Katja Herr: Machtpoker um Mitteldeutschland. 3‑teilige Dokumentationsreihe (MDR Fernsehen)

Helden des politischen Alltags

24.10.2020 •

Die im Dritten Programm MDR Fernsehen ausgestrahlte dreiteilige Dokumentationsreihe von Katja Herr mit dem ziemlich reißerischen Titel „Machtpoker um Mitteldeutschland“ erzählt aus Anlass des 30. Jahrestages die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung, wie sie sich in Mitteldeutschland zwischen 1989 und 1994 zugetragen hat. Mit diesem heutzutage eher selten gebrauchten Begriff „Mitteldeutschland“ sind hier die Bundesländer Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gemeint, die eben zum Sendegebiet des Mitteldeutschen Rundfunks gehören, der Drei-Länder-Anstalt des ARD-Verbundes für diese drei Bundesländer.

Es geht um ein wichtiges Stück Politikgeschichte, nämlich die Etablierung des Föderalismus auf dem Gebiet der bis dahin zentralistisch regierten DDR und den Aufbau funktionstüchtiger Landesregierungen als Voraussetzung zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Anders als die Wortwahl im Titel und den Untertiteln („Polit-Amateure“, „Zocker“, „Strategen“) vermuten lässt, geht es in dieser sehr faktenreichen, mit viel unbekanntem Archivmaterial angereicherten und von spannenden Interviews mit heute meist wenig bekannten Landespolitikern belebten Dokumentationsreihe nicht um eine Skandalisierung der Ereignisse. Im Vordergrund steht vielmehr die möglichst realistische Abbildung einer Zeit des Umbruchs, bei dem unter ungeheurem Zeitdruck neue politische Strukturen von oft unerfahrenen Politikern geschaffen werden mussten.

Im Vorspann aller drei Folgen (jeweils 45 Minuten) dienen neben dem Poker auch andere Spiele als andeutungsreiche Metaphern: Strategiespiele, die an die „Siedler von Catan“ erinnern, dem großen Spieleerfolg von Klaus Teuber aus dem Jahr 1995, oder an ein Puzzle, bei dem immer wieder einzelne Teile hin- und hergeschoben werden auf der Suche nach den passenden Anschlüssen. Dieses Spannungsfeld zwischen einerseits einer Sicht auf die historischen Vorgänge, verstanden als Aufgabe zur hochkomplexen Problemlösung, und andererseits dem auf Sieg setzenden Kampf zur Erlangung von Macht und Einfluss spiegelt sich auch in der Dokumentation (Produktion: Lona Media). Es geht um Politiker auf Landesebene, aber auch um Kommunalpolitiker der Wendezeit; viele von ihnen werden hier als politische Helden des Alltags porträtiert, trotz – oder gerade wegen – zahlreicher Schwächen und Unzulänglichkeiten, die nicht verborgen bleiben, doch vor allem den zeitgeschichtlichen Umständen geschuldet sind.

Das politische Wirken mehrerer Personen unterschiedlicher politischer Couleur wird in allen drei Teilen der Dokumentation nachverfolgt. Dabei geht es immer wieder um Orte und Anlässe in den betreffenden drei Bundesländern. Auch die wenigen Aufnahmen, die in diesem Zusammenhang den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zeigen, zeigen ihn ausschließlich in solchen Zusammenhängen.

Viele strukturelle Probleme werden exemplarisch anhand von fünf Ortschaften erzählt: Altenburg (Thüringen), Heiligenstadt (Eichsfeld, in Thüringen gelegen), Jessen (Sachsen-Anhalt), Pausa (Vogtland, zunächst zu Thüringen, dann zu Sachsen gehörend) und Wittichenau (bei Hoyerswerda in Sachsen). Dabei vermeidet die Dokumentation parteipolitische Polarisierungen und Wertungen. Das führt jedoch dazu, dass bei dieser stark personalisierten Geschichtserzählung die unterschiedlichen politischen Vorstellungen der einzelnen Parteien und die sich daraus ergebenden politischen Differenzen nicht deutlich werden. Die dargestellten Konflikte wirken vielmehr häufig wie ein Ausdruck rein persönlicher Animositäten, Eitelkeiten und Machtambitionen. Zu wenig Berücksichtigung finden auch Art und Umfang des politischen Einflusses, den die damalige Bonner Regierung unter Kanzler Helmut Kohl konkret auf die Politik in den neuen Bundesländern ausgeübt hat. Ebenso werden beispielsweise das Agieren der Treuhandanstalt und die daraus resultierenden Folgen für die Arbeitsplätze in den jeweiligen Regionen nicht weiter hinterfragt.

