Laura Borchardt/Lucas Stratmann: Die Kinder machen Druck – Kann die Klimafrage das Land spalten? (ARD/NDR)

Absurder Vorwurf

03.03.2020 •

Man habe doch eine Verantwortung gegenüber den eigenen Kindern, erklärte eine Frau am Rande einer Demonstration vor einem Kohlekraftwerk in der Lausitz. Was die Aktivisten von „Fridays for Future“ (FfF), die ebenfalls vor Ort waren, genauso sehen würden. Doch exakt gegen deren Forderungen richtete sich der Protest der Frau. Mit zahlreichen anderen Menschen nahm sie an der von der Gewerkschaft organisierten Demo für die Verlängerung der Laufzeiten für den Kohleabbau und die entsprechenden Kraftwerke teil.

Den einheimischen Protestierenden aus der Lausitz ging es um Arbeitsplätze und die Sicherung ihrer materiellen Existenz vor Ort, während die jugendlichen Klimaschützer eher das Überleben des gesamten Globus im Visier haben. Solche nachvollziehbaren Existenzängste haben in der Vergangenheit nahezu jeden (wirtschaftlichen) Umbruch begleitet. Von daher sind derartige Verteilungen in Befürworter und Mahner wahrlich kein neues Phänomen. Von der Spaltung der Gesellschaft, die unter anderem auch beim Thema Migration zum Ausdruck kommt, ist schließlich in letzter Zeit allerorten die Rede.

Laura Borchardt und Lucas Stratmann unternahmen in ihrer Reportage mit dem seltsamen Titel „Die Kinder machen Druck“ nun den Versuch, die „Fridays-for-Future“-Bewegung, die ja nicht von Kindern, sondern von Jugendlichen getragen wird, mit der Polarisierung der Gesellschaft in Verbindung zu bringen. Weshalb der Untertitel des Films denn auch lautete: „Kann die Klimafrage das Land spalten?“ Zu Beantwortung der im Untertitel gestellten Frage hatte man beim Meinungsforschungsinstitut Infratest-Dimap eigens eine Erhebung in Auftrag gegeben, die die Meinung der Bundesbürger zur Klimapolitik ergründen sollte. Demnach unterstützen 50 Prozent der Menschen die Forderungen der FfF-Bewegung, 49 Prozent eher nicht.

Zudem hatte das Institut auch noch Zustimmung und Ablehnung nach Wählern der im Bundestag vertretenen Parteien abgefragt. Mit dem wenig überraschenden Ergebnis, dass Wähler der Grünen die meisten Sympathien für die jugendlichen Protestierer hegen, die der völkisch-nationalen AfD die wenigsten. Natürlich bekamen auch Vertreter der Parteien Gelegenheit, sich zur Klimapolitik und speziell zu „Fridays for Future“ zu äußern. Während Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und CDU-Youngster Phillip Amthor erklärten, Politik müsse zwischen den Maximalforderungen der Jugendlichen und den Ängsten der Bürger vermitteln, mühte sich FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg („Der Satz war sicherlich nicht hilfreich“) erst einmal, die Worte ihres Parteivorsitzenden Christian Lindner zu entkräften, der die Freitags-Protestierer im Bundestag zu Schulschwänzern erklärt hatte. 

Der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland leugnete einmal mehr, dass der Klimawandel von Menschen verursacht sein könnte, und rühmte seine Partei, als einzige keine Ängste zu schüren, sondern die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen. Was die Autoren im Interview unwidersprochen ließen. Aber immerhin wiesen sie im Kommentar dann doch darauf hin, dass die AfD selbst massiv Angstszenarien wie das von einer drohenden Islamisierung aufbaut.

Rätselhaft blieb indes, weshalb hier in der Riege der befragten Politiker kein Vertreter der Grünen auftauchte. Schließlich haben deren Anfänge als ökologische, friedens- und emanzipationsbedachte Protestbewegung doch ziemlich viel Ähnlichkeit mit „Fridays for Futures“. Nein, dass daraus mal eine Partei werden könnte, halte er für ausgeschlossen, erklärte ein jugendlicher Aktivist am Rande einer Demonstration. Schließlich sei man streng basisdemokratisch. So war das bei Grünen einst auch. Dass die Filmemacher ein paar PS-Enthusiasten, die in Hannover mit ihren Karossen gegen FfF protestierten, in den Rang einer Gegenbewegung erhoben, war mindestens unverhältnismäßig.

Neben zahlreichen Archivbildern aus Nachrichtensendungen und Talkshows wartete die Reportage auch mit drei jugendlichen „Fridays-for-Future“-Aktivisten auf, die man über einen längeren Zeitraum bei ihren Aktionen begleitet hatte. Die drei wurden zwar vorgestellt, für eine Namenseinblendung per Insert waren sie, anders als die Politiker, den Autoren aber offenbar doch nicht wichtig genug.

Dass der 45-minütige Film (1,20 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,2 Prozent) nicht in aller Ausführlichkeit die Klimafrage an sich erörterte, war nicht weiter störend. Auch dass die „Klimastreik“-Protagonistin Greta Thunberg hier in Wort und Bild nicht vorkam, war zu verkraften. Allerdings hätte man doch zumindest den Versuch einer Analyse erwartet, wie „Fridays for Future“ binnen kürzester Zeit zu einer Bewegung wurde, die nahezu weltweit Politiker unter Druck zu setzen vermag und die Bundesregierung im März vorigen Jahres eine Klimakommission einsetzen ließ. Offenbar haben die protestierenden Jugendlichen in Sachen Klima doch eine Stimmung getroffen, die in großen Teilen der Bevölkerung bereits da war. Die Reportage, die in der Rubrik „Die Story im Ersten“ ausgestrahlt wurde, machte den Jugendlichen hingegen zumindest unterschwellig den absurden Vorwurf, die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben zu haben.

03.03.2020 – Reinhard Lüke/MK