Marc O. Seng/Andreas Linke/Andreas Senn: Unbroken. 6‑teilige Serie (ZDFneo)

Furiose One-Woman-Show

14.03.2021 •

Kindesentführungen gehören zu den Standard-Sujets von Krimis. Nicht zuletzt weil da Spannung unweigerlich mit Empathie für die kleinen Opfer und deren Eltern einhergeht. Kidnapping eines Babys aus dem Mutterleib heraus ist hingegen eine eher ungewöhnliche und durchaus kühne Variante dieses Stereotyps. Doch genau das soll der Duisburger Kommissarin Alexandra Enders, von allen nur Alex genannt, widerfahren sein. Glaubt sie jedenfalls.

Sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin wurde sie von Unbekannten auf einem Parkplatz gekidnappt und narkotisiert. Als sie mehrere Tage danach in einem Waldstück erwacht, trägt sie ein weißes Hemd, das im unteren Bereich große Blutflecke aufweist. Das Kind ist nicht mehr in ihr. Ansonsten kann sich Alex an nichts erinnern, was ihr seit der Entführung geschehen ist. Doch die ärztliche Untersuchung ergibt, dass das Baby, vermutlich durch Verabreichung von Wehen fördernden Mitteln, auf natürlichem Weg zur Welt gekommen sein muss. Auch wenn die Menschen in ihrer Umgebung diesbezüglich gehörige Zweifel haben, steht für die Fahnderin fest, dass ihr Kind lebt. Und fortan ist ihr ganzes Dasein von dem Bemühen bestimmt, es zu finden.

Diese Suche prägt die bei ZDFneo ausgestrahlte sechsteilige Serie „Unbroken“ von der ersten bis zur letzten Minute und mit wirklich großem Thrill. Wieder im Dienst, sucht Alex praktisch in jedem Fall, mit dem sie es zu tun bekommt, irgendwelche Verbindungen zu ihrer Entführung. So stößt sie auf den zwielichtigen Immobilien-Unternehmer Radu Motrescu (Aleksandar Tesla), der nebenbei einen florierenden Handel mit ausländischen Babys betreibt, um deutschen Paaren ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Eine rumänische Leihmutter, die nach Deutschland gekommen ist, um ihr Kind zurückzuholen, bezahlt den Versuch mit dem Leben. Deren Mörder fasst Alex eher nebenbei, eine Spur zu ihrem Kind findet sie dort allerdings nicht. So führt die Serie bis zum durchaus überraschenden Showdown eine ganze Reihe weiterer Verdächtiger ins Feld und legt dabei die ein oder andere falsche Fährte zu viel.

Es dauert bis zur dritten Episode (die Folgen sind je 43 Minuten lang), bis jener Motrescu die zunehmend Verzweifelte darauf hinweist, in Anbetracht der besonderen Umstände der Tat die Räuber ihres Kindes in ihrem unmittelbaren Umfeld zu suchen. Darauf hätte die erfahrende Kommissarin eigentlich auch schon früher kommen können. Aber so findet Alex nun Indizien, die ihren Box-Trainer und Ex-Freund Jakob (David Owe) und schließlich sogar ihren Vorgesetzten und väterlichen Freund Paul Nowak (Özgür Karadeniz, in ganz ähnlicher Rolle auch in der ZDF-Krimireihe „Nachtschicht“ mit von der Partie) zu Verdächtigen machten.

Auf der anderen Seite hegen immer mehr Menschen in ihrer Umgebung den Verdacht, die Mutter könnte ihr Baby nach der Geburt selbst entsorgt haben. Schließlich hatte sie doch kurz vor ihrer Verabschiedung in den Mutterschutz Nowak gegenüber erklärt, das Kind eigentlich gar nicht zu wollen. Die Polizei-Psychologin Kathrin Brenner (Leslie Malton) hält diese Version jedenfalls für durchaus plausibel.

Auch als Zuschauer weiß man irgendwann nicht mehr, ob der zunehmend obsessiv agierenden Alex eine solche Tat nicht sogar zuzutrauen wäre. Andererseits hat sie zuvor bei ihrer emsigen Spurensuche, die immer neue Szenarien wahrscheinlich werden ließ, einen durchaus glaubwürdigen Eindruck hinterlassen. Und es gehört fraglos zu den Verdiensten der Autoren Marc O. Seng und Andreas Linke, im Verbund mit Regisseur Andreas Senn die Spannung bis zum Schluss hochzuhalten und dabei immer wieder rasant montierte Momente von großer Intensität zu schaffen (Schnitt: Achim Seidel). Dabei erzählen sie die Geschichte bis auf wenige Rückblenden weitgehend chronologisch, ohne den Zuschauern einen Wissensvorsprung zu gewähren.

Hinsichtlich der Ästhetik wird „Unbroken“ deutlich von der Düsternis skandinavischer Krimireihen bestimmt. Schon die erste Einstellung, das Erwachen von Alex im dunklen Wald, zieht einen in eine bedrohliche Gruselatmosphäre. Die Sonne lässt sich über Duisburg während der gesamten sechs Folgen nicht blicken. Vielleicht hätte die Kommissarin in ihrem stets geschlossenen Opel Cabrio auf irgendwelchen Industriebrachen nicht ganz so oft durch Pfützen brettern müssen, aber verglichen mit der von Kamerafrau Leah Striker hier in Szene gesetzten Unwirtlichkeit der Ruhrmetropole war Schimanskis Duisburg fast schon eine Idylle.

Doch letztlich lebt die Serie vor allem von jener Figur der Fahnderin Alex und damit von deren Darstellerin Aylin Tezel. So neu ist eine eigenbrötlerische Kommissarin, die sich nicht um Dienstvorschriften schert und ihre Kollegen ständig durch Alleingänge nervt, natürlich nicht. Bei dieser Charakterzeichnung denkt man an ‘Kolleginnen’ wie Saga Norén („Die Brücke“) oder Carrie Mathison („Homeland“), die auch nicht unbedingt als Sympathie­trägerinnen unterwegs waren.

Aber wie die inzwischen mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin, die bis Ende letzten Jahres noch zum Ermittlerteam im Dortmunder „Tatort“ gehörte, jene Alex (teils durchaus im Wortsinn) verkörpert, ist sensationell. In der einen Szene noch mit unbeirrbarer Selbstsicherheit im Einsatz, agiert sie in der nächsten verstört, verletzlich. Mal ist sie wutschnaubend wie eine Furie unterwegs, flucht, stößt Freunde brüsk vor den Kopf, dann erscheint in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung plötzlich wie ein schutzbedürftiges Mädchen. All das ist von ungeheurer Intensität. Auch in Kampf- und Prügelszenen, von denen es hier nicht eben wenige gibt, macht die ausgebildete Tänzerin eine beeindruckende Figur. Bei allen sonstigen Qualitäten ist diese Produktion von Network Movie vor allem eine furiose One-Woman-Show der Aylin Tezel.

14.03.2021 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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