Mai Brostrøm/Peter Thorsboe/Kathrine Windfeld/Kasper Gaardsøe: The Team. 4-teilige bzw. 8-teilige Krimireihe (ZDF)

Und irgendwann die Sehnsucht nach Maigret

13.04.2015 •

Ambitioniert war der Mehrteiler „The Team“, den das ZDF ab dem 8. März an vier Sonntagabenden jeweils um 22.00 Uhr ausstrahlte, in mehrfacher Hinsicht. Zum ersten, weil der deutsche Sender hier ein Krimiprojekt initiiert hatte, das deutlich an die Serienerfolge aus Dänemark wie „Kommissarin Lund“ und „Die Brücke“ anknüpfte, die man ebenfalls auf diesem Sendeplatz ausgestrahlt hatte und die weltweit als besondere Produktionen gelobt worden sind. An einigen dieser Produktionen war das ZDF über Peter Nadermann, der sich seit über 20 Jahren auf skandinavische Koproduktionen konzentriert, als minoritärer Auftraggeber beteiligt. Diesmal initiierte Nadermann zusammen mit Andi Wecker von der ZDF-Tochter Network Movie das Projekt (Redaktion ZDF: Wolfgang Feindt). Als Drehbuchautoren gewannen sie Mai Brostrøm und Peter Thorsboe (der unter anderem auch für „Der Adler“ das Buch schrieb), als Regisseure Kasper Gaardsøe und Kathrine Windfeld („Kommissarin Lund“) – alle aus Dänemark stammend und seit Jahren erfolgreich im Seriengeschäft.

Zum zweiten war das Projekt ambitioniert, weil es als europäische Koproduktion – ein Sender aus Deutschland (ZDF) mit Sendern aus Dänemark (DR) und Belgien (VTM) sowie zudem aus Österreich (ORF), der Schweiz (SRF), Schweden (SVT) und Serbien (RTS) – inhaltlich zugleich von einer europäischen Kooperation auf Polizeiseite handelte. Im Jahr 2010 hatte Europol sogenannte „Joint Investigation Teams“ gegründet, die grenzüberschreitende Verbrechen untersuchen und bekämpfen sollen. Ein solches Team wird zu Beginn des Mehrteilers gegründet, nachdem in drei europäischen Städten – Kopenhagen, Berlin, Antwerpen – jeweils eine Prostituierte auf dieselbe besondere Art und Weise umgebracht wird. In der Folge arbeiten die Ermittler Harald Bjørn aus Dänemark (dargestellt von Lars Mikkelsen), Jackie Mueller aus Deutschland (Jasmin Gerat) und Alicia Verbeek aus Belgien (Veerle Baetens) eng zusammen, was viele Telefonkonferenzen und Reisekilometer erfordert.

Ambitioniert war das Projekt zum dritten, weil das ZDF den kompletten Mehrteiler frühzeitig in seine Mediathek gestellt hatte, wo man ihn auch in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln anschauen konnte. Alle Teile waren in den jeweiligen Landessprachen und bei der Kommunikation der Ermittler untereinander in Englisch gedreht worden. Die Fassung, die das ZDF ausstrahlte, war komplett ins Deutsche synchronisiert, was die sprachlichen Eigenheiten der Schauspieler wie ihrer Figuren leider nivellierte. Noch etwas war an der Internet-Fassung von „The Team“ anders als an der im ZDF ausgestrahlten Version: Im Netz war die Produktion in acht Folgen à 55 Minuten aufgeteilt und nicht in vier à 110 Minuten. Tatsächlich war das Projekt (auch für weitere Verkäufe) deutlich als Achtteiler in der internationalen Standardlänge geschrieben und inszeniert worden, was Cliffhanger am Ende jeder der acht Einzelfolgen markierten, die dann in der ZDF-Ausstrahlung relativ unvermittelt auch in der Hälfte von jeder der vier langen Folgen auftraten.

