Kristof Hoefkens/Maarten Goffin/Joost Wynant/Frank Van Mechelen: The Bank Hacker. 8‑teilige Krimiserie (ZDFneo)

Raffinierte Erzählstruktur

30.06.2021 •

Seit zirka zehn Jahren verzeichnet Belgien Erfolge im Export von fiktionalen Fernsehproduktionen. Grundlage dafür sind gezielte Fördermaßnahmen auf Landes-, regionaler und lokaler Ebene. Auffällig wird dies insbesondere in der Sparte der Erzählserien, mit Auszeichnungen auf internationalen Festivals sowie mannigfachen Verkäufen von Adaptions- und Senderechten. Steuersparmodelle und andere Förderungen erlauben es den belgischen Produzenten, höhere Budgets anzusetzen als bei einer reinen Inlandsvermarktung. Der gesteigerte Aufwand macht die Serien für den Auslandsverkauf attraktiv, der Einsatz amortisiert sich.

Dies spiegelt sich auch in deutschen Programmen. Das ZDF erwarb die Remake-Rechte an der belgischen Krimikomödie „Professor T.“ und drehte für seine Adaption ab 2017 in Antwerpen in den Kulissen des Originals. Auch fungierte der deutsche Sender 2018 als Koproduzent der originellen Krimiserie „24 Hours – Two Sides of Crime“ und war dem niederländischen Branchenjournal „View“ zufolge als Investor beteiligt an den Serien „Tabula Rasa“ (2017) und „Over Water“ (2018). Leider war das ZDF zu keinen Auskünften zu dieser Thematik bereit. Die „View“-Autoren, die die zweisprachige belgische Produktionslandschaft getrennt nach den Landesteilen Wallonien und Flandern analysieren, schreiben: „Für Flandern wie ähnlich auch für Dänemark fungierte ZDF Enterprises als wichtiger Partner bei diversen TV-Drama-Produktionen.“ Inzwischen ist auch der US-amerikanische Streaming-Anbieter Netflix auf diese Programmressource gestoßen und engagiert sich auf dem belgischen Markt.

Allerdings gibt es laut „View“ auch Produzenten, die internationale Koproduktionen als „notwendiges Übel“ ansehen, weil sich darin allzu spezielle regionale Bezüge verbieten. Schon vor dem Boom entstanden in Belgien bemerkenswerte und preisgekrönte Serien wie „Stille Waters“ (2001), die vom Skandal um den Kindermörder Marc Dutroux inspiriert war und 2005 unter dem Titel „Dunkle Wasser“ im Dritten Programm WDR Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Die Macher der belgischen Serie „The Bank Hacker“ machen hingegen kein Hehl daraus, dass sie auf den internationalen Markt zielen. Das zeigen schon Schauplätze wie Hongkong und Tel Aviv; ein wichtiger Strang wurde auch in Frankfurt am Main angesiedelt. Produziert wurde die Serie von der Firma De Mensen im Auftrag des belgischen Privatsenders VTM. In Deutschland wurde die Serie vom Sender ZDFneo ausgestrahlt, der am 21. Mai alle acht Folgen (Länge: 40 bis 50 Minuten) am Stück zeigte. Bis Mitte Juli ist „The Bank Hacker“ noch in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Die Kernhandlung ereignet sich in Antwerpen. Dort hat der Berufsverbrecher Alidor Van Praet (Gene Bervoets) ein pfiffiges Geschäftsmodell entwickelt. Mit seinen Kumpanen bedrängt er kleine Unternehmer, die Schwarzgeld horten, und „erbittet“ einen Anteil. Weil die Opfer den Gang zu den Behörden scheuen, erstatten sie keine Anzeige und zahlen. Doch dann gerät die Bande an einen couragierten Schrotthändler, der die Polizei informiert, und Van Praet muss ins Gefängnis. Er trägt es mit Fassung, denn er glaubt, nach der Entlassung auf die gehorteten Millionen zugreifen zu können. Doch die Polizei hat die geheimen Konten gefunden und das Geld beschlagnahmt.

