Katharina Gugel/Ulf Eberle: Gastarbeiter Gottes – Für ein Halleluja um die halbe Welt. Reihe „37°“ (3sat/ZDF)

Kurzatmige Reportage

02.02.2021 •

Solch ein Predigtauftakt in einem Gottesdienst ist nicht alltäglich: „Ich gratuliere allen Gladbach-Fans zu dem Sieg gestern.“ Beifall in der Kirche, der Pfarrer hat den richtigen Ton getroffen. Uchenna Aba ist 2014 nach Deutschland gekommen, nachdem ihm sein Bischof in der nigerianischen Heimat den Wechsel nahegelegt hatte. In Pfalzdorf am unteren Niederrhein hilft er seither der katholischen Kirche, die Seelsorge durch Priester aufrechtzuerhalten. Aba ist einer der beiden Protagonisten, die Katharina Gugel und Ulf Eberle für ihre Reportage „Gastarbeiter Gottes – Für ein Halleluja um die halbe Welt“ zwei Jahre lang begleitet haben. Der andere ist der aus Indien stammende Priester Shreedhar Lanke.

Die Unterschiede könnten kaum größer sein. Während Uchenna Abu – zugegeben, er ist schon einige Jahre in Deutschland – unbefangen spontane Hausbesuche bei seinen Gemeindemitgliedern macht, leidet der gerade aus seiner asiatischen Heimat nach Deutschland gekommene Shreedhar Lanke, der im Bistum Münster als Priester tätig ist, sichtbar unter dem Kulturschock. „In Indien folgen die Kinder, wenn man ihnen etwas sagt“, berichtet er. Vor allem macht ihm die bislang unbekannte Sprache zu schaffen, trotz Sprachkurs und Gemeindepraktikum. Beim Zuschauer erweckt er den Eindruck, dass ihm alles fremd ist. Erst beim Geburtstagsbesuch bei einer 80-jährigen Frau stößt er auf Verständnis, als die von ihrer Schwiegertochter aus Kroatien berichtet. Dort seien die Kirchen noch voll, es würde sogar gebeichtet. Ein ihm verwandtes Kirchenbild.

Uchenna Abu hingegen fragt bei einem seiner Hausbesuche nach der Meinung der Gastgeberin zur katholischen Kirche. „Meine Kirche oder unsere Kirche?“, fragt die zurück. Sie wünsche sich mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der Frauen seitens der Verantwortlichen. Der Kaplan aus Nigeria stimmt dem zu. Sein Dienst in der deutschen Gemeinde wird als „Geschenk“ angesehen, „den geben wir nicht mehr her. Wenn alle so wären wie er, dann wäre die Kirche weiter“, sagen sie in Pfalzdorf. Uchenna Aba hat immer wieder Mitglieder seiner Gemeinde spontan besucht und auf diese Weise schon so manchen wieder zurückgeholt, der sich von der Kirche abgewandt hatte. Im Corona-Lockdown setzt er sich einfach mal an die Bushaltstelle, um so zumindest Präsenz zu zeigen. Die Gemeinde sei ihm inzwischen zur Familie geworden, sagt er.

Allein im Bistum Münster arbeiten über 100 Priester aus dem Ausland in der Seelsorge. Die Organisatorin des weltweiten Priesteraustauschs im Bistum Münster, Renate Brunnett, weiß aus Erfahrung, dass Priester oft einen regelrechten Kulturschock in Deutschland erleben. „Vereinzelt kommt es vor, dass wir Priester auch wieder in ihre Heimat zurückschicken“, sagt sie im Film. Der Priester aus Indien steht kurz davor, erhält aber noch eine zweite Chance. Dreh- und Angelpunkt sind aber nicht etwa seine seelsorglichen Fähigkeiten, sondern das Bestehen eines weiteren Sprachtests.

In Indien kamen die Gläubigen zu Shreedhar Lanke und baten um seinen Beistand, in Deutschland müssen sich Priester aktiv um ihre Kirchenmitglieder bemühen. Nach Dienstschluss zieht Lanke sich in seine Wohnung zurück, kocht indisches Essen und tauscht sich über Videokommunikation mit seiner Familie in der Ferne aus. Seine Persönlichkeit ist eher introvertiert, ganz im Gegensatz zum Charakter des Nigerianers. Der wurde inzwischen zum Pfarrverwalter für fünf Gemeinden ernannt – Anerkennung seiner bisherigen Arbeit und keine Selbstverständlichkeit.

Fast jeder fünfte katholische Priester in Deutschland stammt heute aus Indien, Nigeria, Uganda oder Polen. Es wird nicht recht deutlich, warum die Autoren für ihren Film ausgerechnet den Priester aus Indien und den aus Nigeria ausgewählt haben, um die Problematik darzustellen. Im Übrigen hätte die Arbeit von Uchenna Aba allein die 30-minütige Sendezeit inhaltsreich füllen können. Und die Problematik, die bei Shreedhar Lanke auftaucht, ebenfalls. So wirkt diese im Rahmen der ZDF-Reihe „37°“ ausgestrahlte Reportage etwas kurzatmig. Und es bleiben Fragen unbeantwortet: Wie weit beeinflussen die ausländischen Priester die Entwicklung der katholischen Kirche in Deutschland? Werden sie ausgesucht nach ihrem theologischen Standpunkt? Kommt es eher zu einem Einsatz, je konservativer ein Priester ist? Ist der Einsatz hier ein gutes Geschäft für die Heimatbistümer, weil die „Gastpriester“ einen Teil ihres Gehalts ins jeweilige Heimatbistum überweisen? So ist dieser Beitrag nicht nur kurzatmig, sondern er bleibt bei diesem wichtigen Thema auch einfach zu oberflächlich.

Der Film „Gastarbeiter Gottes“ ist eine Produktion für die ZDF-Reihe „37°“. Ursprünglich sollte er am 26. Januar auf dem Regelsendeplatz der Reihe am Dienstagabend laufen (22.15 bis 22.45 Uhr). Doch die Ausstrahlung des Beitrags auf diesem Sendeplatz wurde um zwei Wochen auf den 9. Februar verschoben, weil das ZDF am 26. Januar auf dem „37°“-Termin angesichts der Lage in Sachen Corona-Impfungen kurzfristig eine Spezialausgabe von „Leschs Kosmos“ zum Thema „Impfen – Wettlauf mit dem Virus“ sendete. Die Verschiebung im ZDF-Programm führt nun dazu, dass „Gastarbeiter Gottes“ seine Erstausstrahlung im federführend vom ZDF betriebenen Spartenprogramm 3sat hatte, wo die „37°“-Folgen jeweils in der Nacht von Montag auf Dienstag gegen Mitternacht wiederholt werden. „Gastarbeiter Gottes“ wurde am 1. Februar um 0.40 Uhr bei 3sat erstmals ausgestrahlt. Seit dem 2. Februar ist der Film in der ZDF-Mediathek abrufbar.

02.02.2021 – Martin Thull/MK

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