Manuel Daubenberger/Felix Meschede/Michel Abdollahi: Planet ohne Affen (ARD/NDR)

Papiertiger gegen Wilderer

28.06.2021 •

Ein erschossenes Menschenaffen-Weibchen, dessen Eingeweide durch die Wunde nach außen getreten sind; ein gegen den illegalen Wildtierhandel kämpfender Aktivist, der sich angesichts des Anblicks übergeben muss – es sind gerade mal acht Minuten des Dokumentarfilms „Planet ohne Affen“ vergangen, ehe die Autoren und Regisseure Manuel Daubenburger und Felix Meschede die Zuschauer mit diesen drastischen Bildern konfrontieren. Entstanden sind sie am Rande des kongolesischen Regenwaldes in einer Wellblechhütte, in der ARD-Reporter Michel Abdollahi und Adams Cassinga, Gründer der Organisation „Conserv Congo“, das tote Tier finden. Bevor zu sehen ist, wie Cassinga sich übergibt, sagt er, dass das Weibchen beim Stillen getötet worden sei und die Täter es auf das Baby abgesehen hätten.

Mit diesen Szenen machen die Filmemacher klar, dass wir es hier nicht mit einem beschaulichen Natur- und Tierfilm zu tun haben. Das zentrale Thema hier ist organisierte Kriminalität. Wilderer töten ganze Familien von erwachsenen Menschenaffen, um deren Babys an Händler liefern zu können, damit diese die Tiere dann weiterverkaufen können: an chinesische oder thailändische Freizeitparks, an Superreiche in Dubai, die sich Wildtiere als Haustiere oder gar in einer Art Privatzoo halten, oder an diverse Prominente aus dem Showgeschäft, die gern mit niedlichen Affenbabys auf Instagram posieren. Aus diesen Gründen sind – wie es im Sendetitel angedeutet wird – inzwischen sämtliche Menschenaffenarten vom Aussterben bedroht.

Am stärksten betroffen ist die Art der Bonobos, sie sei, so heißt es im Film, seit dem Jahr 2000 um die Hälfte auf nunmehr noch etwa 20.000 Tiere zurückgegangen. Ein illegal aus dem Kongo importierter Bonobo, den das Filmteam in einem heruntergekommenen Zoo auf dem Dach eines Einkaufszentrums in Bangkok entdeckt, wird im in der ARD-Mediathek zu sehenden 90-minütigen Dokumentarfilm „Planet ohne Affen“ zu einer Art Protagonist – obwohl er nur kurz zu sehen ist. Wie die Strukturen des Geschäfts funktionieren und wie wenig Behörden bereit sind, gegen die Profiteure des Geschäfts vorzugehen, das zeigt der vom NDR produzierte Beitrag exemplarisch am Fall dieses Tieres.

Der im Film zu sehende und als Erzähler fungierende Michel Abdollahi wendet sich in „Planet ohne Affen“ oft direkt an die Zuschauer, manchmal hört man, wie er mit den beiden Regisseuren spricht, und manchmal wirkt es auch, als spreche er mit sich selbst. Man kennt dieses Gestaltungsprinzip teilweise aus Formaten wie der vom NDR für das ARD/ZDF-Online-Jugendangebot Funk produzierten Reportage-Reihe „Strg_F“, deren Redaktionsleiter Dietmar Schiffermüller das Filmprojekt „Planet der Affen“ redaktionell betreut hat. Neben dem Erzähler Abdollahi gibt es auch noch einen Off-Sprecher: Lutz Ackermann, Redakteur bei „Panorama – Die Reporter“ (NDR Fernsehen). Er ist mit seinem eher bedächtigen Ton ein Gegenpol zu dem aufgekratzten Abdollahi. Diese Quasi-Doppelstruktur ist dennoch problematisch, sie führt (fast zwangsläufig) zu einem Übermaß an Text. Ein Hang zu Redundanzen kommt erschwerend hinzu.

Was den Film dagegen eindringlich macht: Die Filmemacher versuchen immer wieder, aktiv ins Geschehen einzugreifen, sie bringen Jane Goodall, eine der bekanntesten Forscherinnen zum Verhalten von Menschenaffen, dazu, nach Bangkok zu reisen – damit sie eine Einschätzung über den dort illegal gehaltenen Bonobo abgeben kann, die die NDR-Leute den Behörden vor Ort vorlegen können. Der Versuch, als Katalysator zu wirken, wird am deutlichsten auf einer internationalen Konferenz in Genf, als Abdollahi Gespräche zwischen dem Chef der thailändischen Naturschutzbehörde und einem Vertreter der kongolesischen Regierung zu initiieren versucht. Letzterer hatte kurz zuvor noch getönt, er werde fordern, dass die Thailänder den Bonobo zurückgeben. Abdollahi schafft es zwar, die beiden einander vorzustellen, aber es wird dann nichts mit dem Gespräch.

In einem anderen Fall kann man von einer, erst einmal wertfrei gesagt, journalistischen Grenzüberschreitung sprechen. In der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa stellt sich Abdollahi dem Umweltaktivisten Cassinga als Lockvogel für einen Polizeizugriff zur Verfügung, der Reporter soll sich gegenüber einem illegalen Affenhändler als Kaufinteressent ausgeben. „Du könntest als libanesischer Geschäftsmann durchgehen“, sagt Cassinga zu dem NDR-Reporter. Es kommt zu einem Anbahnungstreffen mit versteckter Kamera, doch die vereinbarte Geldübergabe kommt nicht zustande. Später, nach „einer überraschenden Wende“, wie es im Film heißt, gelingt es Cassinga, „die Tierhändler zu überführen“ und zwei Affen zu befreien.

Wildtierschützer können zwar solche kleinen Erfolge feiern, aber auf politischer Ebene konnten sie bisher wenig bewirken, weil es keine internationale Instanz gibt, die die Einhaltung des 1975 beschlossenen Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) durchsetzen kann. Das bei den Vereinten Nationen angesiedelte CITES-Generalsekretariat, das in der Theorie dafür zuständig ist, sei de facto nur ein Papiertiger, sagt gegen Ende des Films der auf das Thema Wildtiere spezialisierte Journalist Adam Cruise. Das Fazit der Autoren lautet: „Wir versagen beim Schutz unserer nächsten Verwandten.“

Neben der nur in der ARD-Mediathek zu sehenden 90-Minuten-Fassung von „Planet ohne Affen“ lief als lineare Ausstrahlung auch eine 45-minütige Version auf dem Montagssendeplatz „Erlebnis Erde“ im Ersten (7. Juni, 20.15 Uhr, 2,36 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,2 Prozent). Zudem gibt es online eine auf die jüngere Zielgruppe ausgerichtete Version in zwei Teilen bei „Strg_F“ (seit dem 8. bzw. 15. Juni abrufbar).

28.06.2021 – René Martens/MK

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