Katarina Schickling: Die Schlagerstory – Geliebt, gehasst und unterschätzt (ZDFinfo)

Vom Gassenhauer zum Ablenkungshandwerker

31.10.2021 •

Die einleitenden Worte zu diesem Film fallen arg vollmundig aus, verspricht doch Autorin Katarina Schickling nicht weniger als „die wahre Geschichte eines oft unterschätzten Genres“. Die dem Beitrag zugrunde liegende Idee, Schlagertexte mit den jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklungen und Phänomenen abzugleichen, ist so neu nicht. Unter anderem in den Schriften der Gesellschaft für Popularmusikforschung finden sich gründliche Arbeiten beispielsweise über „den Schlager als Quelle historischer Forschung“ (Dietrich Helms).

In ihrer Reportage „Die Schlagerstory – Geliebt, gehasst und unterschätzt“ (Produktion: Tangram International) nennt Katarina Schickling zu Beginn ein paar Daten und Zahlen. Etwa die, dass die deutsche Schlagerindustrie im Jahr 2020 rund 70 Mio Euro umsetzte, eingespielt nicht zuletzt von sehr jungen Künstlern wie dem 25-jährigen Vincent Gross. Ein Aspekt, der später im Film vertieft wird: Schlager ist längst nicht mehr Genre nur älterer Generationen. Der Begriff „Schlager“ kam Anfang des 19. Jahrhunderts auf und bezeichnete zunächst die Operetten-Gassenhauer, die bald durch Schellackplatten und vor allem das Radio wachsende Verbreitung fanden. Ein kurzer Blick gilt im Film dem „Dritten Reich“ mit seiner politisch gelenkten Unterhaltungsindustrie und verlogenen Durchhalteschnulzen wie Zarah Leanders „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ oder „Davon geht die Welt nicht unter“.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs dann, wenn der Kalauer gestattet ist, gab’s musikalisch Aufbauendes aus der flott wieder produzierenden Plattenindustrie. Fröhlich und hoffnungsvoll getextet, aber auch ironisch kommentierend wie in „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, einem Karnevalsschlager, der ein auf den damaligen westdeutschen Drei-Zonen-Status gemünztes geflügeltes Wort aufgriff. Im kollektiven Gedächtnis weniger präsent ist das von Hans Albers gesungene „Lied der Flüchtlinge“ aus dem Jahr 1947. „Wir ziehen auf endlosen Straßen“, heißt es dort, „durch Tage und Nächte dahin / Von Gott und den Menschen verlassen / ganz ohne Ziel, ohne Sinn“. Drei Jahre später siedelten Albers-Schlager dann eher in Arizona, Arkansas oder Alabama. Das Fernweh verband sich mit materiellen Träumen: „Mein Onkel hat Plantagen“.

Näher lag dann schon Italien, sehr häufig besungen in den 1950ern. Urlaubsreisen wurden möglich, umgekehrt kamen Italiener als „Gastarbeiter“ in die Bundesrepublik. Auch sie tauchen im Schlager auf. Cornelia Froboess besang Isolation und Heimweh: „Eine Reise in den Süden / Ist für andere schick und fein / Doch die beiden Italiener /Möchten gern zu Hause sein“.

Der Markt bevorzugte deutsche Texte. Ausländische Stars mussten sich anpassen. Cliff Richard, Brenda Lee, Connie Francis nahmen deutschsprachige Platten auf. Nicht wenige Sänger machten in Deutschland parallel zu ihrem Heimatland Karriere: die Französin Mireille Mathieu, die US-Amerikanerin Peggy March, der US-Amerikaner Gus Backus, die Dänin Gitte, die Schwedin Bibi Johns, die Italienerin Rita Pavone und andere.

