Late Night Alter. 8-teilige Late-Night-Show mit Ariane Alter (ZDFneo)

Gute Nacht, schlechte Nacht

08.12.2020 •

Noch nie hat es eine Frau im deutschen Fernsehen geschafft, sich als Gastgeberin einer klassischen Late-Night-Show zu etablieren. Die erste, die es versuchte, Anke Engelke vor 16 Jahren auf Sat 1, hatte sich mit „Anke Late Night“ immerhin 68 Folgen lang auf dem früheren Sendeplatz von Harald Schmidt gehalten, allein, sie war gescheitert. Nach diesem „Desaster“ (Engelke über Engelke) kam eine Ewigkeit nichts, bis Pro Sieben 2016 der als „Nachfolgerin von Stefan Raab“ gehandelten Enissa Amani eine acht Ausgaben kurze Staffel „Studio Amani“ zubilligte (vgl. MK-Kritik), jedoch auf eine Fortsetzung zur Weiterentwicklung verzichtete. An Amanis Nachfolger wiederum hielt der Sender trotz Anlaufproblemen fest. Und so konnte Klaas Heufer-Umlauf mit „Late Night Berlin“ (vgl. MK-Kritik) in den vergangenen zweieinhalb Jahren so gut in die Gänge kommen, dass er vermutlich bis ultimo am schicken Schreibtisch im LNB-Studio kleben bleiben darf und nur die Pulloverfarbe wochenweise wechseln muss. Ist das ungerecht?

Aber hallo! Würde bestimmt auch Ariane Alter sagen. Die in der Jugendabteilung des Bayerischen Rundfunks (BR) großgewordene Moderatorin hat auf dem jugendlichen Nebenkanal des ZDF den Kampf aufgenommen um die Geschlechtergerechtigkeit zu später Fernsehstunde. Ihre Sendung „Late Night Alter“ bei ZDFneo wurde möglich, weil erstens Jan Böhmermann mit seiner Late-Night-Show ins ZDF-Hauptprogramm umgezogen ist. Zweitens bringt Ariane Alter Genre-Erfahrung aus diesem Internet mit. Für Funk, das hippe „Content-Netzwerk“ von ARD und ZDF, führte sie in der ersten Jahreshälfte 2020 zweimal wöchentlich durch „Gute Nacht, Alter“. Diese Show im Do-it-yourself-Look, die im Sendetitel wie auch das neue Format furchtlos mit Ariane Alters Nachnamen spielt, firmierte als Late Night und hatte ein eingebautes Überraschungselement: Nur Sidekick Jakob Wihgrab wusste über den Ablauf Bescheid. Das hatte was, es funkte sozusagen zwischen den beiden und nahm Ariane Alter die Last des lustigen Auf-sich-allein-gestellt-Seins. Dass die Halbstundensendung „Late Night Alter“ (Kürzel: LNA) auf solch einen Sparringspartner verzichtet, ist einer von vielen Fehlern, von denen gleich noch die Rede sein wird.

Produziert wurde „Gute Nacht, Alter“ von den Late-Night-Show-Profis John Lueftner und David Schalko von der Firma Superfilm (Wien/München), also von jenen Herren, die die alpenländische TV-Institution „Willkommen Österreich“ (ORF 1) schufen und hierzulande Hannes Ringlstetter im Bayerischen Rundfunk das Late-Night-Handwerk beibrachten. Bei „Late Night Alter“ sind die südländischen Produzenten raus, die Firma Fabiola aus Berlin, wo die Show entsteht, ist dafür drin.

Und nur ein paar wenige Autorinnen und Autoren von „Gute Nacht, Alter“ erklimmen mit der Spielleiterin gemeinsam „die nächste Entwicklungsstufe“, wie Ariane Alter den Wechsel zu ZDFneo nannte. Die Produktionsumstände dort sind natürlich aufwendiger geworden. So gibt es jetzt einen ordentlichen Vorspann, in dem Ariane Alter aus einer 140.000 Euro teuren, Plug-in-Hybrid-angetriebenen Sportkarre heraussteigt und selbstbewussten Schrittes zu Keshas „Woman“-Takt ins Havelstudio stürmt. Den Schreibtisch ‘Modell Einfach’ hat ein Samtsofa in edlem Blau ersetzt, das bronzefarbene Designlampen bescheinen. Nur was die Performance der Gastgeberin betrifft, hat sich noch nichts erkennbar zum Besseren entwickelt.

Ariane Alter ist nach wie vor eine laute, manchmal unangenehm überlaute Vertreterin ihres Geschlechts. Sie bellt, sie fuchtelt wie wild, immer auf die zwölf – halb zehn würde auch mal reichen. Offenbar kann sie, die in Berlin geboren wurde, sich das Prädikat „Berliner Göre“ aber verbitten würde, nicht anders, als sich permanent aufzuregen, gerade wenn es um „ihre Themen“ geht, die praktischerweise auch zum Weltbild ihrer Zielgruppe der 25- bis 39-Jährigen passen: Antirassismus, Antisexismus, Antihomophobie, Anti-AfD, Antiklimawandel, you name it. Der Gefahr, dass die „Unterhaltung“ vor lauter vielbeschworenem „Stellungbeziehen“ und „Haltungzeigen“ zu kurz kommt, war schon ihr Vorgänger Böhmermann zuletzt oft erlegen, und diese Gefahr ist auch bei „Late Night Alter“ gegeben, wie sich nach den ersten drei Ausgaben gezeigt hat.

