Luzia Schmid/Regina Schilling: Geschlossene Gesellschaft – Der Missbrauch an der Odenwaldschule (ARD/SWR/HR)

Aufarbeitung eines doppelten Skandals

26.08.2011 •

26.08.2011 • Die ersten Bilder dieses Dokumentarfilms zeigen eine Idylle. Auf einer grünen Wiese steht ein rotes Zirkuszelt. Ein Chor tritt auf. Die Zuhörer sind festlich gekleidet. Ein Schild besagt: „100 Jahre Odenwaldschule“. Ein heiteres Jubiläumsfest, könnte man meinen, wenn man es nicht besser wüsste und der Titel des Film es nicht schon anders besagte: Die Schule, die ihr Hundertjähriges feiert, steht seit längerer Zeit in einer heftigen Diskussion, weil hier Kinder und Jugendliche missbraucht wurden – von den Lehrern und Erziehern, denen sie anvertraut worden waren.

Die beiden Autorinnen Luzia Schmid und Regina Schilling thematisieren in ihrem Film nicht nur den Missbrauch und wie er an diesem Internat betrieben wurde, sondern es geht zugleich immer auch darum, wie man an der Odenwaldschule damit umging, dass man die Verbrechen, von denen viele wussten, verschwieg und verdrängte. Ein doppelter Skandal also an einer Einrichtung, die in den 1960er Jahren als Vorzeigeinternat galt und als „fortschrittlichste Schule“ in Deutschland, in der das Lernen Spaß und Freude bereiten sollte und jegliche Zwänge abgeschafft waren. Daran erinnert Luzia Schmid, die in dem Film den gesamten Kommentar spricht.

Luzia Schmid, 1966 in Zürich geboren, war einst an einem Schweizer Ableger der Odenwaldschule und kannte das Internat im hessischen Ober-Hambach von Besuchen. Sie beschreibt, wie wohl sie sich dort gefühlt und wie sehr ihr die liberale und freizügige Atmosphäre gefallen habe. Und sie verweist darauf, dass die westdeutschen Linksliberalen und die Bildungseliten ihre Kinder dorthin schickten, wie die Familien von Weizsäcker, von Dönhoff und von Dohnanyi. Nach 30 Jahren kehrte sie auf Bitten einer Freundin an die Schule zurück, um als Dokumentarfilmregisseurin den allzu späten Selbstaufklärungsprozess der Missbrauchsverbrechen mit der Kamera zu begleiten.

Die eher subjektive Perspektive von Luzia Schmid, die entsetzt auf das schaut, was bei dem linken Vorzeigeobjekt geschah, wird ergänzt durch die objektivierende Sicht ihrer Co-Regisseurin Regina Schilling, die nach dem gesellschaftlichen Zusammenhang der Ereignisse fragt. So erfasst der Film die Verbrechen wie auch deren Verschweigen und Verdrängen zugleich sachgerecht und mit der notwendigen Emotion. Ausgangspunkt ist die 100-Jahr-Feier im Sommer 2010, in deren Rahmen auch eine Veranstaltung nach der „Wahrheit“ der Ereignisse fragte.

Man wollte dort nach langem Schweigen endlich darüber sprechen, was in den 1970er und 1980er Jahren passiert ist, man wollte verstehen, wie der Missbrauch und der Vertrauensbruch geschehen konnten. Einer der ehemaligen Schüler schilderte dabei ganz konkret, wie ein solcher sexueller Übergriff auf ihn abgelaufen sei, er war damals 13 Jahre alt. Das Geschehen verfolge ihn bis heute. Es habe seinerzeit die Devise gegolten: Wenn der Schulleiter in das Zimmer komme, sei im Bett „stabile Bauchlage“ angesagt gewesen, um so möglichst seinem Zugriff zu entgehen. Das Gesicht des Opfers wird im Film auch bei weiteren Auskünften unkenntlich gemacht, was ihnen nichts von ihrer Brisanz und Härte nimmt. Dient diese Anonymisierung dem Schutz des Opfers und der Zeugen, so werden andere Namen und Gesichter aus Gründen des Persönlichkeitsrechts mit einem elektronischen Geräusch überdeckt. Viele der Lehrer beispielsweise wollen anscheinend mit den Verhältnissen an der Odenwaldschule nicht mehr in Zusammenhang gebracht werden.

Subjektiv verständlich wird das, als der Film (Produktion: Zero One) vom Skandal des Verdrängens und Verschweigens erzählt. Denn sein anonymer Hauptzeuge hatte bereits Ende der 1990er Jahre die Presse auf die Vorgänge aufmerksam gemacht. Doch damals habe die Schule nur mit Schweigen reagiert. Ein öffentliches Thematisieren der zurückliegenden Verbrechen hätte den Kritikern der Odenwaldschule in die Hände gespielt. Das räumt ein Lehrer ein, der sich der Kamera und den Fragen der Autorinnen stellte. Der einzige seiner Kollegen, der sich damals an die Seite der Opfer stellte und den Aufklärungsprozess mit in Gang setzen wollte, kommt im Film ebenfalls zu Wort. Dieser Lehrer wurde als „Verräter“ beschimpft. So dauerte es noch einmal mehr als zehn Jahre, ehe die Verbrechen bekannt wurden. Von 132 Opfern spricht der Film und von mindestens einem halben Dutzend Tätern. Der bekannteste von ihnen ist der langjährige Schulleiter Gerold Becker. Er galt in der Odenwaldschule als eine Art „Popstar“ und wurde auch von den Medien gerne als Paradebeispiel eines fortschrittlichen Lehrers präsentiert, so dass er in der Dokumentation in Ausschnitten aus einer Reihe von Fernsehsendungen und auf Fotos oft zu sehen ist.

Am Ende kommt der Film (1,12 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,7 Prozent) auf die Diskussion anlässlich der 100-Jahr-Feier zurück, weil dort ein Psychoanalytiker die Ursache des Schweigens benennt: Man habe sich an der Schule stets als Elite verstanden, diesen Ruf, der so wichtig war, hätte man durch eine Veröffentlichung der Verbrechen verlieren können, also habe man geschwiegen. So wurde die Odenwaldschule, wie es der Titel sagt, zur „geschlossenen Gesellschaft“, die beherrscht wurde von einer Art Korpsgeist, wie ihn die Linken und die Liberalen ansonsten bei den Konservativen und Rechten kritisieren.

Es war ein beeindruckender und wichtiger Dokumentarfilm, der die Möglichkeiten des Genres einmal mehr unter Beweis stellte. So wird Aufklärung endlich wieder filmisch begriffen, statt in einem Talkshow-Format zerredet zu werden. Im Sommerprogramm der ARD lief dieses Stück über die Odenwaldschule auf dem Dokumentarfilmsendeplatz am Dienstag um 22.45 Uhr nach den „Tagesthemen“. Ab September verschwindet dieser Doku-Sendeplatz wieder bis zum Sommer nächsten Jahres. Bis dahin wird am Dienstagabend und an vier weiteren Abendterminen im Ersten wieder getalkt, was das Zeug hält. (Ein weiterer Dokumentarfilm über den Missbrauch an der Odenwaldschule – „Und wir sind nicht die Einzigen“ von Christoph Röhl – war am 24. Mai dieses Jahres bei 3sat zu sehen; vgl. FK-Heft Nr. 20/11.)

• Text aus Heft Nr. 33/2011 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

26.08.2011 – Elfriede Schmitt/FK

Print-Ausgabe 23/2019

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