Magnus Vattrodt/Matti Geschonneck: Unterleuten – Das zerrissene Dorf. 3‑teiliger Fernsehfilm nach dem Roman von Juli Zeh (ZDF)

Glänzende Adaption

09.03.2020 •

Am Ende dieses Fernsehdreiteilers beginnt ein neues, junges, weibliches Zeitalter. Ein Zeitalter des Miteinanders, des Redens, des Aushandelns. Ein Neuanfang ohne die Altlasten der Vergangenheit. Angeführt wird der Aufbruch von Betty, der neuen Geschäftsführerin des landwirtschaftlichen Betriebs Ökologica GmbH, und von Kathrin, der (mutmaßlich) nächsten Bürgermeisterin des fiktiven brandenburgischen Dorfs Unterleuten. Fürs erste beendet ist damit die Zeit des (derzeit viel gescholtenen) alten weißen Mannes, der hier vor allem von Bettys Vorgänger Rudolf Gombrowski und von Kron, Kathrins Vater, verkörpert wird, aber auch vom aus Berlin zugezogenen Professor Gerhard Fließ: allesamt kommunikationsunfähige, selbstmitleidige, von sich und ihrer subjektiven Wahrheit restlos überzeugte Männer.

Der dreiteilige Fernsehfilm nach dem gleichnamigen Erfolgsroman von Juli Zeh – der 2018 von RBB und NDR auch schon als Hörspielmehrteiler inszeniert wurde (vgl. MK-Kritik) – entwirft freilich alles andere als einen plumpen Konflikt Männer gegen Frauen, das hat er gar nicht nötig. In „Unterleuten“ (das ZDF hat der Verfilmung noch den Zusatztitel „Das zerrissene Dorf“ verpasst, wohl damit die zum Krimikonsum erzogenen ZDF-Zuschauer erahnen sollen, dass es auch hier um so etwas wie krimiartige Konflikte geht), in „Unterleuten“ also gibt es auch höchst unsympathische Frauenfiguren und sehr vernünftige männliche Protagonisten. Dennoch: Der junge, weibliche Neuanfang bedeutet einen Hoffnungsschimmer.

Denn die „Männerherrschaft“ in Unterleuten mündete in einer Katastrophe. An deren Ende haben zwei Dorfbewohner das Zeitliche gesegnet, zwei weitere liegen halb tot in der Klinik, einen erwartet eine lange Haftstrafe und mehrere langjährige Beziehungen sind zu Bruch gegangen. Wie konnte es so weit kommen?

Angefangen hatte alles mit den Plänen eines Windparkbetreibers, in Unterleuten Windräder aufzustellen. Während Bürgermeister Seidel (Jörg Schüttauf) und Ökologica-Chef Gombrowski (Thomas Thieme) die Chance wittern, mit der Verpachtung von Grundstücken an die Firma Vento Direct die Zukunft des finanzklammen Orts zu sichern, läuft der Großteil des Dorfs Sturm gegen das Vorhaben. Angeführt werden sie dabei von dem aus Berlin zugezogenen Ehepaar Gerhard und Jule Fließ (Ulrich Noethen, Rosalie Thomass), das die Schönheit und Stille der ländlichen Idylle und den Lebensraum des sogenannten Kampfläufers (ein seltener Vogel) gefährdet sieht.

Der alte Kron (Hermann Beyer) hat seine eigenen Gründe, gegen die Windkraft zu agitieren. Den überzeugten Altkommunisten verbindet eine jahrzehntealte Intimfeindschaft mit Gombrowski, den früheren Großgrundbesitzer, der einst nach seiner Enteignung zu DDR-Zeiten Chef der ortsansässigen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) „Gute Hoffnung“ wurde. Aus dieser LPG wurde nach der Wende die Ökologica GmbH und Gombrowski führt auch diesen Betrieb stets nach Gutsherrenart. Und wenn er es sich durch seine barsche Art mal wieder mit den Arbeitern verscherzt hat, bügelt das seine engste Mitarbeiterin Betty (Sarina Radomski) anschließend wieder aus.

