Kriminalreport. Ratgeber-Magazin, moderiert von Judith Rakers (ARD/HR/MDR/RBB/SWR)

Kruder Gemischtwarenladen

07.09.2018 • Die Kamera schwebt zu früher Stunde durch ein beschauliches Wohngebiet. Dazu erklärt eine sonore männliche Stimme im Off: „In der Einfamilienhaus-Siedlung im Norden Berlins ist es noch ruhig an diesem frühen Samstagmorgen. Es ist der 6. August 2016.“ Dazu eine Musik, die nichts Gutes verheißt. Das ist der Sound, mit dem seit Jahrzehnten Zuschauer des ZDF-Dauerläufers „Aktenzeichen XY…ungelöst“ das Gruseln gelehrt wird. Die Location ist authentisch, das Präsens im Kommentar suggeriert die Unmittelbarkeit eines Live-Erlebnisses.

Allerdings stammt dieses Intro zu einem Filmbericht nicht aus der Fahndungssendung des ZDF, sondern aus dem neuen ARD-Magazin „Kriminalreport“. Und anders als im Original lief die geschilderte Anfangssequenz nicht auf ein Kapitalverbrechen hinaus, sondern es ging um die Aussetzung eines Babys. Da sah man dann in szenischen Nachstellungen, wie eine junge Frau nächtens ein Neugeborenes vor einem Hauseingang ablegte. Dann: In ihrem Eigenheim Auftritt der (echten) Zeugin, die das Kind vor ihrer Haustür gefunden hatte. Sie habe es gleich in ihre wärmste Decke gewickelt, erklärt sie, schreitet zum Sofa und hält die Decke in die Kamera – eine unfreiwillig komische Szene, die unwillkürlich an geskriptete Blaulichtformate der Privatsender wie etwa „Auf Streife“ (Sat 1) erinnerte. Das passiert, wenn man Laien zu Schauspielern zu machen versucht.

Eine gewisse Brisanz hatte der Fall immerhin durch den Umstand, dass da in dem Berliner Bezirk und einmal unweit davon im benachbarten Brandenburg in den letzten drei Jahren jeweils im Spätsommer insgesamt drei Babys ausgesetzt worden waren, die offenbar von ein und demselben Elternpaar stammten. Schließlich erschien im Studio ein Ermittler, der die Zuschauer um sachdienliche Hinweise zu einem Handtuch und einen Babystrampler bat. So weit, so bekannt aus dem Fahndungs-Dino des ZDF.

Doch das neue, 45 Minuten lange ARD-Magazin möchte mehr sein als eine Kopie. Die ARD selbst bezeichnet die Sendung als „Ratgeber-Format“. „Sicherheit, Kriminalität, Prävention und Einblicke in die Ermittlungsarbeit der Polizei – das sind unsere Themen“, kündigte „Kriminalreport“-Moderatorin Judith Rakers zu Beginn der Premierensendung an. Rakers ist im Hauptberuf Sprecherin bei der ARD-„Tagesschau“ und soll, so steht zu vermuten, dem neuen Format einen seriösen und soliden Anstrich geben. Was ihr nicht wirklich gelang. Denn die erste Ausgabe entpuppte sich eher als ein kruder Gemischtwarenladen, in dem das Themenspektrum von Mord über Graffiti-Sprayer bis zur schlichten Verbraucherberatung reichte. Für Letzteres hatte die Redaktion ein Rentner-Ehepaar ausfindig gemacht, das sich im Internet eine Hollywoodschaukel bestellt hatte, die aber nie geliefert worden war. Dummerweise hatten sie den fälligen Betrag aber bereits überwiesen. Solche Fälle kennt man aus diversen Service-Formaten in den Dritten Programmen der ARD und auch der Ratschlag der Experten war hier der übliche: Bei Käufen im Internet niemals Vorkasse leisten!

Des Weiteren gab es einen Bericht über sogenannte Super-Recognizer in Diensten der Polizei, Experten mit der besonderen Begabung, Menschen, selbst wenn ihre Gesichter kaum zu erkennen sind, auch im größten Getümmel ausfindig machen zu können. Ein anderer Bericht befasste sich mit gewissenlosen Sprayern, die einen Zug blockiert hatten, um ihn komplett einzusprühen, und die Fahrgäste dabei mit Pfefferspray in Schach hielten. Auch dazu war ein Ermittler im Studio, der erst einmal die ARD lobte („Diese Sendung ist eine unheimlich große Chance für uns“) und Fahndungsbilder von vermummten Tätern dabei hatte. Und dann war da noch der Bericht über die Ganoven, die Bankautomaten sprengen und dabei Schäden an Gebäuden und Menschen in Kauf nehmen. Zur Demonstration der Sprengkraft hatte man für den Beitrag eigens einen ausgedienten Automaten in eine Kiesgrube gebracht und ihn dort in die Luft gejagt. Das Spektakel war aus diversen Perspektiven gefilmt, wurde in Superzeitlupe mehrfach wiederholt und erinnerte dabei eher an die einstige, eher satirisch gemeinte ZDF-Reihe „Nicht nachmachen!“ denn an ein Kriminalmagazin.

