Laila Stieler/Richard Huber: Tina mobil. 6‑teilige Serie (ARD/RBB)

Der Serien-Mittwoch im Ersten

08.10.2021 •

Auf den ersten Blick ist die sechsteilige Serie „Tina mobil“, die das Erste mit jeweils zwei Folgen hintereinander mittwochs ausstrahlte, ein schöner Erfolg für die ARD. Eine tragikomische Geschichte, die dank des Drehbuchs von Laila Stieler den Ernst nicht an das Amüsement verrät, aber das Schwere immer wieder durch heitere Momente leichter erscheinen lässt, als es ist, und genau diesen Selbstbetrug als eine Überlebensmaxime andeutet. Eine Serie, die von einer wunderbaren Hauptdarstellerin – Gabriela Maria Schmeide – getragen wird, der man fast alles abnimmt: ihren Behauptungswillen, ihre Fürsorge den drei Kindern gegenüber, ihre Schlagfertigkeit und die gut versteckte und verheimlichte Trauer um das verstorbene vierte Kind, das ihr gelegentlich im Alltag erscheint.

Die vom RBB in Auftrag gegebene Serie (Produktion: X-Filme) hat ein bis in die kleinste Nebenrolle gut besetztes Ensemble, das die Landschaft um Berlin, durch die Tina mit ihrem Verkaufswagen für Backwaren fährt, mit Leben und vielen kleinen Nebengeschichten füllt. Und sie ist geprägt durch eine Regie (Richard Huber), die sich Zeit nimmt und doch auch Zeit bestens komprimiert, die manches früh andeutet, um anderes erst später aufzudecken, die den durchgehenden Realismus der Inszenierung gelegentlich für Traummomente verlässt und die das Melodramatische ernst genug nimmt, um es durch szenische und sprachliche Komik anzureichern.

Die Serie könnte also als eine Errungenschaft der ARD gelten. Wäre da nicht der Sendeplatz, auf dem die sechs Folgen (jeweils mit Vor- und Abspann) zu sehen waren. Denn „Tina mobil“ wurde nicht etwa auf dem 20.15-Uhr-Termin „Endlich Freitag im Ersten“ ausgestrahlt, auf dem die ARD-Filmgesellschaft Degeto ihre Herz-Schmerz-Schmunzel-Geschichten präsentiert, denen die Serie nebenbei gezeigt hätte, wie das alles besser gehen könnte. „Tina mobil“ wurde auch nicht am Serienabend der ARD, also am Dienstag, ausgestrahlt, an dem sie so etwas wie eine Verheißung in der ewig gleichen Programmabfolge aus komischer Serie (derzeit: „Die Kanzlei“) und melodramatischer Serie (auf Dauer arretiert: „In aller Freundschaft“) bedeutet hätte. Ganz zu schweigen vom Donnerstagabend, der von der ARD zum zweiten Krimiabend promoviert wurde, wo „Tina mobil“, wäre es dort mit zweimal 45-minütigen Folgen gesendet worden, als Alternative mal einen positiven Genre-Schock hätte auslösen können.

Nein, die Serie wurde am Mittwochabend um 20.15 Uhr ausgestrahlt, der normalerweise dem 90-minütigen Fernsehfilm vorbehalten ist („Film-Mittwoch im Ersten“). Es ist einer der wenigen Sendeplätze, an dem keine Genreproduktionen zu sehen sind, auf dem filmisch sogar gelegentlich eigenständig erzählt werden darf, in dem das inhaltlich Besondere in einer besonderen Erzählform dargeboten wird. Ein Sendeplatz, mit dem sich die ARD gegenüber dem ZDF profiliert, das seinen klassischen Fernsehspieltermin am Montagabend längst überwiegend für weitere Krimis freigeräumt hat.

So schleicht sich in die Freude über die Serie „Tina mobil“ der Verdacht ein, dass ihre Platzierung am Mittwochabend eine Tendenzwende in der ARD andeutet: Weg vom ambitionierten Einzelstück hin zur Serialisierung, lieber zweimal hintereinander 45 Minuten als einmal durchgehende 90 Minuten. Ein Verdacht, der angesichts all dessen, was die neue ARD-Programmdirektorin Christine Strobl von sich gibt, eher zu- als abnimmt (vgl. diesen MK-Artikel). Strobl bevorzugt das kürzere Format, weil es für die Auswertung in der Mediathek mehr Klicks verspricht. Und was zählt heutzutage für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr als immer mehr Klicks?

08.10.2021 – Dietrich Leder/MK

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