Bettys Mutter Hilde Kessler wiederum war mal die Schönste im ganzen Dorf, auch Kron und Gombrowski waren ihr verfallen. Mittlerweile ist Hilde (Dagmar Manzel) so eine Art inoffizielle Frau Gombrowski, jedenfalls pflegen die beiden eine (zeit- und Piccolo-)intensive, aber platonische Beziehung zueinander – kein Wunder, dass die „richtige“ Frau Gombrowski (Christine Schorn) darüber zu einem richtigen Biest geworden ist.

Hildes Mann Eric starb vor Jahrzehnten unter ungeklärten Umständen, als er, Kron und Gombrowski sich in einer stürmischen Nacht zu einer Aussprache im Wald verabredet hatten. An den Geschehnissen in jener Nacht beteiligt war auch Schaller (Charly Hübner), der danach spurlos verschwand, jetzt aber zurückgekehrt ist – worüber sich allerdings niemand im Dorf zu freuen scheint. Dazu kommen Krons Tochter Kathrin (Bettina Lamprecht) mit Mann (Bjarne Mädel) und Tochter „Krönchen“ sowie die geschäftstüchtige Linda Franzen (Miriam Stein) mit Freund Frederick (Jacob Matschenz), die aus Berlin zugezogen sind und eine alte Villa in ein Pferdegestüt verwandeln wollen. Abgerundet wird das personenreiche Tableau durch die trinkfeste Vento-Direct-Vertreterin Anne Pilz (Mina Tander) und den süddeutschen Investor Meiler (Alexander Held), die hier beide das große Geschäft wittern.

Man befindet sich also wahrlich „unter Leuten“ auf dem Land in Brandenburg. Das große Ensemble haben sowohl Buch als auch Regie perfekt im Griff – und die tolle Besetzung tut ihr Übriges. Schauspielerregisseur Matti Geschonneck holt mal wieder das Beste aus seinen Darstellern heraus, allen voran Thomas Thieme mit einer wahnsinnig starken Leistung: Er lässt den Gombrowski in unzähligen Farben schillern, von eiskalt bis warmherzig, von brutal bis fürsorglich und bleibt doch eine in sich stimmige Figur.

Hermann Beyer gibt als Kron den würdigen Gegenpart dazu. Dieser Korn ist ein schwieriges, aber auch anrührendes Relikt aus DDR-Zeiten, einer, der allein am Waldrand lebt, Saft aus eigenen Äpfeln presst und einigermaßen selbstmitleidig Werten wie Einfachheit und Solidarität hinterhertrauert. Thieme und Beyer seien hier stellvertretend für das ausnahmslos grandiose Ensemble genannt.

Es ist bei allen menschlichen Abgründen ein liebevoller Blick, den die Schriftstellerin Juli Zeh, Drehbuchautor Magnus Vattrodt und Regisseur Matti Geschonneck auf die Bewohner Unterleutens werfen. Die Menschen von außen jedoch, die hier nur absahnen wollen, Anne Pilz und Meiler, aber auch Linda Franzen, sie werden mit einer gewissen Distanz, mit leisem Spott und sogar ein wenig Mitleid bei ihrem Tun beobachtet.

Klassisch, ganz ohne inszenatorische Mätzchen rollt Matti Geschonneck sein großes Dorftableau auf, lässt die Beziehungen der Figuren untereinander gemächlich, geradezu sanft Gestalt annehmen. Die großzügige Laufzeit von rund 280 Minuten kommt dieser Erzählweise natürlich entgegen. Seine Spannung hält der Dreiteiler (Produktion: Network Movie) konstant hoch. Dafür sorgen die komplexen Beziehungen zwischen den Figuren, die überzeugende Geschichte, die vielsagenden, klugen Dialoge, die souveräne Regie, die dezent eingesetzte Musik und das intensive Spiel der Darsteller. Hinzu kommen gezielt eingesetzte und wohlproportionierte Dosen Humor.

Es ist eine wuchtige, Vergangenheit und Gegenwart verbindende Geschichte, die „Unterleuten“ erzählt. Doch es sind die leisen, zarten, präzisen Töne in der Umsetzung, die diese epische Fernsehproduktion so groß machen. Dem ZDF ist mit „Unterleuten“ eine glänzende filmische Adaption des Romans von Juli Zeh gelungen.

09.03.2020 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 12/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren