Lars Abromeit/Luise Wagner: Alexander Gerst auf Expedition – Im Eis der Antarktis (ARD/SWR)

Mit Spaßfaktor

06.12.2020 •

Alexander Gerst ist ein Popstar unter den Wissenschaftlern. Der deutsche Astronaut, der sich mit seinem ökologischen Sendungsbewusstsein zuweilen wie ein Reinhold Messner des Weltraums geriert, repräsentiert alles andere als den weltabgewandten, spröden Forscher. 1976 in Künzelsau geboren, zählt Gerst zu einer Generation, die mit den Möglichkeiten digitaler Medien und sozialer Netzwerke bestens klarkommt. Als er sich im Sommer 2018 von der internationalen Raumstation ISS – also vom Weltraum aus – live zu einem Konzert der Avantgarde-Formation „Kraftwerk“ nach Stuttgart zuschaltete, um mit einem Tablet die emblematische Melodie aus dem Spielberg-Film „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) beizusteuern, gelang ihm eine Synthese aus Popkultur und real gewordener Science-Fiction.

Nach seiner Rückkehr aus dem Orbit, wo er 363 Tage um die Erde kreiste, nahm der Abenteuerforscher eine neue Herausforderung an. Als Teilnehmer eines internationalen Teams, bestehend aus Geologen, Planetenforschern und Bergführern, begab Gerst sich im Dezember 2019 auf eine sechswöchige Expedition in die Antarktis. Ziel dieser Mission: Die Wissenschaftler wollen im ewigen Eis Meteoriten finden, die dabei helfen könnten, die Vergangenheit und die Zukunft auch der Erde besser zu verstehen.

Für sich genommen klingt das zunächst einmal nicht abendfüllend. Weil das Zeigen des bloßen Einsammelns von Steinen in einer Schneelandschaft monoton erscheint, hat das Autorenduo Lars Abromeit und Luise Wagner seine 45-minütige Hochglanz-Dokumentation „Alexander Gerst auf Expedition – Im Eis der Antarktis“ (Produktion: Gruppe 5) mit verschiedenen Mitteln aufgewertet. So klingt schon der Off-Kommentar, der die Schneelandschaft am Südpol zum „weißen Mars“ verklärt, zuweilen etwas fabulierfreudig. Hinzu kommen computeranimierte Landkarten und Clips, die bildlich darstellen, was überhaupt ein Meteorit ist.

Zudem rücken Abromeit und Wagner ihre Dokumentation – was sich anbietet – in einen historischen Kontext ein. Sie erinnern an die tragisch gescheiterte Expedition des Polarforschers Robert Falcon Scott, der im Winter 1911/12 den Wettlauf zum geografischen Südpol gegen den Norweger Roald Amundsen verlor und dabei auch noch ums Leben kam. Die Dokumentation greift dazu ausführlich auf die hinlänglich bekannten, 1911 entstandenen Filmaufnahmen und Fotos von Herbert Ponting zurück. Dessen Bilder werden zuweilen etwas übertrieben aufbereitet. Ist etwa zu sehen, wie Scott und seine Expeditionsteilnehmer Ponys erschießen müssen, dann wird effekthascherisch zweimal ein Schuss eingeblendet. Dem historischen Bildmaterial wird auf diese Weise zudem eine fingierte Pseudo-Authentizität unterlegt. Bei anderen der Fotos lässt man animierte Eiströpfchen vorbeihuschen und verkitscht sie damit.

Kernelement der Dokumentation ist ein von Alexander Gerst selbst erstelltes Videotagebuch. Im Stil eines entspannten YouTubers, der über seine Hobbys spricht, erklärt Gerst, wie es sich in einem kleinen Zelt inmitten der Antarktis so anfühlt. Extrem-Camping. Dabei kommen durchaus interessante Details zur Sprache. So sei es nicht zur Nachahmung empfohlen, in einem geschlossenen Zelt offenes Feuer zu entfachen, das sei auch gar nicht erlaubt. Die Antarktis-Zelte seien im Übrigen aus feuerfestem Material.

Gerst macht für den Zuschauer zu Hause nachvollziehbar, wie mühsam es ist, sich für eine Wanderung außerhalb des Zeltes bei klirrender Kälte anzuziehen. Bis man ausgehbereit ist, dauert es rund 30 Minuten. Als ambitionierter Umweltschützer kommt der Geophysiker auch auf den Klimaschutz zu sprechen, der – allerdings auf eine schwer nachvollziehbare Weise – in Zusammenhang mit der Expedition gebracht wird.

Insgesamt dominiert in diesem Film der Spaßfaktor. An Weihnachten rücken die Expeditionsteilnehmer im Zelt zusammen und schieben eine Pizza in den Ofen. Das wirkt recht gemütlich. Wenn Gerst dann noch mit dem Satellitentelefon regelmäßig bei der Familie zu Hause anruft („tolle Verbindung“), dann wirkt diese Expedition fast schon ein wenig wie ein telegener Fake. Der Film hat jedenfalls Schauwerte, die Aufnahmen aus dem ewigen Eis sind immer wieder sehenswert. Leider erinnert die dröhnende Musikuntermalung an das sonntägliche ZDF-Bombastikgeschichtsformat „Terra X“ (für das die Firma Gruppe 5 ebenfalls Folgen produziert).

Problematisch ist zudem, dass die eigentliche Hauptdarstellerin des Films, nämlich die Antarktis, gegenüber Alexander Gersts Selbstinszenierung teilweise zur Nebensache wird. So kommt diese im Rahmen der Reihe „Erlebnis Erde“ am Montag um 20.15 Uhr ausgestrahlte ARD-Dokumentation über Gersts Antarktis-Expedition in einigen Szenen wie ein Werbefilm für Extremreisen daher, bekanntlich ein neuer Trend, bei dem zahlungskräftige Touristen aus der Komfortzone herausgeholt werden möchten.

Aber hier ging es natürlich um eine wissenschaftliche Expedition. Deren Bilanz fasst der Film (3,48 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,5 Prozent) so zusammen: „Die Expedition geht zu Ende. Trotz schwierigen Wetters war sie ein großer Erfolg. 346 Meteoriten hat das Team im Gepäck. Wissenschaftler in aller Welt warten gespannt darauf, sie genauer zu analysieren.“

06.12.2020 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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