Der erste Teil der Dokumentation widmet sich unter dem Titel „Die Stunde der Polit-Amateure“ der Tätigkeit der Volkskammer, also des Parlaments der DDR, im Hinblick auf Reformen in der DDR und der politischen Wegbereitung einer künftigen Wiedervereinigung (1989/90). Dabei wird nicht nur das Tempo eindrücklich beschrieben, in dem dies alles vonstattengehen musste, sondern auch die Anforderungen an die Parlamentarier, die als neu gewählte Abgeordnete über wenig politische Erfahrung verfügten. Die Dokumentation macht deutlich, dass es zu Zeiten der sowjetischen Militärregierung auf dem Boden der DDR bereits eine föderale Struktur gegeben hatte. Die dann letztendlich erfolgte neue Aufteilung der DDR in die fünf Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern kommt dieser im Jahr 1947 geschaffenen Nachkriegsstruktur wieder sehr nahe. (Auf historisch ältere föderale Strukturen in Deutschland geht die Dokumentation nicht ein.)

Der zweite Teil mit dem Titel „Das Jahr der Zocker“ setzt im Sommer 1990 ein und reicht über die umgesetzte deutsche Einheit im Oktober 1990 bis zum Frühjahr 1991. Auch hier wird wieder aufgezeigt, wie schnell und teilweise überstürzt politisch gehandelt werden musste. Es geht um die ersten Landtagswahlen in den neuen Bundesländern, um die ersten Ministerpräsidenten dort und ihr baldiges politisches Scheitern. Vier der fünf Landeschefs in den neuen Ländern kamen zunächst aus der ehemaligen DDR.

Die Ausnahme war Sachsen: Hier wurde mit Kurt Biedenkopf (CDU) sofort ein Politiker aus dem Westen Ministerpräsident, und das mit großem Erfolg. Später folgte dann der vormalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) in Thüringen, auch das eine Erfolgsgeschichte. Die kurze Regierungszeit von Werner Münch (CDU) in Sachsen-Anhalt, eines West-Imports aus Niedersachsen, und sein Scheitern in Magdeburg werden dann im dritten Teil der Dokumentation abgehandelt. Diese mit „Die Zeit der Strategen“ betitelte Folge beginnt im Sommer 1991 und umfasst die Zeit bis 1994. Die Folge schildert auch die rassistischen Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda, die sich gegen eine Flüchtlingsunterkunft richteten und die wegen völlig unzureichender Reaktionen von Polizei und Politik vor Ort zu einem bundesweiten Skandal wurden.

Zweifellos ist es ein großes Verdienst dieser Dokumentationsreihe, die heute nur noch wenigen bekannten politischen Akteure von damals hier als Zeitzeugen zum Sprechen gebracht zu haben. Die Filmautorin verbleibt dabei überwiegend in der Rolle der neutralen Beobachterin. In einem Punkt allerdings ergreift sie Partei: Unüberhörbar ist im ersten Teil ihr Unbehagen an den Umständen der Gründung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. Auch in den beiden weiteren Folgen der Reihe werden besonders ausführlich die schwierigen Anfangsjahre der zunächst schnell wechselnden sachsen-anhaltischen Landesregierungen geschildert, wohingegen die politische Entwicklung der Länder Sachsen und Thüringen eher als Erfolgsgeschichte dargestellt wird.

24.10.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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