Lena Kammermeier/Felice Götze/Randa Chahoud/Stefan Bühling: Legal Affairs. 8‑teilige Serie (ARD/RBB)

Die Medienanwältin als Superheldin

19.12.2021 •

Von Folge Nummer 1 sollte man sich nicht abschrecken lassen. Das Weitergucken lohnt sich. In den ersten 45 Minuten der ARD-Serie „Legal Affairs“ jedoch wird eine solch nervtötende Hagiografie der Hauptdarstellerin betrieben, dass man sich nicht wundern würde, wenn sich diese Leo Roth plötzlich ein „Super-Lawyer“-Cape überwerfen und in den Berliner Nachthimmel aufsteigen würde. Das Mäntelchen müsste natürlich weiß sein, denn die taffe Anwältin trägt grundsätzlich die Farbe der Unschuld. (Womit sie nicht nur den Nachnamen, sondern auch die Vorliebe für weiße Mäntel mit der einstigen, von Iris Berben gespielten ZDF-Ermittlerin Rosa Roth teilt.)

Indes: Eigentlich kommt genau diese Szene – Leo Roth als Superheldin über den Dächern der Hauptstadt – in der Folge „Hexenjagd“ tatsächlich vor. Nämlich als sie die junge Julia, deren heftiger Streit mit ihrer Bus fahrenden Mutter einen dramatischen Unfall mit zahlreichen Toten und Verletzten verursacht hat, davon abhält, sich vom Dach des Krankenhauses zu stürzen. Nach dieser einmal mehr erfolgreich gemeisterten Situation wird man die Anwältin allen Ernstes in Zeitlupe davonschreiten sehen. In dieser Szene geschieht es denn auch, dass Leo (Lavinia Wilson) plötzlich emotional wird – was man der ansonsten so coolen und abgebrühten Medienanwältin nicht recht abnimmt. Auch ihre später offenbarte, geradezu obsessive Liebe zu ihrem Ex, einem Richter, will nicht recht überzeugen. Das liegt nicht am Schauspiel von Lavinia Wilson, das ist toll und trägt durch die ganze achtteilige Serie.

Das liegt vielmehr am Drehbuch, das seine Hauptfigur nicht nur, aber vor allem in der ersten Episode als absolute Überfigur präsentiert. Und sie dabei nicht etwa betont überzeichnet oder ironisiert, sondern das alles sehr ernst meint: immer auf Zack und immer im Dienst, immer überlegen und selbstbewusst, dazu bestens vernetzt, von allen gefragt, von allen gebraucht, dabei stets gut gelaunt, fit und strahlend schön. Schlaf, so viel ist klar, braucht eine Leo Roth nicht. Nahrung immerhin nimmt sie gelegentlich zu sich, aber immer nur nebenbei, in Meetings oder vor dem Bildschirm. Auf ihren schicken weißen Klamotten ist trotzdem nie auch nur ein Krümelchen zu entdecken.

Diese Leo ist also die bekannteste Medienanwältin der Berliner Republik, eine Promi-Anwältin – und damit ist sie klar an der realen Figur des Christian Schertz orientiert. Der Anwalt ist denn auch als Executive Producer und Fachberater an der Serie beteiligt und taucht in einem Gastauftritt als er selbst auf.

In Leo Roths Kanzlei landen die Fälle, die nach besonders großer Diskretion verlangen, sprich: Prominenten-Fälle. Leos zentrale Bedingung bei jedem Mandat: Die Kanzlei kontrolliert die gesamte Kommunikation nach außen. Manchmal landen bei der Star-Anwältin jedoch auch Fälle wie jener von Julia und ihrem Vater, als diese nach dem folgenreichen Unfall ihrer Mutter bzw. Ehefrau von der Boulevardpresse gejagt werden. Die ist hier in Form des Revolverblatts „Der Tag“ vertreten, insbesondere durch dessen Reporter Götz Althaus (Stefan Kurt). Dieser Althaus, ungepflegt und mit strähnigem Haar als klischeehaft-schmieriger Vertreter der „Sperma-Blut-Schweiß-und-Tränen“-Zunft dargestellt, ist ein ständiger Widersacher der Medienanwältin, mit dem aber auch schon mal zwielichtige Deals gemacht werden. Nach der Devise: Lass du mit deinem Blatt meinen Mandanten in Ruhe, dann gebe ich euch spektakuläres Bildmaterial eines anderen Promis.

Überhaupt sind die Methoden der Leo Roth teils äußerst fragwürdig. Nicht aber in den ersten Folgen der Serie: Da ist das Bild der omnipräsenten Hauptfigur (noch) recht eindimensional und unbefleckt. Womit einem diese Protagonistin zunächst einmal sehr fremd bleibt. Das ändert sich zwar mit dem Fortgang der Serie, aber so richtig warm wird man mit der Figur dieser „Bigger-than-life“-Frau bis zum Schluss nicht. Von der unüberzeugenden Einführung dieser Figur erholt sich die Produktion nicht mehr so ganz.

