Klaus Stern: Versicherungsvertreter II – Die neuen Geschäfte des Mehmet Göker. Reihe „Menschen hautnah" (WDR Fernsehen)

Wiedersehen macht Freude

22.07.2015 •

22.07.2015 • Im gängigen Dokumentarfilm werden oft Personen ohne VIP-Status für 90 Minuten in den Fokus des Interesses gestellt, doch danach hört und sieht man in der Regel nie wieder etwas von ihnen. Obwohl einen in manchen Fällen doch durchaus interessieren würde, wie ihre Geschichte denn weiterging. Mehmet Göker ist so ein Typ, den man mit Freuden wiedersieht. 2012 hatte Klaus Stern einen Film über den Selfmade-Unternehmer mit türkischen Wurzeln gedreht.

In der Dokumentation „Versicherungsvertreter – Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker“ schilderte er damals den wundersamen Aufstieg und jähen Fall des Mannes, der in seiner Heimatstadt Kassel mit seiner Firma MEG AG zum zweitgrößten Vermittler von privaten Krankenversicherungen in Deutschland aufgestiegen war. Doch dann musste das Unternehmen wegen windiger Geschäftspraktiken Insolvenz anmelden und die Staatsanwälte ermittelten gegen Göker, der sich schließlich in die Türkei absetzte. Am Ende des Films residierte der Mann im Land seiner Vorfahren, fühlte sich von den deutschen Behörden ungerecht behandelt und kündigte an, seine Geschäfte wie gewohnt weiterzuführen. Aus der 90-minütigen Kinofassung hatte Klaus Stern später eine 45-minütige Fernsehversion für die ARD-Reihe „Die Story im Ersten“ geschnitten, die im Juni 2012 im Ersten zu sehen war (vgl. FK 23/12). Auch seine Fortsetzung musste der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilmer, nun für die Reihe „Menschen hautnah“ im Dritten Programm des WDR, kürzen. Allerdings diesmal nur um 25 Minuten.

Mehmet Göker erscheint in seinem neuen Reich an der türkischen Ägäis als ganz der Alte. Dieselbe Dynamik in seinem Auftreten, dieselben Sprüche und offenbar auch noch dieselbe Überzeugung, dass ihm in seinem Gewerbe niemand das Wasser reichen kann. Und an seinem Hang zu protzigen Sportwagen hat sich auch nichts geändert. Nur die neue Firmenzentrale irgendwo in einer tristen Gegend am Stadtrand ist um einiges weniger pompös ausgefallen als das damalige Kasseler Domizil. Klaus Stern setzt die neue Lage mehrfach mit Hilfe eines über das trostlose Areal streunenden Hundes ins Bild, immer dann, wenn Göker besonders herumtönt und sich geriert, als läge seine Zentrale an der Wall Street.

Überhaupt inszeniert sich der Protagonist auch diesmal so zuverlässig als Großkotz, dass zu seiner Entlarvung oft ein kleiner Seitenblick der Kamera reicht. Und natürlich kommt Klaus Stern auch hier wieder ohne jeden Off-Kommentar aus. Da die Geschichte auch für Zuschauer verständlich sein muss, die von Mehmet Göker noch nie gehört haben, greift der Filmemacher immer wieder auf Sequenzen aus seinem ersten „Versicherungsvertreter“-Film zurück, um den Unternehmer auf dem Gipfel seines Ruhms zu zeigen. Und nicht zuletzt um jene aufgeblasenen Betriebsfeiern ins Gedächtnis zurückzurufen, auf denen die MEG-Mitarbeiter und hochrangige Versicherungsmanager so ehrfürchtig an Gökers Lippen hingen, als spräche da ein Sektenführer zu ihnen.

Die Kunst, seine Angestellten nach der Methode Zuckerbrot und Peitsche zu motivieren, beherrscht der Unternehmer, wie zu sehen ist, nach wie vor. Was immer man von dem Typ halten mag, der Mann hat Charisma. So zeichnet ihn auch Klaus Stern, der sich in vielen seiner Filme mit Figuren mit Hang zum Größenwahn beschäftigt hat, nicht als kompletten Unhold. Göker empfindet allerdings schon allein das Interesse an seiner Person als Sympathiebekundung und hält offenbar Sterns ersten Film über ihn für ein wohlwollendes Porträt (was natürlich geradezu absurd ist). Mehrfach spricht Göker von „unserem Film“ und er hält sich, so scheint’s, für den Star einer Doku-Soap wie „Die Geissens“ (RTL 2).

Trotz all seiner realsatirischen Momente verliert der Film aber auch nie die gänzlich unlustigen Geschäfte seines Protagonisten aus dem Blick. So kommt der Insolvenzverwalter, der durch einen neuen Informanten hofft, dem säumigen Schuldner doch noch das Handwerk legen zu können, ebenso zu Wort wie ein Aussteiger, der erklärt, dass in Gökers Reich schon in Deutschland stets mehr Schein als Sein war. Nur von den Versicherungsmanagern wollte diesmal keiner vor die Kamera. Was nicht weiter verwundert. Sie beließen es bei schriftlichen Erklärungen, in denen sie mitteilten, mit der Firma des Herrn Mehmet Göker keine Geschäfte mehr zu machen. Auch über deutsche Strohmänner nicht – was aber offensichtlich nicht den Tatsachen entspricht. Den letzten Beweis dafür konnte Klaus Stern zwar nicht erbringen, aber der Mann dreht schließlich auch keine investigativen Reportagen, sondern dokumentarische Porträts mit einer ganz eigenen Handschrift.

Und eigentlich möchte man jetzt schon zu gern wissen, wie es weitergeht mit Mehmet Göker und der deutschen Justiz. So spricht viel für „Versicherungsvertreter III“. Es sei denn, irgendwer erklärt dem Mann mit dem unerschütterlichen Selbstwertgefühl in der Türkei, dass Klaus Stern ihn nicht aus reiner Freundschaft besucht und er in dessen Filmen keineswegs so gut wegkommt, wie er meint. Doch diese Gefahr scheint gering. Göker würde dem Informanten nicht glauben.

22.07.2015 – Reinhard Lüke/MK

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