Luke! Die Great Night Show. 8‑teilige Comedy‑Show mit Luke Mockridge (Sat 1)

Kinderquatsch mit Luke

27.09.2019 •

Um den „Fernsehgarten“, diesen seit 33 Jahren nicht totzukriegenden Unterhaltungsdino an Sommersonntagen im ZDF, kommen wir bei der Besprechung dieser frischen Sat‑1‑Freitagabendshow nicht herum. Und das hängt mit dem halbmeterhohen Pressestapel zusammen, auf den Luke Mockridge, der Gastgeber der „Great Night Show“, bei der TV-Premiere nicht ohne Stolz zugreift, um daraus zu zitieren. Es handelt sich quasi um die papiergewordene Empörung, die nach seinem bizarren Auftritt im „Fernsehgarten“ wenige Wochen zuvor mit einer Wucht auf den multipreisdekorierten Comedian niedergeprasselt war, die sich eigentlich nur so erklären lässt: Es war Sommer, es gab ein Loch und da kam die Sache mit der Banane und dem anderen Quatsch gerade recht.

Die Kurzzusammenfassung: Im „Fernsehgarten“ hatte Luke Mockridge unter anderem Witze über alte Menschen gemacht, die „immer nach Kartoffeln riechen“. Das hat unheimlich vielen Menschen, vor allem den älteren, nicht gefallen. Die Medien, von „Zeit“ bis „InTouch“, hyperventilierten, und es hagelte Solidaritätsbekundungen für die „Fernsehgarten“-Moderatorin Andrea „Kiwi“ Kiewel. Nach der Auftaktfolge der „Great Night Show“ sind zumindest die Sat-1-Zuschauer, auch die düpierte Kiwi, klüger: Haha, war bloß ein Witz! Ausgedacht von Kindern! Rentner, die nach Kartoffeln riechen. Bananen als Telefonhörer. Affengebrüll und Furzgeräusche aus der Achselhöhle. Selbst das rosa Shirt mit Pferdeäpfeln drauf als Bühnenoutfit – alles Schülerwitze, eins zu eins aus Kindermund von Luke Mockridge auf die ZDF-Bühne übertragen.

Perfekter und eigentlich harmloser kann man das Werberad für eine neue achtteilige Sendereihe nicht ans Laufen bringen. Und doch machte der Zauberlehrling von Sat 1 bei der Auflösung des „Fernsehgarten“-Streichs den Eindruck, als habe er nicht mit den Geistern gerechnet, die er rief. Hassbriefe hätten seine Eltern erhalten, beklagte sich der 30-jährige Entertainer, sogar eine Anzeige wegen Beleidigung habe er kassiert – und hielt das Papier in die Kamera wie eine Trophäe. Seinen medienkritischen Ansatz „der Amazonas brennt, aber ihr regt euch über eine Banane auf?“ verstand man ja noch irgendwie. Aber dann schaute man auf die Uhr, immer wieder. Geschlagene 40 Minuten dauerte die Enthüllungsprozedur bis zum ersten, geradezu erlösenden Werbeblock. Doch damit nicht genug.

Auch in der zweiten Ausgabe zehrte die Mockridge-Show noch von ihrem PR-Coup. Bei der Skandalverlängerung war diesmal Boris Becker behilflich, ein Mann, so die Ankündigung, der aus eigener Erfahrung sehr wohl wisse, was es heißt, in den Schlagzeilensturm zu geraten. Mockridge bat um väterlichen Rat, wie man sich am besten wappnet, musste Becker aber erst einmal ausführlich erklären, was er da beim ZDF eigentlich genau angestellt hatte. Zweitverwertung, die zweite Runde. Kann man machen. Aber so verliert ein an sich lustiger Einfall den letzten Rest seiner Lustigkeit.