Und dennoch wird die scheinbar so modern betitelte Serie „Legal Affairs“ – US-amerikanische Anwaltsserien wie „Suits“, „Scandal“ oder eben „Boston Legal“ lassen grüßen – von Folge zu Folge fesselnder und dichter. Das liegt an einem jenseits der Hauptfigur gut eingeführten und interessant gezeichneten Figurenarsenal, gelungenen, schnellen Dialogen, der aufwändigen Machart und der gekonnten Inszenierung, dem atemlosen Tempo und den atmosphärisch starken, mit Handkamera und Unschärfen arbeitenden Bildern von Julian Hohndorf und Jan Prahl. Und das liegt an Fällen, die absolut auf der Höhe der Zeit sind und wichtige aktuelle Fragen aufgreifen: Datenklau und digitaler Mob, die unsauberen Methoden der Boulevardpresse, die Grenzen von Satire oder Mobbing per Deepfake-Videos. In jeder Folge wird ein solcher Fall von Leo Roths Kanzlei übernommen und üblicherweise auch „gelöst“.

Dazu kommt eine horizontal erzählte Story, die sich über die ganze Länge der Serie zieht (Produktion: Ufa Fiction): Leos Schwager Kai Fontaine, verheiratet mit Leos an MS erkrankter Schwester, ist nicht nur Berlins Innensenator, sondern hatte auch eine Affäre mit seiner Untergebenen Sophie Jessen. Als er die Liebschaft beenden will, versucht ihn die Frau zu erpressen. Leo nimmt die Sache in die Hand, passt Sophie Jessen beim Joggen ab, versucht sie mit harschen Worten einzuschüchtern, es kommt zu einem Gerangel. Kurz darauf wird die junge Frau erhängt aufgefunden, offenbar Selbstmord.

Nachdem ein Mitschnitt von der Auseinandersetzung auftaucht, in dem Leo Sophie den Strick an den Hals wünscht, wird wegen Nötigung gegen sie ermittelt. Die öffentliche Meinung dreht sich, die Kanzlei Roth gerät auch wirtschaftlich in schwere Zeiten, weil Kunden wie Katarina Witt, die hier ebenfalls höchstpersönlich auftritt, kündigen (Witt war im echten Leben Klientin von Christian Schertz und angeblich auch dessen langjährige Lebensgefährtin). 

Die Darstellung dieses flirrenden Spiels zwischen Fiktion und realen Vorbildern ist den Headautorinnen Lena Kammermeier und Felice Götze und der Inszenierung von Randa Chahoud (Folgen 1, 2, 3, 6, 8) und Stefan Bühling (4, 5, 7) gut gelungen. So erinnert das hier auftretende Satire-Kollektiv „Institut für rosige Zeiten“, das Menschenrechte mit Aktionskunst verbindet, nicht zufällig an die dem entsprechende reale Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“. Wenn es um den Fußball-Bundesligisten Bayern München geht, dann sprechen alle vom „Hasan“, erinnern damit also an Hasan Salihamidzic, den vormaligen Sportdirektor und jetzigen Sportvorstand des FC Bayern. Und wenn vom Mannschaftsarzt „Meier-Hansen“ die Rede ist, denkt man natürlich unweigerlich an den legendären Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der mehrere Jahrzehnte die Bayern-Fußballer fit machte.

So bietet „Legal Affairs“ einen in vielerlei Hinsicht unterhaltsamen Einblick in die (im echten Leben sicher nicht ganz so) eng verflochtene Berliner Gemengelage aus Politikern, Promis und Vertretern aus Justiz und Medien. Die extrem schnell, teils auch zu schnell erzählte Serie ist dabei thematisch voll auf der Höhe der Zeit und weiß juristische Fragestellungen spannend zu skizzieren und zum Leben erwecken – und sie steigert sich qualitativ von Folge zu Folge. Ein nicht zu unterschätzendes und womöglich das größte Pfund der Produktion ist die Riege an durchwegs tollen Schauspielern, die von Lavinia Wilson und Stefan Kurt über Maryam Zaree, Niels Bormann, Jacob Matschenz und Helene Grass bis zu Sophie Rois reicht, um nur einige zu nennen. Alles in allem ist „Legal Affairs“ also trotz seines eindimensionalen Superwoman-Auftakts ein gelungenes Projekt.

Die Serie steht seit dem 17. Dezember komplett in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit. Im linearen Fernsehen startet sie mit den ersten beiden Folgen am Sonntag, 19. Dezember, um 21.45 Uhr im Ersten nach einem „Tatort“, also auf dem Sendeplatz der Talkshow „Anne Will“, die nun in die Weihnachtspause geht.

19.12.2021 – Katharina Zeckau/MK

Eine Serie über eine berühmte Medienanwältin: Die Auftaktepisode ist in ihrer hagiografischen Zeichnung der Hauptfigur beinahe abschreckend, doch dann steigert sich die Serie von Folge zu Folge auf ein sehr gutes Niveau

Foto: Screenshot


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