Nein, einen ausländischen Politiker hat Ariane Alter bislang noch nicht in Rage gebracht. Aber sie gendert schon mal konsequent, spricht von „Follower-[Pause]-innen“ und „Gästinnen“, was manchem über 39-Jährigen den Puls hochtreiben dürfte. Zur Premiere knöpfte sie sich das Blutspendeverbot für homosexuelle Menschen vor. Ein wichtiges Thema, sicher, aber auch eins, was man sich in so angestrengt bedeutungsschwerem Ton gefallen lässt, wenn man schon mit einem Bein im Bett ist und noch Lust auf geniale Witze hat? Eher nicht.

Lustiger war dann schon, wie Ariane Alter in der zweiten Show alle Einwände und Widerstände gegen die geschlechtergerechte Sprache in einem als Werbespot verkleideten Sketch zusammenrührte: „Gönn dir Genderquark … so frisch … schmeckt lecker nach Respekt und einem extragroßen Schuss von Vernunft“ und so fort. Das ging runter leicht wie Quark. Erfrischend auch die Nummer über vergewaltigungsverherrlichende Texte im Schlager (!) und die „Capital Bras der Rollatorgeneration“ (gemeint waren Roland Kaiser & Co.).

Dass in dieser zweiten Show erstmals eine Band, die Gruppe „Pudeldame“ von Schauspieler Jonas Nay, den passenden Sound zum Thema beisteuerte, war ein Glücksfall und zeigte einmal mehr, wie unverzichtbar dieses Late-Night-Element ist. Auch Veteranen wie Jan Böhmermann wären verloren ohne musikalischen Kommentar zum Gag. Anfängerin Ariane Alter ist es erst recht.

Wo schaut sie nur hin? Wo liest sie ab? Wieso gibt es keinen Tusch? Das vielgefürchtete Stand-up zu Beginn jeder klassischen Late Night, es läuft bei ihr noch nicht rund. Ariane Alter monologisiert sich einen Wolf – und niemand lacht. Erschwerend, vielleicht entschuldigend kommt hinzu, dass sie coronabedingt in die publikumslose Leere des Studios ‘performen’ muss. Auch dass „Late Night Alter“ zwei Tage vor der Ausstrahlung aufgezeichnet wird, birgt Probleme – der Nachlese zur US-Wahl eine gute Woche später fehlt die Aktualität. Alters mangelnde Lockerheit macht sich indes auch bei einem anderen, wesentlichen Element der Show bemerkbar: dem Talk-Part.

„Gästin“ der Premiere-Sendung war Cathy Hummels, eine Selfmade-Geschäftsfrau, die „Late Night Alter“ zur Verkaufsveranstaltung für die eigenen Produkte (Masken, Buch) umwandelte, ohne dass die Gastgeberin eingegriffen hätte. Für Show Nr. 2 war Sawsan Chebli angekündigt, jene Berliner SPD-Politikerin mit Vorliebe für Rolex-Uhren, die in der parteiinternen Vorwahl für einen Sitz im Bundestag den Regierenden Bürgermeister Michael Müller herausgefordert hatte, ihm aber unterlag. Nach ihrer Nicht-Wahl zog Chebli offenbar ein Nicht-Erscheinen bei „Light Night Alter“ vor. Sie müsse arbeiten, habe Chebli ihr als Absagegrund angegeben, erklärte Ariane Alter dem TV-Publikum im gespielt trotzigen Ton.

Über Rolex-Uhren sprach sie dann mit Kevin Kühnert, dem an Cheblis statt in die Sendung Eingeladenen. Der ewige Nachwuchsstar der SPD lässt grundsätzlich keine Kamera an sich vorbeiziehen. Er ist ein begnadeter Polit-Entertainer, wie es ihn seit Regine Hildebrandt, der „Mutter Courage des Ostens“, nicht mehr gab, dazu „Markus-Lanz“-gestählt – und für Ariane Alter in Sachen Schlagfertigkeit eine Nummer zu groß. Der Einzige, der Kühnert aus dem Konzept brachte, war Wolfgang, Ariane Alters Dackel. Tiere im Fernsehen garantieren Sympathiepunkte, eigentlich. Schlecht nur, wenn sie permanent bellend stören und Talkshow-Gästen Angst einflößen.

Mit der „Gästin“ von Sendung Nr. 3, Laura Karasek, die zugleich Ariane Alters ZDFneo-Kollegin ist („Zart am Limit“, „Die Höhle der Lügen“), talkte sie nicht, sondern spielte mit ihr ein merkwürdiges Spiel mit Glühweintassen, für das beide in wenig schmeichelhafte XL-Ski-Overalls schlüpften. Um abschließend im Bild zu bleiben: Die TV-Klamotte „Late Night Alter“ sitzt noch etwas unvorteilhaft, aber sie lässt sich bestimmt passend machen. Mit der Zeit. Acht Folgen „Late Night Alter“ hat ZDFneo bis jetzt eingeplant. Ariane Alters Vorgänger Jan Böhmermann bekam sechs Jahre lang die Chance, um sich zur Gute-Nacht-Kraft aufzubauen. Fairerweise sollte mehr als eine Staffel zum Eingrooven auch für Ariane Alter drin sein.

08.12.2020 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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