Van Praets Unternehmungsgeist ist ungebrochen. Schon hat er, kaum aus der Haft entlassen, einen neuen Plan in petto. Er will die Goldbestände einer Antwerpener Bank rauben. Dazu braucht er einen Hacker. Seine Tochter Ada (Ella-June Henrard), die inzwischen auch zur Bande gehört, findet einen geeigneten Kandidaten. Jeremy Peeters (Tijmen Govaerts) ist ein brillanter IT-Student. Und er lässt sich nicht lange bitten. Die ins Auge gefasste Certus-Bank hat Jeremys Vater erst in den Ruin, dann in den Selbstmord getrieben und fordert sogar noch Geld von den Hinterbliebenen. Jeremy und seine jüngere Schwester Lily Rose (Floor Van Boven) hatten den Toten gefunden. Für die kleine Lily Rose eine traumatische Erfahrung. Jeremy geht es nicht um die Beute, sondern um Vergeltung.

Aber der Raub erweist sich als undurchführbar. Jeremy unterbreitet eine eigene Idee. Er will eine Sicherheitslücke im IT-System der Bank nutzen und 350 Mio Euro auf ein Konto in Hongkong überweisen, wo das Geld sofort abgehoben werden muss, ehe es zurückgeordert werden kann. Das Vorhaben erfordert akribische Vorarbeiten. Immer wieder kommt es zu Pannen, immer wieder muss Jeremy Lösungen finden. Derweil wachsen die finanziellen Probleme der Mutter, Lily Rose bekommt Schwierigkeiten in der Schule.

„The Bank Hacker“ wurde von den Regisseuren Joost Wynant und Frank Van Mechelen gekonnt und visuell ansprechend inszeniert. Ihren eigentlichen Reiz aber gewinnt die Serie erst durch die raffinierte Erzählstruktur. Zum Auftakt zeigen die Autoren Kristof Hoefkens und Maarten Goffin, wie Jeremy Peeters vor der Ermittlungsrichterin (nicht Staatsanwältin, wie das ZDF fälschlich angab) Erica DeBoek ein Geständnis ablegt. In Rückblenden laufen dann die Ereignisse vor den Augen der Zuschauer ab. Der Clou: Jeremy sagt nicht immer die Wahrheit. Einmal wird er von DeBoek (Hilde De Baerdemaeker) bei einer Lüge ertappt und er korrigiert sich. Dann fährt die Erzählung zurück, setzt an einer früheren Stelle wieder ein und zeigt das Geschehen noch einmal neu. Auch innerhalb der Rückblenden gibt es Zeitsprünge, die aber so geschickt verknüpft werden, dass der Überblick nie verlorengeht.

Einige Kritiker verglichen „The Bank Hacker“ mit Steven Soderberghs Kinofilm „Ocean’s Eleven“ (2001). Aber diese achtteilige Serie ist weitaus komplexer angelegt. Reale belgische Bankskandale flossen in das Drehbuch mit ein und die Drehbuchautoren illustrieren deren Auswirkungen auf kleine Anleger, die sich urplötzlich in der Armut wiederfinden. Beachtlich auch die subtile Charakterentwicklung. Der Bandenboss Alidor Van Praet ist ein begabter „Menschenfänger“, so der deutsche Titel der zweiten Folge. Er erkennt die Schwächen seiner Opfer, zeigt Charme, gibt sich verständnisvoll. Für Jeremy wird er zeitweilig zu einer Art Vaterersatz. Doch das ist nur eine Seite dieser schillernden Gestalt.

Seine Tochter Ada hat dieses Talent geerbt und sie beherrscht das Spiel mit wechselnden Identitäten. Für die Schauspielerin Ella-June Henrard, die auch schon im ZDF-Fernsehfilm „Kommissar Marthaler – Ein allzu schönes Mädchen“ (2015) zu sehen war, eine dankbare Aufgabe. Im Part der manipulativen Gangstertochter erhält sie Gelegenheit, eine ganze Bandbreite weiblicher Typen darzustellen, von der scheuen Studentin über den Vamp bis zur durchtriebenen Erpresserin.

Das Publikum kommt in den Genuss, immer neue Facetten an diesen Figuren zu entdecken, was neben der reinen Krimispannung zur speziellen Qualität dieser Serie beiträgt. „The Bank Hacker“ führt aber auch musterhaft vor Augen, was einige belgische Fernsehschaffende beklagen: Die Ausrichtung auf internationale Märkte – die Serie wurde gleichzeitig in niederländischer und englischer Sprache gedreht – geht auf Kosten der Regionalität. Selbst in der Optik wird es deutlich: Antwerpen ist eher unterrepräsentiert, als Ort der Handlung beinahe austauschbar. Allein das spektakuläre Havenhuis der Architektin Zaha Hadid wird mehrfach auffällig ins Bild gerückt und zum Schauplatz eines rasanten Showdowns.

30.06.2021 – Harald Keller/MK

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