Den Ambitionen wurde „The Team“ weitgehend gerecht. Von der internationalen Besetzung (bis in die Nebenrollen hinein) über die vielen Drehorte kreuz und quer in Europa bis zur visuellen Gestalt, die deutlich an die erwähnten dänischen Serien angelehnt war, muss man das Ganze als eine hochklassige Produktion bezeichnen, die mit ihrer Geschichte des Menschenhandels auch ein aktuelles Thema beleuchtete. Sie war spannend genug, um über acht wie über vier Folgen die Neugier auf die Fortsetzung zu wecken und darüber hinaus die Frage zu stellen, wie sich dieses Team wohl bei einer erneuten Zusammenarbeit und also in einer Fortsetzungsproduktion verhalten wird.

Die Schwächen dieses Mehrteilers, von denen auch zu sprechen ist, bestanden in einer doppelten Überladung der Geschichte. Auf der Täterseite wurde Marius Loukauskis (Nicholas Ofczarek) zu einer Art von Universalbösen hochstilisiert, der gleichsam an jedem Verbrechen in den beteiligten Ländern involviert war. Ob es um Prostitution, Menschenhandel, Drogen, unwürdige Arbeitsverhältnisse oder verseuchtes Geflügel ging – stets hat der aus Litauen stammende Ganovenboss, der längst als vermeintlich ehrbarer Bürger inmitten der Bourgeoisie von Berlin lebt, seine manikürten Finger im Spiel. Diese für die Dramatik der Geschichte vielleicht notwendige Überhöhung erzeugte einen Verlust an Glaubwürdigkeit, wenn zeitlich wie räumlich weit von einander entfernt stattfindende Verbrechen in Loukauskis ihren Ursprung besitzen sollten. Weitere Glaubwürdigkeitsverluste erlitt der Mehrteiler durch manche der überraschenden Wendungen an den Enden der Einzelfolgen, bei denen oft der Cliffhanger bedeutsamer erschien als so etwas wie Erzähl- oder Handlungslogik.

Überladen wurde der Mehrteiler zudem durch die privaten Probleme der drei am Fall beteiligten Ermittler. Mit den dramatischen Nebengeschichten dieser Polizisten könnte die „Lindenstraße“ mühelos ein halbes Jahr Seriengeschichte bestreiten. Da hat die deutsche Kommissarin ein Kind vom dänischen Kollegen, was aber ihr Ehemann, dem dieses Kind untergeschoben wurde, nicht weiß. Da ist die Ehefrau dieses dänischen Kommissars hochschwanger, damit sich die Geschichte irgendwie doppelt. Da ist die Mutter der belgischen Kommissarin eine schwere Alkoholikerin und die Schwester dieser Ermittlerin ist eine Prostituierte. Da stellt sich heraus, dass die Chefin eben dieser belgischen Kollegin eine Hochstaplerin ist, die prompt von Loukauskis erpresst werden kann. Und dann muss, als ob all das nicht schon genug wäre, selbst die Nebenfigur der Computerspezialistin der Kopenhagener Polizei auch noch mit einem Ehemann zusammen sein, der sie regelmäßig verprügelt. Irgendwann im Wirrwarr dieser privaten Dramen sehnte man sich nach einem Ermittlertypus wie den privat eher biederen Kommissar Maigret eines Georges Simenon zurück, dessen Privatleben nur für Arabesken des jeweiligen Plots zuständig war und mehr nicht.

Doch trotz dieser Schwächen, die vielleicht auch den großen Ambitionen geschuldet waren, überzeugte der transnationale Ermittler- und Produktionsanlass. Die Darsteller und ihre Figuren waren stark genug, um neugierig zu machen auf eine dann hoffentlich nicht derart mit privaten Geschichten überfrachtete Fortsetzung. Zusätzliche Spannung könnte sich ja beispielsweise aus den unterschiedlichen Polizeisystemen in den beteiligten Ländern ergeben, die eine solche grenzüberschreitende Zusammenarbeit gewiss auch tagtäglich nicht erleichtert.

13.04.2015 – Dietrich Leder/MK

Grenzüberschreitend: The ZDF goes Europe

Foto: Screenshot