Mit dem Erfolg der Beatles, so eine Aussage im Film, habe sich dies geändert: „Wer in die Charts will, singt fortan in Englisch.“ Eine von vielen Ungenauigkeiten, die dem Hang der Autorin zur griffigen These geschuldet sind. Denn: 1966 waren in der Hitparade 30 von 50 Titeln deutschsprachig. Auf Platz 1, vor den Rolling Stones und den Beatles: Drafi Deutscher.

Der Zeitzeuge Michael Holm behauptet, bei den Aufnahmen zu Mary Roos’ „Arizona Man“ sei 1970 erstmals in der Popmusik ein Synthesizer eingesetzt worden. Hier hätte korrigiert werden müssen – schon die Monkees, die Doors und die Beatles hatten mit einem Moog-Synthesizer gearbeitet. Am Sänger Michael Holm lässt sich auch festmachen, dass die Kluft zwischen Pop und Schlager keineswegs unüberwindbar ist. Holm bildete gemeinsam mit Giorgio Moroder die englischsprachige Pop-Formation Spinach. „Mendocino“, einer von Michael Holms größten Schlager-Erfolgen, war eine Coverversion und stammt von der Tex-Mex-Band Sir Douglas Quintet. So wie „Dynamite Woman“ und „Nuevo Laredo“, die auf Deutsch von einem gewissen Tony in der „ZDF-Hitparade“ dargeboten wurden.

Diese von Dieter Thomas Heck erdachte und moderierte Musiksendereihe führt zur nächsten Falschdarstellung im Film. Demnach, so heißt es dort mit Blick auf die „ZDF-Hitparade“ (1969-2000), habe die deutsche Musikindustrie in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre durch „Kopien internationaler Hits“ das schwindende junge Publikum zurückgewinnen wollen. Eine völlig willkürliche zeitliche Zuschreibung, denn Coverversionen gab es seit Jahrzehnten. Mit „Ich zähle täglich meine Sorgen“ sang etwa Peter Alexander 1959 die deutsche Version von „Heartaches By the Number“. Peter Alexander und auch Roberto Blanco interpretierten diverse Hits von Tom Jones. Die Beispiele sind endlos. Relevant mit Blick auf „Die Schlagerstory“: Dort bleibt unerwähnt, dass der sich skeptisch gegenüber solchen Coverversionen äußernde Jürgen Drews selbst mit einer Adaption einen großen Erfolg feierte. Er sang den Text von „Ein Bett im Kornfeld“ auf die Melodie des Countrysongs „Let Your Love Flow“, der durch die Bellamy Brothers bekannt geworden war

Deutsche Schlagerproduzenten bedienten sich nicht nur im englischsprachigen Bereich. Tony Marshalls Mitklatschhymne „Schöne Maid“ basiert auf einem Maori-Volkslied. Bleibt noch Guildo Horns im Film mehrfach eingespielter Hit „Ich find Schlager toll“. Vergleiche „I Love Rock ’n’ Roll“ von den Arrows bzw. Joan Jett.

Der Film (350.000 Zuschauer, Marktanteil: 1,4 Prozent) endet mit der Gegenwart und einer Aussage des 38-jährigen Schlagerstars Ben Zucker, der erklärt: „Wir sind Ablenkungshandwerker.“ Eine vielsagende Selbsteinschätzung, die zur Frage führt, warum dergleichen in unseren Tagen bis hin zum stimmungstrunkenen Mallorca-Schlager so starke Nachfrage erfährt. Aber für solche Erörterungen reicht eine Sendezeit von 45 Minuten nicht aus, wie überhaupt in diesem Programmbeitrag des Spartensenders ZDFinfo manches sträflich knapp gestreift und durch die Verkürzung obendrein fehlerhaft vermittelt wurde. Sinnvoller wäre es gewesen, dem Thema einen Mehrteiler zu widmen oder sich auf wenige Aspekte zu beschränken. (Der Film „Die Schlagerstory“ ist noch bis zum 9. Dezember 2021 in der ZDF-Mediathek verfügbar.)

31.10.2021 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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