Lena Leonhardt: Höhenflüge (ARD/SWR/NDR)

Globalisierung im Taubenschlag

27.04.2021 •

Besonders glücklich sieht Andreas Drapa gerade nicht aus. Zur Feier des Tages haben ihn Taubenfreunde in China in ein traditionelles landestypisches Gewand gesteckt und ihn auf einer Art Thron Platz nehmen lassen. Die Gäste der opulenten Party machen Fotos und der Mann aus der Nähe von Pforzheim lächelt gequält. Es ist die Abschlussfeier eines Brieftauben-Flugtages in China und die Vögel aus der Zucht von Drapa haben bei den Preisen mal wieder groß abgeräumt. Unter chinesischen Taubenfreunden ist der Mann aus Germany ein Star. Und weil der Markt in Fernost für den Unternehmer ein äußerst lukrativer ist, lässt dieser auch Albernheiten wie die groteske Kostümierung über sich ergehen.

Uschi aus dem Ruhrgebiet ist eigentlich eine Art Kollegin von Andreas Drapa, war aber noch nie in China. Das Highlight ihres Lebens, sagt sie, sei ein zweiseitiger Artikel über sie in einer deutschen Fachzeitschrift gewesen, nachdem eine ihrer Tauben ihr 2005 zum Titel „Deutsche Jungtier-Meisterin“ verholfen hatte. Natürlich hat sie den Artikel aufgehoben und hält ihn stolz in die Kamera. Und wenn Uschi ihren Taubenschlag betritt, begrüßt sie ihre Schützlinge gern mit „Hallo, meine Bübis. Mama kommt jetzt mit den Leckerlis.“

Sieht man einmal davon ab, dass sie eine Frau ist, entspricht Uschi dem Bild, das man gemeinhin von Taubenzüchtern hat. Menschen, oft in Vereinen organisiert, die sich die Tiere als Hobby halten und sie gelegentlich an Wettflügen teilnehmen lassen, bei denen es außer der Ehre und blechernen Pokalen wenig zu gewinnen gibt. So kamen Tauben vor allem im Ruhrgebiet, wo einst viele Bergleute der Passion des Brieftaubensports frönten, zu dem Beinamen „Rennpferde des kleinen Mannes“. Auch Walter, ein Jurist aus der Nähe von Düsseldorf, hängt noch der alten Tradition an. Nach seiner Krebsdiagnose, sagt er, gebe ihm sein altes Hobby neuen Halt. Kommerzielle Interessen verfolge er mit seiner Taubenzucht absolut nicht. Er habe ohnehin keine Wünsche, die sich mit Geld erfüllen ließen.

Die Dokumentarfilmerin Lena Leonhardt, die sich bereits in ihrer mit einem Grimme-Preis ausgezeichneten Produktion „Hundesoldaten“ einer kuriosen Beziehung zwischen Mensch und Tier beschäftigt hat, gewährt nun in ihrem neuen Film „Höhenflüge“ (Produktion: OnScreen Media) Einblicke in die Parallelwelten der Brieftaubenzucht. Wobei natürlich für Laien der Hype in Fernost um das Federvieh der überraschendere Kosmos ist. Die Bilder aus China, wo Neureiche bei Wetten irrwitzige Summen einsetzen, muten dementsprechend skurril an. Doch ihren besonderen Reiz verdanken sie nicht zuletzt der Art und Weise, wie sich Andreas Drapa, der am liebsten Trainingsanzüge trägt, in diesem Universum bewegt. Einerseits freut sich der gelernte Fliesenleger, der es mit seinen Brieftauben zum Millionär gebracht hat, über die glänzenden Geschäfte, andererseits wirkt er dabei wie ein seltsamer Exot.

Aber Drapa hat verstanden, wie der Laden läuft und er will unbedingt ganz vorn dabei sein. „Cash is King“, bilanziert er das Lebensmotto seiner Geschäftspartner. Und fügt hinzu: „Lieber heule ich mit den Wölfen, als gefressen zu werden.“ An Freundschaften glaube er ohnehin nicht. Keine Frage, der Mann ist mit seinem protzigen Gebaren und seinen eher schlichten Ansichten zum Lauf der (Geschäfts-)Welt nicht unbedingt ein Sympathieträger, jedoch für den Dokumentarfilm ein echter Glücksfall. Denn Drapa gibt sich offensichtlich so, wie er ist, und macht keinerlei Versuche, den netten Onkel von nebenan zu spielen, weil ihm vermutlich gänzlich schuppe ist, was andere von ihm denken.

Gegen diesen Turbo-Kapitalisten der Taubenzucht kommen die Hobbyzüchter natürlich wesentlich sympathischer daher. Auch Uschi und ihre Vereinskameraden diagnostizieren beim Plausch im Garten: „Heute regiert nur noch dat Geld.“ Doch bei ihnen ist diese Erkenntnis deutlich von Melancholie geprägt. Und als die Frau aus dem Kohlenpott überzeugt kundtut, dass ein Tier doch keine Maschine sei, sieht man in einer späteren Sequenz, wie Drapa in China Jungvögel begutachtet und die meisten als minderwertig aussortiert. „Da gibt’s jetzt monatelang Suppe“, sagt er dazu lapidar. Für Sentimentalitäten ist in seiner Welt kein Platz.

Der unkommentierte Dokumentarfilm (845.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,8 Prozent) stellt den Mann nicht an den Pranger, sondern diagnostiziert schlicht, dass die Globalisierung inzwischen auch in der einstmals betulichen Taubenzucht angekommen ist. Wobei die bodenständig bescheidenen Züchter Walter und Uschi mit ihren traditionellen Werten hier durchaus nicht als bedauernswerte Verlierer erscheinen. Kameramann Sebastian Bäumler fängt die so unterschiedlichen Welten immer wieder in stimmigen Cinemascope-Bildern ein und findet auch für die gefiederten Nebendarsteller teils spektakuläre Einstellungen. Wenn etwa in einer Drohnen-Sequenz unzählige Tauben in China aus einem Lkw heraus zu einem Wettflug starten und dabei spektakulär ein Staubmeer aufwirbeln, könnten die Bilder problemlos auch eine Kinoleinwand füllen.

27.04.2021 – Reinhard Lüke/MK

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