Und dann wartete die ARD-Sendung aber doch noch mit einem echten Mordfall auf, bei dem es allerdings nicht um die Tätersuche ging. Der Mord hatte sich bereits 1981 zugetragen, der Tatverdächtige war vor Gericht gestellt, aber schließlich mangels Beweisen freigesprochen worden. Inzwischen weiß man allerdings durch die Auswertung von DNA-Spuren, dass der Mann sehr wohl der Täter war. Dass er dennoch nicht mehr belangt werden kann, hat mit Artikel 103 Absatz 3 des Grundgesetzes zu tun, wonach ein Mensch nicht noch einmal für eine Tat belangt werden kann, wenn er dafür bereits rechtskräftig verurteilt oder wenn er freigesprochen wurde. Im Bericht über den Fall stellte man beim „Kriminalreport“ nicht nur den Vater des ermordeten Mädchens (Kommentar: „Frederike war 17 Jahre alt, sein Sonnenschein“) in den Vordergrund, sondern reicherte das Ganze auch mit schemenhaften, szenischen Nachstellungen der Tat an, die gleich mehrfach eingeblendet wurden und einzig und allein dem (unterstellten) Gruselbedürfnis der Zuschauer geschuldet waren. Denn mit dem juristischen Problem hatten sie definitiv nichts zu tun.

Was das juristische Problem angeht, war der Beitrag im Übrigen ungenau. Am Ende ging es im Bericht um die Initiative für eine mögliche Gesetzesänderung, wie es hieß, und man konnte nun meinen, es gehe hier um den Grundgesetz-Artikel 103, denn nur davon war im Bericht die Rede. In der Abmoderation des Beitrags sagte Judith Rakers dann, die meisten der „im Bundestag vertretenen Fraktionen“ könnten „sich grundsätzlich eine Änderung des Paragraphen 362 vorstellen“. Wenn man das wirklich verstehen wollte – denn dieser Paragraph war in dem Bericht gar nicht erwähnt worden –, dann musste man schon selbst recherchieren. Dann erfuhr man, dass es um Paragraph 362 der Strafprozessordnung geht, in dem Ausnahmen geregelt sind zur „Wiederaufnahme eines durch rechtskräftiges Urteil abgeschlossenen Verfahrens zuungunsten des Angeklagten“. Es gab weitere solcher Nachlässigkeiten. Zum Beispiel die, dass im Film davon die Rede war, der Vater des ermordeten Mädchens sei vor Gericht gegangen, um per Klage Schmerzensgeld vom Mörder einzufordern. Ob das Schmerzengeld gezahlt werden musste oder nicht, diese naheliegende Frage wurde im Bericht aber nicht beantwortet.

Fazit: Ein bisschen Polizeiarbeit, ein bisschen Verbraucherberatung und hie und da ein Schuss Nervenkitzel mit dem Zusatzfaktor des Authentischen – der montags um 20.15 Uhr gesendete „Kriminalreport“ im Ersten hat ein Konzept, das nicht Fisch, nicht Fleisch ist, aber von einigen Dritten Programmen bereits seit ein paar Monaten erprobt wird. So gibt es bereits den „Kriminalreport Südwest“ im SWR Fernsehen und den „Maintower Kriminalreport“ im Dritten Programm des Hessischen Rundfunks (HR). Und zwischen diesen Formaten und dem neuen Ableger im Ersten scheint es einen regen Austausch zu geben. So gab es im HR Fernsehen in der „Maintower-Kriminalreport“-Ausgabe vom 2. September unter anderem den Beitrag „Geldautomaten im Visier von Verbrechern – Gefährliche Gasexplosionen in Bankfoyers“ und dieser Bericht kam einem doch größtenteils bekannt vor. Den nächsten „Kriminalreport“ im Ersten gibt’s am 8. Oktober. Die Auftaktfolge hatte 2,42 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 8,4 Prozent.

07.09.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 22/2018

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