Lorenza Castella/Jascha Hannover: Das Wikipedia-Versprechen – 20 Jahre Wissen für alle? (Arte/ARD/WDR)

Solide Bestandsaufnahme um Mitternacht

30.01.2021 •

Wenn früher in nicht allzu bildungsfernen Schichten eine neue Schrankwand angeschafft wurde, kaufte man gern ein Lexikon dazu, um die integrierten Regalbretter zu füllen. Wer es sich leisten konnte, griff zum „Brockhaus“, womöglich gar zu den in Leder gebundenen Bänden. Für andere tat es auch irgendeine Buchclub-Ausgabe. Hauptsache, das Nachschlagewerk war vielbändig und machte vor allem optisch etwas her.

Seit 2014 ist der „Brockhaus“ Geschichte, zumindest in seiner gedruckten Form. Schuld daran in das Internet im Allgemeinen und Wikipedia im Besonderen. Im Jahr 2001 hatten die US-Amerikaner Jimmy Wales und Larry Sanger die Idee für ein interaktives, kostenlos zugängliches Nachschlagewerk, dass das Wissen der Welt versammeln sollte. Der Clou hinter dem ehrgeizigen Projekt: Die Beiträge sollten nicht von (teuren) Wissenschaftlern, sondern von allen Nutzern verfasst werden, die sich berufen fühlten, zu einem Thema ihrer Wahl etwas Relevantes beizutragen. Das Online-Lexikon erhielt den Namen „Wikipedia“ (Untertitel: „The Free Encyclopedia“) und wurde anfangs von Experten belächelt. Doch es entwickelte sich zu einem weltweit genutzten Kompendium, das heute rund 50 Millionen Artikel umfasst und von vielen Nutzern nur noch „Wiki“ genannt wird.

Anlässlich des 20. Geburtstags der erfolgreichen Unternehmung versuchten sich Lorenza Castella und Jascha Hannover nun in ihrem Film „Das Wikipedia-Versprechen“ an einer Bestandsaufnahme. So rekonstruierten sie die anfänglichen Versuche der beiden Gründer, unter dem Namen Nupedia mit einem Online-Lexikon in der herkömmlichen Form zu reüssieren, bis sie auf die Idee kamen, das Ganze quasi basisdemokratisch und spendenfinanziert zu organisieren. „Stell dir eine Welt vor, in der jeder Einzelne auf dem Planeten freien Zugang zu dem gesamten Wissen der Welt hat“, so brachte Jimmy Wales seine Utopie zum Ausdruck.

Mit einer Vielzahl an Wiki-Autoren, Nutzern und Experten aus verschiedenen Fachbereichen in aller Welt untersuchten die beiden Filmautoren, was aus dem idealistischen Ansinnen von Wales geworden ist. Dass da diesbezüglich immer noch einiges im Argen liegt, machten sie unter anderem dadurch deutlich, dass sie die globale Verteilung von Autoren und Nutzern aufzeigten: Demnach ist der deutlich überwiegende Teil beider Gruppen in der westlichen Hemisphäre unterwegs, während Südamerika und Afrika so gut wie gar nicht repräsentiert sind.

Zudem geben unter den Autoren eindeutig Männer den Ton an. „Es ist ein Teufelskreis“, so die kubanisch-schweizerische Wiki-Autorin Ivonne González Núñez im Film: „Dass die überwiegende Mehrheit der Artikel von weißen Männern handelt, liegt daran, dass sie über sich selbst schreiben. [...] Dass wir all diesen Platz der Präsenz, der Sichtbarkeit des weißen Mannes, dem europäischen Wissen, den eurozentrischen Theorien überlassen – ist das etwa nicht politisch?“ Womit sie auf den Grundsatz der Wikipedia-Gründer abzielte, das Lexikon solle gänzlich apolitisch sein.

Ein weiterer Kritikpunk: Wissen, das in einigen Kulturen traditionell nur mündlich weitergegeben wird, kommt bei Wikipedia natürlich überhaupt nicht vor. Was das Internet-Nachschlagewerk allerdings nicht von seinen Vorgängern in Buchform unterscheidet, ebenso wie seine weiße Perspektive. Zum Beleg dafür zitiert im Film ein Wissenschaftler genüsslich aus einer noch nach dem Zweiten Weltkrieg verbreiteten Ausgabe der ehrwürdigen „Encyclopædia Britannica“, die unter dem Stichwort „Neger“ blanken rassistischen Unsinn auflistete (den zumindest die Macher des Lexikons damals offenbar nicht als solchen empfanden).

Insgesamt gelang es den Autoren der Dokumentation (Produktion: Florianfilm) durchaus anschaulich, das Potenzial dieses Projekts ‘Wissen von allen für alle’ und die Kritikpunkte rund um Wikipedia aufzulisten. So etwa das Für und Wider der Autoren-Anonymität oder das Risiko, dass manche Beiträge schlicht fehlerhaft oder geschönt sein können. Darunter viele Porträts von Personen oder Firmen, wo die Betreffenden versuchen, unliebsame Informationen zu entfernen. So berichtete eine Mitarbeiterin der Wikimedia-Foundation, wie seitens der politischen Führung der Türkei mehrfach versucht worden sei, einen Passus über die Geschichte des Landes in einem entsprechenden Eintrag zu löschen. Aber schließlich habe ein türkisches Gericht entschieden, dass der Text in seiner ursprünglichen Form auf der Seite bleiben dürfe.

Im Dunkeln blieben hingegen konkrete Zahlen hinsichtlich der Finanzen von Wikipedia, das sich weiterhin ausschließlich über Spenden finanziert. Auch die Frage, ob die knapp 300 Wikipedia-Administratoren ihren Job unentgeltlich machen, blieb unerwähnt. Dafür gaben sich die Filmemacher allerdings redlich Mühe, die visuell an sich dröge Materie – wenn auch nicht in jedem Fall originell – optisch ein wenig aufzulockern. Wenn der britische Philosoph Martin Cohen Wikipedia despektierlich einen „Big Mac der Information“ nennt, erscheint dabei ein Buch zwischen zwei Burger-Hälften, und als Jimmy Wales Kritikern von Fehlentwicklungen seiner Erfindung entgegenhält, bei der Eröffnung eines Restaurants könne ja auch nicht wirklich ausgeschlossen werden, dass Gäste vielleicht mit Esswerkzeugen aufeinander losgingen, gerät ein blutiges Messer ins Bild. Unter dem Strich war diese Dokumentation jedenfalls eine überaus solide Bestandsaufnahme des Erfolgsprojekts Wikipedia.

Gänzlich rätselhaft bleibt indes, warum der Film bei Arte erst um kurz vor Mitternacht ausgestrahlt wurde. Und das offenbar so kurzfristig, dass er im gedruckten Programmheft des Senders überhaupt nicht auftauchte. Ein Kuriosum außerdem, dass eine Produktion bei der Erstausstrahlung in einem Spartensender noch 15 Minuten später begann als die um 10 Minuten gekürzte Fassung, die am 11. Januar ab 23.35 Uhr im ARD-Programm im Rahmen der Reihe „Geschichte im Ersten“ gezeigt wurde. (In der Arte-Mediathek war der Film ab dem 3. Januar für einige Zeit abrufbar; in der ARD-Mediathek ist die kürzere Version noch bis zum 11. Januar 2022 verfügbar.)

30.01.2021 – Reinhard Lüke/MK

` `