Katrin Bühlig/Alexander Dierbach: Weil du mir gehörst (ARD/SWR)

Lehrstück

12.02.2020 •

Der ARD-Mittwochsfilm „Weil du mir gehörst“ handelt von einem Sorgerechtsstreit um das gemeinsame Kind nach einer Scheidung und ist ein Lehrstück mit einer ganz handfesten Didaktik. Im Zentrum der Handlung stehen drei Personen: Mutter Julia, Vater Tom und die achtjährige Tochter Anni. Beide Eltern gehen liebevoll mit ihrem Kind um und dennoch tragen sie auf dessen Rücken ihre Beziehungskonflikte aus, die zum Bruch der Ehe geführt haben. Es geht dabei insbesondere um das „Parental Alienation Syndrome“ (PAS), die Eltern-Kind-Entfremdung. Der Fachbegriff wird einmal im Film erwähnt, etwa eine Stunde nach Beginn, aber als dramaturgisches Prinzip ist er allgegenwärtig. Die Spielhandlung ist darauf ausgelegt, die vorsätzlich herbeigeführte Entfremdung des Kindes zu einem der Elternteile – in diesem Fall ist es der Vater – als eine Form von psychischer Kindesmisshandlung darzustellen. Das ist die Grundthese des Films, die er anschaulich versinnbildlicht und auf die auch Drehbuch (Katrin Bühlig) und Regie (Alexander Dierbach) ausgerichtet sind.

Der Fernsehfilm erzählt präzise und in strenger Chronologie eine Fallgeschichte und gibt sich damit sehr realistisch. Die Erzählweise wirkt sachlich, wobei es dem Film dennoch gelingt, emotional zu berühren. Was allerdings weniger gut gelingt, ist beispielsweise die Darstellung der Rolle, die Jugendamt und Gericht in einem solchen Fall spielen. In diesem Punkt idealisiert der Film und verlässt damit teilweise die Ebene des realistischen Erzählens. Denn eine solche manipulativ herbeigeführte Eltern-Kind-Entfremdung ist in Wirklichkeit nur schwer ‘gerichtsfest’ nachweisbar und wird bei amtlichen Entscheidungen bezüglich des Sorgerechts nur selten akzeptiert. Das in die Spielhandlung zu übertragen, hätte aber zu einem anderen, viel katastrophaleren Filmende führen müssen.

Der Sorgerechtsstreit nimmt hingegen im Film ein verhältnismäßig glimpfliches Ende, insofern es ein offenes ist, das hoffen lässt, dass es möglicherweise doch noch zu einem guten Schluss kommen könnte. Doch eigentlich ist in dem Maß, wie sich in der Filmhandlung der Prozess der Entfremdung zuspitzt, kein gutes Ende mehr vorstellbar; auch so verständnisvolle Jugendamtsmitarbeiter und Richter sind dann nicht mehr denkbar. In diesem Stadium der Entwicklung würden auch diese Institutionen in der Realität nur noch einen Schlussstrich ziehen wollen, der die endgültige Trennung des Kindes vom Vater besiegelt.

Nimmt man diesen Realismus-Anspruch inhaltlich ernst, vermisst man natürlich auch die Vorgeschichte zum Sorgerechtsstreit, nämlich die, die zur Scheidung des Paares geführt hat. Wer hat wen betrogen, wer hat wessen Gefühle verletzt und wie ist das geschehen? Erst dadurch würde plausibel, warum Mutter Julia (Julia Koschitz) alles daransetzt, die Tochter Anni ihrem Vater zu entfremden. So krankt das Drehbuch daran, dass hier nur sie als Schuldige dasteht. Vater Tom (Felix Klare), der jetzt – im Gegensatz zu seiner alleinlebenden Ex-Frau – in einer neuen Beziehung lebt, könnte dann nicht in dem Maß als unschuldiges Opfer gelten, wie es jetzt geschieht. (Als ein solches Opfer ist Felix Klare ja dem Fernsehpublikum noch bekannt, da er Anfang Dezember im ARD-Fernsehfilm „Unschuldig“ in einer ähnlichen Rolle brillierte; vgl. MK-Heft Nr. 26/19).

Die Dauer der Filmhandlung, die durch eingeblendete Zeitangaben strukturiert wird, ist auf ein Jahr beschränkt: Es beginnt mit einem harmonisch verlaufenden Besuch von einer glücklichen Anni bei ihrem Vater und dessen neuer Familie und reicht bis zur Vernehmung derselben Anni, nunmehr ein verstörtes, unglückliches Kind, durch einen Richter am Oberlandesgericht. Ausschnitte aus dieser Vernehmung sind bereits während des Titelvorspanns zu sehen, so dass der Zuschauer von vornherein weiß, wohin sich der Film entwickeln wird.

Mutter Julia stellt zwar die Negativfigur dar, ist aber auch stets die aktiv Handelnde, während Vater Tom häufig nur reagiert. So ist Julia die eigentliche Hauptdarstellerin und es ist eine schauspielerische Meisterleistung, wie Julia Koschitz diese beiden Persönlichkeitsseiten von der liebenswürdigen Mutter einerseits und der intriganten ‘Schlange’ andererseits nuancenreich und sehr glaubwürdig vorführt. Eine weitere Hauptrolle hat zweifellos die von Lisa Marie Trense dargestellte Tochter Anni inne, die diese Verwandlung von einem fröhlichen, vertrauensseligen Mädchen in ein verstörtes, ängstliches Kind glaubwürdig vollzieht. Den darstellerischen Fähigkeiten dieser beiden Personen sowie Buch und Regie, die es ihnen ermöglichten, diese so gut zum Ausdruck zu bringen, ist es zu verdanken, dass der Film (Produktion: FFP New Media) durchaus sehenswert ist.

12.02.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 23/2020

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