakten in Lügen zu verwandeln“, sagt Ressa. Dank der Beherrschung digitaler Werkzeuge hätten Duterte und seine Helfershelfer das Land in eine Autokratie verwandelt.

Manchen deutschen Journalisten ist Maria Ressa, 2018 vom US-Magazin „Time“ zur „Person des Jahres“ gewählt, möglicherweise auch bekannt, weil sie zu den Gesprächspartnerinnen in Tom Schimmecks Hörfunkfeature „Der Wahrheit verpflichtet. Über den Machtverlust des Journalismus“ gehörte (RBB Kultur wiederholt die im Januar 2020 von mehreren Hörfunkwellen in der Reihe „ARD-Radiofeature“ ausgestrahlte SWR-Produktion noch einmal am 17. Juni um 22.04 Uhr).

In Marc Wieses 85-minütigem Film bekommt man mit, wie eine Gruppe von Trollen dem „Rappler“-Team gefährlich nahekommt. Die Männer stehen im Eingangsbereich der Redaktion, übertragen den Auflauf bei Facebook Live. In Echtzeit melden sich Anhänger der Eindringlinge mit Gewaltaufrufen gegen die Journalisten zu Wort. Regisseur Wiese ist zu diesem Zeitpunkt gerade selbst in der Redaktion, um ein Interview zu führen.

Dass Duterte und seine Anhänger wütend sind auf den „Rappler“, erklärt sich unter anderem durch die Berichterstattung der Plattform über staatliche Auftragsmorde. Seit dem 30. Juni 2016 ist Duterte Präsident der Philippinen und allein bis zum Januar 2017 ließen Regierung und Polizei im Rahmen eines von ihnen propagierten „Drogenkriegs“ 7000 Menschen töten. Für die Zeit danach ließen sich keine verlässlichen Zahlen mehr nennen, meint Maria Ressa.

Duterte hatte diese Morde vorher in einer Rede angekündigt: „Ich werde euch töten.“ Das war an Menschen gerichtet, die nicht bereit waren, dem Drogenkonsum abzuschwören. Im Dezember 2019 rief Duterte sogar dazu auf, katholische Bischöfe zu töten. Wie der Staat Philippinen in einen gewissermaßen präzivilisatorischen Zustand geraten ist – Marc Wiese beschreibt es so nüchtern wie möglich. Ohne Geraune, ohne Dramatisierung.

Wiese wurde 2015 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet – für den Dokumentarfilm „Camp 14“, der die Geschichte eines Mannes erzählt, dem die Flucht aus einem nordkoreanischen Umerziehungslager gelang, in dem er bis dato sein gesamtes Leben verbracht hatte. Es war „einer der wichtigsten und eindrücklichsten Dokumentarfilme der letzten Jahre“, schrieb der Dokumentarfilmexperte Fritz Wolf damals anlässlich der Preisverleihung. Die politische Relevanz von „Die Unbeugsamen“ ist ähnlich hoch, weil man – gerade mit Blick auf die aktuelle Entwicklung in Brasilien und den USA –befürchten muss, dass die staatlichen und gesellschaftlichen Normen auch anderswo auf eine ähnliche Weise aus den Fugen geraten könnten wie auf den Philippinen.

Wiese konzentriert sich bei seinen Gesprächen auf wenige Personen: Chay Hofileña, die Leiterin des Investigativ-Ressorts beim „Rappler“, ist die zweite Journalistin, die zu Wort kommt. Der einzige Politiker, den er interviewt, schwebt in ähnlicher Gefahr wie Maria Ressa: Es ist Anthonio Trillanes, ein vehementer Kritiker Dutertes. Andere Regisseure hätten vielleicht hier noch einen Politikwissenschaftler befragt und dort noch einen Diplomaten, aber Wiese macht nicht den Fehler, den Film mit Experten zu überfrachten.