Gut möglich, dass von den 1,4 Mio Zuschauern, die am 13. September die Premiere der „Great Night Show“ sahen, ein Gutteil nicht Sat 1 eingeschaltet hätte ohne den „Fernsehgarten“-Rummel vorab. Ebenso gut möglich, dass rund 300.000 von ihnen derart enttäuscht waren, dass sie die zweite Ausgabe der Show am 20. September nicht mehr sehen wollten (was Sat 1 aber immer noch einen Marktanteil von 10,3 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen einbrachte, der weit über dem Senderschnitt von 8,0 Prozent lag). Lässt man die ganze Kartoffel-Furz-Banane-Kiwi-Chose indes weg – dann bleibt, hurra!, noch immer eine Sendung übrig, die nicht nur wirklich witzige, ja putzige Unterhaltungsmomente schafft (auch dank dieser zuckersüßen, neunmalklugen Kinder im Fernsehen!). Das neue Mockridge-Format hat auch das Zeug, vom Kindergartenstepke bis zur, pardon, „nach Kartoffel riechenden“ Omi alle Alterskohorten vor einen einzigen Bildschirm zu bannen, und das ist in unseren diversifizierten Multiscreen-Zeiten ein Wert für sich.

Wie schon bei „The Masked Singer“, dem Überraschungshit auf dem Sat-1-Schwestersender Pro Sieben in diesem Sommer, spannt auch die „Great Night Show“ Personal ein, das eigentlich allen Regeln der spitzen Zielgruppenansprache widerspricht. Da holte sich die Sat-1-Crew ins Show-Intro „Entertainment-Gott“ Roberto Blanco, 82 Jahre reich an Spaßerfahrung, und ließ hinten raus einen 14-jährigen YouTuber im Rollstuhl Witze über Geschlechtsverkehr machen. Zum Generationenspagat in Show Nr. 2 traten unter anderem an: die in die Jahre gekommenen HipHopper von Fettes Brot und die fünfjährige Smilla. Mit ihr und ihren Freunden Jona und Anton brach Luke Mockridge zur „Mondmission“ auf mit allem, was dazu gehört: Raumanzug, Rakete und Mondmännchen. Herzallerliebst ist dieser Einspielfilm anlässlich des 50. Jahrestags der Mondlandung von Apollo 11 geraten, und es zeigte sich, was man seit der Quizshow-Reihe „Luke! Die Schule und ich“ schon weiß: Luke Mockridge ist ein begnadeter Kinderversteher.

Zwischen Vorproduziertem wie der Mond-Story und Live-Aktion auf der Bühne wechselt die „Great Night Show“ hin und her, fest das Ziel im Blick: Die ganze Familie soll Spaß haben. Koste es, was wolle, und sei es, dass man ihr die Mutter aller Lagerfeuer-Shows präsentiert: „Wetten, dass..?“. 22 Jahre, nachdem in der ZDF-Show drei Kandidaten ihre Weizenglasfang-Wette verloren hatten, gab ihnen Luke Mockridge in seiner Sendung eine zweite Chance, die sie auch mit Erfolg meisterten. Furchtbar daran war allein das mintfarbene Thomas-Gottschalk-Gedächtnis-Jackett, das Mockridge auftrug. „Wetten, dass..?“ en miniature noch einmal aufzuwärmen, war indes eine fabelhafte und fabelhaft ausgeführte Idee – gerade vor dem Hintergrund, dass das ZDF den Klassiker 2020 für eine Ausgabe tatsächlich noch einmal an den Start bringen will.

Zugegeben, nicht alles, was das „Great-Night“-Team (Produktion: Lucky Pics – ein Joint-Venture von Luke Mockridge mit Brainpool TV) in dieses Sammelsurium aus TV-Klassiker-Revue, Kinderquatsch, Stand-up, Talk, Musik und Selbstdarstellung hineinrührt, ist Show-Gold. Nur sehr matt schimmerte etwa die Idee, Mockridge in den Bond-Film „Casino Royale“ hineinzumontieren, um am Roulette-Tisch zwischen den Schauspielern Daniel Craig und Mads Mikkelsen herumzualbern. Doch egal in welche Rolle der Gastgeber schlüpft, ob in die des schlagfertigen Moderators oder die des multitalentierten Musikers und Sängers, so viel Vielseitigkeit zur Primetime hat man auf Sat 1 schon lange nicht gesehen.

Umso ärgerlicher ist es, dass die Werbeabteilung des Senders jeweils in die laufenden Duette von Mockridge mit Lewis Capaldi und Natasha Bedingfield abrupt den Reklame-Block hineindrückt. Fünf Minuten später wird, als sei nichts gewesen, zurück in die Show geschaltet, wo die letzten Töne gerade verklingen. Welch ein Frevel an den Künstlern! So was gehört verboten! Die „Great Night Show“ an sich aber nicht.

27.09.2019 – Senta Krasser/MK