Laura Wilbert: Die Ostseetaucher – Einsatz unter Wasser. 4‑teilige Reportage-Reihe (Nitro)

Schiffe, Schäkel, Umweltsünden

29.11.2021 •

In der Welt der Spartensender haben herkömmliche Geschlechterrollen offenbar noch Bestand. Ein vergleichender Blick auf die Programmangebote am Samstagnachmittag: Beim Frauensender Sixx wird gekocht und gebacken. Wenn nicht, finden Eigenheime neue Besitzer oder werden von kundiger Hand in traute „Wohnträume“ verwandelt.

Um das männliche Publikum konkurrieren gleich mehrere Sender, DMAX, Pro Sieben Maxx, in gewissem Sinn auch die Nachrichten- und Doku-Kanäle ntv und ‘Welt’ – sowie zweifellos Nitro. An vier Samstagen platzierte Nitro, der Männersender der RTL-Gruppe, zwischen der Free-TV-Premiere „Miniatur Wunderland XXL“ und Wiederholungsfolgen der US-Kultserie „Knight Rider“ mit „Die Ostseetaucher – Einsatz unter Wasser“ eine Eigenproduktion. Autorin und Regisseurin der Reportage-Reihe ist mit Laura Wilbert eine Frau, ebenso wie die Produzentin, Svenja Halberstadt (Flow Media Company). Vom Thema her bündelt diese Reihe alles, was nach Meinung von Männersenderbetreibern männliche Zuschauer lockt. Ein abenteuerlicher, oft gefährlicher Beruf, raue Natur, große Spielzeuge – Spezialschiffe, Schwimmkräne, Unterwasserausrüstung –, kernige Typen und ein ruppiger, aber herzlicher, oft derb humorvoller Umgangston.

Passend dazu wurde als Off-Sprecher Peter Reichert ausgewählt, der über ein rauchiges Seebärentimbre verfügt. Wenn ein Helmtaucher in der Tiefe auf eine verrottende Weltkriegsbombe mit beschädigtem Zünder stößt, meldet der Kommentator: „Sie könnte jederzeit losgehen.“ Dann legt er ein gutes Maß Dramatik in seine Stimme, ohne überkandidelt zu klingen. Und übertrieben ist die Bemerkung sicher nicht. Diese Altlasten sind nachvollziehbarerweise hochgradig gefährlich.

Reichert erklärt aus dem Off, was im Bild gerade geschieht. Das ist in diesem Fall durchaus hilfreich, denn der Beruf der Helmtaucher ist sehr speziell, ebenso ihr Jargon. Die „Beräumung von ferromagnetischen Verdachtspunkten“ beispielsweise bedarf der Übersetzung in die Umgangssprache. Und der Kommentar aus dem Off ist hier eine entschieden elegantere Lösung, als wenn, was auch vorkommt, der Taucheinsatzleiter den anstehenden Auftrag ausführlich und umständlich erklärt, weil er eigentlich indirekt zu den Zuschauern und nicht zu seinen Leuten spricht, die das alles natürlich schon wissen und darob leise vor sich hinschmunzeln.

Der Zwang zum ausführlicheren Off-Kommentar entsteht teils aus der Not: Die Kamera kann, gerade unter Wasser, verständlicherweise nicht überall sein. Darstellungslücken müssen durch Worte überbrückt werden. Gleichzeitig lernen wir dazu: dass nach dem Zweiten Weltkrieg geschätzt mehr als 1,5 Mio Tonnen Munition versenkt wurden, dass sich die Ostsee seit 1992 um fatale zwei Grad erwärmt hat, dass in der Ostsee zirka 16.000 Wracks liegen, an denen Geisternetze hängenbleiben und Meeressäugern, Fischen, Seevögeln den Tod bringen.

Die Taucher stehen dieser Katastrophe nicht gleichgültig gegenüber. Erik isst aus Prinzip keinen Fisch aus industriellem Fang, ein anderer zieht den Vergleich mit Wäldern – würde dort eine ähnliche Menge gefährlichen Mülls abgekippt, wären die Behörden prompt zur Stelle. Auf See aber müssen Umweltorganisationen tätig werden und mit Spendengeldern Tauchunternehmen anheuern, um die Geisternetze zu beseitigen. Eine Sisyphusarbeit und kein einfaches, oft gefährliches Unterfangen, wie die dritte Folge der Reihe zeigte, die schwerpunktmäßig diesem Thema gewidmet war und auch eine Biologin zu Wort kommen ließ, die die Mission namens der Auftraggeber begleitete.

Alle vier Folgen – jeweils 55 Minuten (inklusive Werbung) – haben wiederkehrende Protagonisten, die Belegschaft des Rostocker Unternehmens „Baltic Taucher“. An keiner Stelle kommt verlogene Seefahrerromantik auf. Den Mitarbeitern stellen sich vielfältige Aufgaben aus den Bereichen Elektro- und Schweißtechnik, Mechanik, Nautik. Oft ist der Zuschauer hautnah am Geschehen, weil die Taucher selbst über Kameras verfügen, deren Aufnahmen nach oben in den Leitstand übertragen werden.

Natürlich wurden im Schnitt besonders dramatische und spannende Momente ausgewählt. Mal scheint eine aufwändige Bergungsmission zu scheitern, weil ein Schäkel – ein U-förmiges Verbindungsstück – nicht passt, mal droht der überlastete Schiffskran zu kippen; oder ein Taucher verheddert sich beim Hieven eines Wirrwarrs aus alten Netzen und Seilen. Eines wird deutlich: Das berufliche Helmtauchen mit Sauerstoffverbindung zum Schiff setzt weit mehr voraus als die Hobbytaucherei mit geschulterten Sauerstoffflaschen.

Dramaturgisch geschickt wird in jeder Folge von zwei unterschiedlichen Einsätzen in Parallelmontage erzählt, so dass sich Binnen-Cliffhanger einbauen lassen. Visuell gibt es einige Finessen, Drohnenaufnahmen und originell gestaltete Trenner zwischen den Szenenwechseln. Da sieht man zum Beispiel den unternehmenseigenen Schiffsanleger inmitten eines computergrafisch erzeugten Zifferblatts mit rotierendem Suchstrahl. Splitscreen-Effekte machen es möglich, das Beladen des Tauchschiffs gleichzeitig aus drei verschiedenen Perspektiven zu zeigen.

Die Nitro-Reihe „Die Ostseetaucher – Einsatz unter Wasser“ erweist sich als vergleichsweise ambitionierte Produktion mit Unterhaltungswert einerseits und zum anderen mit einem Informationswert, der über eine schlichte Abenteuer- und Technikthematik hinausgeht. Ausdrückliche Warnungen vor treibendem Phosphor richten sich nicht nur an männliche Zuschauer, ökologische Probleme bleiben nicht länger abstrakt, wenn sie gänzlich unmissionarisch mit dem beruflichen Alltag handfester Seeleute verknüpft werden. Drei Folgen wurden im Wochenrhythmus jeweils um 17.30 Uhr ausgestrahlt; am 6. November wurde dieser Turnus wegen einer Sportübertragung unterbrochen, so dass die vierte und letzte Folge am 13. November lief.

29.11.2021 – Harald Keller/MK

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