Die Hälfte der Personen, die Marc Wiese für seinen Film interviewt hat, sind Auftragskiller, die sich für die Gespräche vermummt haben. Normalerweise ist es ja moralisch fragwürdig, mehrfache Mörder ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Aber angesichts der derzeitigen Regellosigkeit auf den Philippinen – die Mörder leben in Freiheit – ist das in diesem Fall durchaus stimmig. Einer weiß nicht einmal, wie viele Menschen er getötet hat. Oder er gibt zumindest vor, es nicht zu wissen. „Ich töte die Menschen, aber ich zähle nicht“, sagt er.

Der Originaltitel des (als SWR-Zulieferung) vom deutsch-französischen Sender Arte ausgestrahlten Films lautet „We hold the line“, also „Wir halten die Stellung“. Unter ihrem Originaltitel wurde die Produktion auch auf dem diesjährigen Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern (5. bis 10. Mai) gezeigt, das aufgrund der Corona-Pandemie ausschließlich online stattfand. Für die französische Ausstrahlung gab Arte France Wieses Film den Titel „Permis de tuer aux Philippines“, was übersetzt ungefähr bedeutet: „Erlaubnis zum Töten auf den Philippinen“.

Dieser Titel bezieht sich also auf das zweite Hauptthema des Films, insofern ist er nicht abwegig. Damit wird aber ein ganz anderer Schwerpunkt gesetzt als mit dem Originaltitel, der sich auf eine kurze Ansprache Maria Ressas bezieht, die im Film zu sehen ist: Zum wiederholten Mal hatte sie eine Nacht im Gefängnis verbringen müssen, dieses Mal war sie vom National Bureau of Investigation (NBI) in der Redaktion verhaftet worden. Nach ihrer Freilassung auf Kaution steht sie dann inmitten einer Traube von Journalisten, die ihr Mikrofone entgegenhalten. Die Journalistin formuliert dramatische Worte: „Was wir sehen, ist der Tod durch tausend Schnitte in unserer Demokratie und ich appelliere an Sie, sich uns anzuschließen.“ Am Ende sagt sie: „We will not hide, we will hold the line“ („Wir werden uns nicht verstecken, wir werden die Stellung halten“).

Diese Szene ist der emotionale Höhepunkt des Films (der noch bis zum 16. August in der Mediathek von Arte abrufbar ist). Die Formulierung „We will hold the line“ wird auch in einem offenbar eigens für die Film komponierten Song namens „Freedom is not given“ aufgegriffen, der im Abspann zu hören ist. Die letzten beiden Zeilen des Songtextes lauten „We will hold the line“ bzw. „We’ll hold the line“. Es sind also die letzten ausgesprochenen Worte im gesamten Film. Marc Wiese unterstreicht damit gewissermaßen noch einmal die Bedeutung des Titels.

Der deutsche Arte-Titel „Die Unbeugsamen“ paraphrasiert zwar plausibel die Botschaft „Wir werden die Stellung halten“ – aber der Zusatztitel „Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen“ verengt das Thema des Films eher. Hinzu kommt: Jenseits von sehr kleinen Spezialistenzirkeln, die sich mit der Pressefreiheit in südostasiatischen Ländern beschäftigen, wird man mit dieser Formulierung kaum Zuschauer anlocken.

Dass Filme im Fernsehen einen anderen Titel bekommen als im Kino und dass Titel in der Übersetzung eine andere Bedeutung bekommen – das ist nicht unbedingt ungewöhnlich. Dennoch bietet sich dieses krasse Beispiel mit gleich drei verschiedenen Titeln dafür an, darüber zu diskutieren, was Fernsehredakteure eigentlich für eine Vorstellung von einem künstlerischen Werk zum Ausdruck bringen, wenn sie dessen Titel ändern. Wäre ein ähnlich despektierlicher Umgang bei einem Buch oder einem Gemälde denkbar? Vermutlich nicht.

09.06.2020 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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