Kulturpalast. Wöchentliches Magazin mit Nina Sonnenberg (3sat)

Das Erklärformat unter den Kulturmagazinen

20.03.2015 •

Die Ankündigung lautete: „Der ‘Kulturpalast’ erfindet sich neu.“ Was nicht so schön klang, schon gar nicht für eine Kultursendung. Auch von „Querdenkern“ war in der Pressemitteilung die Rede. Noch so eine Phrase aus dem Schaumschlägervokabular.

Der „Kulturpalast“ – Untertitel: „Fachmagazin für E-Kultur und Remmidemmi“ – war ursprünglich auf dem im Mai 2011 gestarteten Spartenkanal ZDFkultur beheimatet, lief dort donnerstags (ursprünglich unter dem Namen „ZDFkulturpalast“) und wurde samstags bei 3sat wiederholt. Nachdem ZDFkultur als Folge von Sparmaßnahmen und Senderneustrukturierungen bis zur endgültigen (und, nebenbei gesagt, sehr zu bedauernden) Stillegung nur noch Wiederholungen sendet, ist es inzwischen umgekehrt. Die seit der Ausgabe vom 14. März geltende „Neuerfindung“ des Magazins besteht nun darin – aber überlassen wir „Kulturpalast“-Moderatorin Nina Sonnenberg die Erläuterung: „Ab heute wird alles anders. Wir widmen uns ab sofort in jeder Sendung nur noch einer einzigen brennenden Frage und gehen der von allen Seiten nach.“ Die erste von allen Seiten angegangene Frage lautete: „Wie wichtig ist Geld?“

An der Präsentationsform hat sich dabei wenig geändert. Nina Sonnenberg, unter dem Namen Fiva auch als Rapperin tätig, bezieht entspannt Stellung auf einem Sofa und nähert sich subjektiv sinnierend dem jeweils anstehenden Thema. Mit Sätzen wie: „Es geht also um die schillernde Beziehung von Kunst und Kapital. Und ich frag’ mich: Warum stehen Superreiche neuerdings so auf Kunst?“ Dazu regnen Geldscheine auf sie herab. Der bildlichen Kommentierung dienen vereinzelt auch Einspieler, in der ersten Ausgabe mit neuem Konzept beispielsweise ein Auszug aus dem Video zu „Does Manni Matter“ von The Blanca Story feat. Dieter Meier. Es gibt aber auch das Bild im Bild, indem die Illustrationen hinter der Moderatorin als gerahmtes Wandbild erscheinen.

Das Team hinter dem Magazin (Produktion: Kobalt) verfolgt eine Strategie der Erkundung und bedient sich dabei einer dialektischen Ordnung. Der bei einer Auktion erzielte Rekordpreis für ein Gemälde von Paul Gauguin dient als Anlass, dessen Wandel vom wohlhabenden Börsenspekulanten zum armen Künstler mit Wohnsitz Südseeinsel zu referieren. Nina Sonnenberg leitet über zur Hardrock-Band Scorpions, die in diesem Jahr ihr 50-jährges Bestehen feiern kann: „Aber Armut macht ja kreativ. Sagt man jedenfalls. Und zumindest bei den Scorpions war es auch so.“ Ein Einspieler mit knappen Interviewauszügen vertieft die Aussage. Dann das Gegenbeispiel: der Schweizer Multimedia-Künstler und Musiker Dieter Meier (Yello), der in eine begüterte Familie hineingeboren wurde, sich dadurch aber ebenfalls besonders herausgefordert sah.

Von der Kreativität und ihren ökonomischen Voraussetzungen schlagen die Autoren den Bogen zum Kunstmarkt und fragen, wonach sich überhaupt der Wert eines Kunstwerks bemisst bzw. wie die regelmäßig vermeldeten Rekordpreise zustande kommen. Auch bei dieser Thematik wird konträr argumentiert. Der Aktionskünstler Christian Jankowski ist zu Gast im Studio, der unter anderem mit „Kunstmarkt TV“ einen Shopping-Kanal für reale Kunstwerke ins Leben gerufen hat – ein spöttischer Kommentar zur Merkantilisierung des künstlerischen Schaffens. Als Beleg für seine These, Kunst müsse sich vom Normalzustand abheben, springt Jankowski spontan vom Sofa und übernimmt die Kamera, um einen 360-Grad-Schwenk durchzuführen, der dann allerdings an der Verkabelung scheitert.

Diese assoziative Form der Themenpräsentation hat ihren Reiz, weckt Neugier, birgt Überraschungen. Gemindert aber wird dieser Effekt durch die Moderatorin. Nina Sonnenberg spricht gedehnt und betulich und begleitet ihre Worte mit der expressiven Mimik einer Vorschullehrerin. Der Eindruck, einer Unterrichtseinheit beizuwohnen, verstärkt sich noch durch regelmäßige Zusammenfassungen in der Art von „Halten wir also fest: Kunst ist das, was ein Künstler Kunst nennt. Und ab dann beginnt der Mehrwert.“ Und die Sendung endet sogar mit einer Hausaufgabe: „Denken Sie da mal drüber nach.“

Neben der täglichen aktuellen „Kulturzeit“ auf 3sat, die zu einem nicht geringen Teil mit Beiträgen aus den Kulturmagazinen der Dritten Programme der ARD gefüllt wird, und dem originelleren, weit stärker noch der Avantgarde nachspürenden Arte-Magazin „Tracks“ fungiert der „Kulturpalast“ sozusagen als Erklärsendung und ist damit eine sinnvolle Ergänzung des Angebots. Es ist beileibe kein Manko, sondern im Gegenteil zu begrüßen, wenn eine Kultursendung Basiswissen mitteilt. Denn viele Zuschauer und gerade die jüngeren verfügen nicht zwingend über den Kenntnisstand jener Kreise, die sich schon aus beruflichen Gründen regelmäßig mit aktuellen Informationen aus dem kulturellen Leben versorgen. Der Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Anstalten, wie er in frühen programmatischen Schriften der bundesdeutschen Rundfunkpioniere formuliert wurde, gilt gerade nicht der gesellschaftlichen Elite, sondern primär denen, die von den klassischen Institutionen zur Wissens- und Informationsvermittlung nicht erreicht werden.

Gerade vor diesem Hintergrund stört am „Kulturpalast“ dieser gezierte und belehrende Duktus, der wohl selbst vom jungen Kinderkanal-Publikum als unangenehm empfunden würde. Dahinter mag sich Ironie verbergen, aber die dient, weil kaum nachvollziehbar, in diesem Fall der Sache nicht. Das hatte man seinerzeit bei einem anderen Kulturmagazin auf ZDFkultur, dem „Marker“, deutlich besser hinbekommen, befand sich damit allerdings auch schon wieder auf einer eher elitären Ebene.

In den kommenden Ausgaben widmen sich die „Kulturpalast“-Macher den Themen „Sind Dilettanten die besseren Künstler?“ (21.3.), „Sex in der Kunst“ (28.3.), „Nützliche Totalverweigerung“ (4.4.) und „Wie politisch kann Kunst sein?“ (11.4.).

20.03.2015 – Harald Keller/MK

Palastherrin: Moderatorin Nina Sonnenberg (Foto: Screenshot)


Print-Ausgabe 21/2020

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