Lara Straatmann: Wir schicken ein Schiff. Seenotrettung im Auftrag der Kirche (ARD/NDR)

Eine Dokumentation, die viel leistet

18.07.2020 •

Ostern 2020: Vier Boote mit insgesamt 200 Menschen geraten vor Malta in Seenot. Auf einem Boot bricht Panik aus, einige Menschen drohen nach mehreren Tagen ohne Trinkwasser zu verdursten. Mit diesem Ereignis beginnt Autorin Lara Straatmann ihre Dokumentation „Wir schicken ein Schiff. Seenotrettung im Auftrag der Kirche“. Am Ende starben zwölf Menschen, überwiegend aus Eritrea – wegen der unterlassenen Hilfeleistung Maltas, das laut der Regelungen der Europäischen Union (EU) zuständig für die Rettung gewesen wäre. Die Hälfte dieser Opfer bekommt in dem Film ein Gesicht. Einige der Überlebenden haben Straatmann Fotos zugeschickt.

Straatmann verzahnt in diesem Film einen gemeinsam mit Andreas Maus entstandenen Beitrag, der am 28. Mai 2020 im vom WDR verantworteten ARD-Politikmagazin „Monitor“ zu sehen war („Sterben im Mittelmeer: Europas Rückzug bei der Seenotrettung“), mit einer Schilderung der geplanten Aktivitäten der evangelischen Kirche für ein eigenes Rettungsschiff. Personifiziert werden die Planungen durch Heinrich Bedford-Strohm, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zum eingangs beschriebenen Fall sagt er, es sei „skandalös“ und „unerträglich“, dass Malta „aktiv die Rettung behindert“ habe.

Die vom NDR zugelieferte Dokumentation (Redaktion: Anja Würzberg) – in der auch kleinere Teile eines weiteren „Monitor“-Beitrags Verwendung fanden („Waffengewalt gegen Seenotretter: Rechtsfreier Raum Mittelmeer“, 7.11.19) – war im Ersten auf dem Sendeplatz am späten Montagabend zu sehen. Für diesen Platz kann die Kirchenkoordination der ARD bis zu acht Filme pro Jahr vorschlagen. Hauptsächlich laufen auf diesem 45-Minuten-Termin Dokumentationen aus der Reihe „Geschichte im Ersten“ (regulärer Sendebeginn: 23.30 Uhr; der Beitrag „Wir schicken ein Schiff“ begann am 15. Juni wegen einer aktuellen Programmänderung der ARD zur Coronakrise 15 Minuten später).

Die EKD arbeitet bei ihrem Seenotrettungsprojekt mit der Organisation Sea-Watch zusammen. Konsequenterweise heißt das mit Spenden finanzierte Kirchenschiff „Sea-Watch 4“. „Es ist vielleicht auch ein bisschen die Zukunft der Kirche, dass sie auch mal was riskiert“, sagt Bedford-Strohm. Tatsächlich riskiert er etwas. Er bekommt zum Beispiel Wut-Mails und Austrittsankündigungen. „Unterlassen Sie es bitte, sich in die Politik einzumischen“, heißt es in einem Schreiben.

Die eindrücklichsten Sätze zur derzeitigen Lage auf dem Mittelmeer formuliert in dem Film Jürgen Bast, Professor für Öffentliches Recht und Europarecht an der Universität Gießen: „Die Europä­ische Union und ihre Mitgliedstaaten haben sich entschlossen, möglichst einen Weg zu finden, wie man sich den eigenen Verpflichtungen zur Seenotrettung entziehen kann.“ Völkerrechtswidrig sei es nicht nur, Menschenrechtsverletzungen selbst zu begehen, sondern auch, „wenn man andere Menschenrechtsverletzungen begehen lässt“. Das bezieht sich auf die Rückführung Geflüchteter nach Libyen. Bedford-Strohms Grundposition dazu lautet: „Europa verliert seine Seele, wenn es an dieser Stelle nicht seinen eigenen Grundorientierungen gemäß handelt.“

Einen zentralen Aspekt handelt Lara Straatmann im Gespräch mit Julia Black von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) ab. Black ermittelt „Daten, auf die auch die Politik zugreift“, wie es im Film heißt. Sie sagt gegenüber Straatmann: „Die Zeiten, in denen die meisten Such- und Rettungsteams unterwegs sind, sind nicht die Zeiten, in denen die meisten Menschen das Mittelmeer überqueren.“ An Politikern, die das Gegenteil behaupten, mangelt es allerdings nicht.

Als dramaturgischer Höhepunkt des Films (458.000 Zuschauer, Marktanteil: 4,4 Prozent) war offenbar das Auslaufen der „Sea-Watch 4“ zu ihrem ersten Einsatz vorgesehen. Eigentlich sollte das ehemalige Forschungsschiff Anfang April damit beginnen, Geflüchtete aus dem Mittelmeer zu retten. Aufgrund der Corona-Pandemie stockten aber die Umbauarbeiten in der Werft in der spanischen Hafenstadt Burriana (65 Kilometer nördlich von Valencia). So wirkt die Dokumentation etwas unfertig, aber das lässt sich kaum gegen sie vorbringen, weil die Wirklichkeit, die der Film beschreibt, zum Zeitpunkt der Endproduktion in einem gewissen Sinn auch unfertig war. Das Auslaufen ist nach einer Meldung des Evangelischen Pressedienstes (epd) vom 11. Juni nun für den Monat Juli vorgesehen.

Allemal Kritik verdient aber die Entscheidung, die Bilder der Ostern Verstorbenen mit dramatisch-traurigen Streicherklängen zu unterlegen. Der Aufwand, diese Fotos zu bekommen, dürfte nicht unerheblich gewesen sein. Die in diesem Sinne wertvollen Bilder büßen durch die Musik eher einen Teil ihrer Wirkung ein. Das Innehalten, das die Fotos an dieser Stelle des Films möglich machen, wird beeinträchtigt.

In der Gesamtschau leistet „Wir schicken ein Schiff“ aber viel. Lara Straatmann greift zahlreiche Aspekte der Debatte um die Seenotrettung auf – moralische, rechtliche, innerkirchliche – und bildet eine neue gesellschaftliche Frontstellung ab: Angesichts dessen, dass es im Mittelmeer derzeit keine staatlichen Seenotrettungsmaßnahmen gibt, wendet sich die Kirche mit ihrer Entscheidung, selbst diese staatliche Aufgabe zu übernehmen, aktiv „gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik Deutschlands und der Europäischen Union“, wie Straatmann sagt. Möglicherweise bahnt sich hier eine ähnliche Konfrontation an wie in den frühen 1980er Jahren zu Zeiten der Friedensbewegung, als große Teile der Kirche den Protest unterstützten und sich gegen die Regierung stellten. Ob die Evangelische Kirche das Potenzial hat, dazu beizutragen, dem medialen Randthema Seenotrettung wieder die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen, steht aber auf einem anderen Blatt.

18.07.2020 – René Martens/MK

Flüchtlingen helfen: Die Evangelische Kirche arbeitet bei ihrem Seenotrettungsprojekt mit der Organisation Sea-Watch zusammen

Foto: Screenshot


Print-Ausgabe 15/2020

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