Kristl Philippi/Nana Neul: Unser Kind (ARD/WDR)

Vielschichtiges Psychogramm

27.11.2018 • Ellen und Katharina, genannt Kiki, sind verheiratet und noch immer verliebt. Es fehlt ihnen, um ihr Glück vollkommen zu machen, eigentlich nur noch eins – ein Kind. Kein adoptiertes, sondern ein eigenes soll es sein. Soweit das nach Lage der Dinge machbar ist. Aber wozu hat man heterosexuelle Freundinnen? Ellens Kollegin Natalie fragt ihren Ehemann Wolfgang und der ist spontan einverstanden, dem lesbischen Paar mit einer Samenspende auszuhelfen. Klar doch, kein Problem.

Kiki will das Kind austragen. Auch dass der Spender keinerlei Ansprüche gegenüber dem Kind geltend machen wird, ist schnell geregelt. Warum sollte er auch? Schließlich ist Wolfgang glücklich verheiratet und hat mit Natalie einen Sohn. Das künstlich gezeugte Kind bekommt den Namen Franz und lebt bei seinen Eltern Ellen und Kiki. Doch kurze Zeit nach der Geburt des Sohnes wird die leibliche Mutter von einem Auto angefahren und stirbt an den Folgen des Unfalls.

Ellen ahnt, dass zur Trauer um den Verlust ihrer Lebensgefährtin noch der Kampf um Franz kommen wird, weil sie durch ein gesetzliches Raster zu fallen droht. Zwar können gleichgeschlechtliche Paare hierzulande inzwischen heiraten, doch das Abstammungsrecht bezieht sich nach wie vor nur auf heterosexuelle Verbindungen. Demnach hat der Samenspender mehr Rechte am Kind als die Ehefrau von dessen leiblicher Mutter. Um das Sorgerecht für Franz zu bekommen, müsste Ellen ihn adoptieren. Genau das hatte sie auch versucht, doch das Jugendamt hat ihr zur Prüfung erst einmal ein sogenanntes Adoptionspflegejahr auferlegt. Zudem hat sich Kiki mit der Unterzeichnung der entsprechenden Unterlagen enervierend viel Zeit gelassen und nun sind die Papiere unauffindbar.

Vielfach sind solche problemorientierten TV-Produktionen, deren Ausstrahlung oft (in diesem Fall aber nicht) eine Diskussionsrunde folgt, redliche Versuche, das Thema möglichst von allen Seiten zu beleuchten. Wirklich sehenswerte Filme kommen dabei eher selten heraus.

Kristl Philippi (Buch) und Nana Neul (Regie) beweisen mit ihrem Film „Unser Kind“ (Produktion: Heimatfilm) eindrucksvoll, dass es auch anders geht. Schon weil sie sich der schlichten Täter-Opfer-Dramaturgie verweigern. Die Dame vom Jugendamt ist als Vertreterin des Gesetzes keineswegs der gängige Schreibtischdrache, sondern sie ist durchaus bemüht, Ellens Notlage gerecht zu werden. Andererseits wird die nun alleinerziehende Mutter nicht ausschließlich als bedauernswertes Opfer gezeichnet, sondern in gleichem Maß auch als überforderte Frau, die zwischen Selbstzweifeln und Trotz schwankt und in ihrer teils brüsken Art den Umgang mit ihr auch nicht immer einfach macht.

Eine ähnliche Vielschichtigkeit gilt auch für die anderen agierenden Figuren. So ist etwa Samenspender Wolfgang, der Ellen zunächst nur seine Hilfe anbietet, aber zunehmend Ansprüche auf Franz anmeldet, eher ein linkischer, bedauernswerter Tropf, der nicht viel auf die Reihe bekommt, in seiner Ehe nicht der stärkere Part ist und plötzlich durchaus echte Vatergefühle entwickelt, weil er sich in das Baby „verliebt“ habe, wie er sagt. Ähnliches gilt für Kikis Vater Johannes, der sich in seinem Rentnerdasein langweilt, während seine Frau Evelyn noch immer engagiert ihrem Beruf nachgeht. Nach und nach entwickelt sich aus seiner Freude über sein Enkelkind die fixe Idee, durch Erlangung des Sorgerechts für Franz seinem Dasein (und seiner Ehe) nochmal einen Kick zu geben.

Zu den komplex gezeichneten Figuren kommt der dramaturgische Kniff, die Entwicklungen der einzelnen Charaktere durch kurze Rückblenden auf mehreren Zeitebenen plausibel zu machen. Die ausgeklügelte Montage (Schnitt: Stefan Stabenow) führt dazu, dass der Film bei aller Dramatik eine gewisse Leichtigkeit behält. Je mehr hier deutlich wird, welche unausgesprochenen Probleme die einzelnen Paare jeweils mit sich herumschleppen, desto eindringlicher entwickelt sich das Ganze zu einem zwischenzeitlich auch durchaus unterhaltsamen Psychogramm, bei dem der eigentliche Sorgerechtsstreit in diesen Phasen dann zur Nebensache wird.

All diesen Figuren hätte man bei ihren Bewältigungsversuchen des Alltags auch ohne den tragischen Background gerne zugeschaut. Zumal die Geschichte wunderbare Miniaturen aufweist. So etwa, wenn Opa Johannes mit Wolfgang erst genüsslich einen Joint raucht, ihn aber später beim Jugendamt als Kiffer anschwärzt, um seine eigenen Chancen zu verbessern. Hinzu kommen knappe, pointierte Dialoge, originelle szenische Auflösungen mit einer sehr filmischen Erzählweise (Kamera: Bernhard Keller) und nicht zuletzt ein großartiges Darsteller-Ensemble mit Lisa Wagner (Natalie), Andreas Döhler (Wolfgang), Ernst Stötzner (Johannes), Victoria Trauttmansdorff (Evelyn) und Britta Hammelstein (Kiki). Den schwierigsten Part in dem Film (2,56 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,6 Prozent) hat fraglos Susanne Wolff als Ellen zu bewältigen, der es jedoch souverän gelingt, der Frau zwischen (Selbst-)Überforderung, Verzweiflung und trotzigem Kampfeswillen große Glaubwürdigkeit zu verleihen.

27.11.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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