Karsten Gravert/Hannes Rossacher: Pop Utopia. In 2 Teilen ausgestrahlte Dokumentation (Arte)

Unbefriedigendes Themen‑Potpourri

30.07.2020 •

„Summer of Love“ nannte Arte 2007 seinen ersten mehrwöchigen Sommer-Schwerpunkt, der ausgewählte Episoden aus der Historie der Popmusik mit zeitgeschichtlichen Entwicklungen verknüpft. Seitdem hat der deutsch-französische Sender die Geschichte von Pop und Politik schon recht oft auf recht ähnliche Weise erzählt, etwa im Rahmen der Schwerpunkte „Summer of the 60s“ (2010), „Summer of Rebels“ (2012), „Summer of Peace“ (2015) und „Summer of Freedom“ (2019).

Eine weitere Variation liefert nun „Summer of Dreams“, die 13. Ausgabe der Sommer-Specials. Der diesjährige Schwerpunkt, der noch bis zum 23. August das Arte-Programm prägt, startete am 10. Juli mit der Übersichtsdarstellung „Pop Utopia“, ausgestrahlt in zwei direkt aufeinander folgenden Teilen. Inhaltlich ist die Aufsplittung wenig sinnvoll, sie ist offenbar dem Wunsch des Senders geschuldet, nicht das Programmschema aufzubrechen. Als ob es die Zuschauer in tiefe Verwirrung stürzte, wenn man um 21.45 Uhr eine 90- oder 100-minütige Dokumentation sendete.

Während der Untertitel des ersten Teils – „Der Traum von Gerechtigkeit“ – stimmig ist, ist der des zweiten – „Flucht in den Traum“ – eher eine Notlösung. Er bezieht sich nur auf einen Aspekt in den zweiten 52 Minuten, nämlich auf die „Flucht“, die durch den Konsum von Drogen ausgelöst wird. Die Autoren Karsten Gravert und Hannes Rossacher und die als Presenterin fungierende französische Journalistin Sarah Doraghi gehen an dieser Stelle aber unter anderem auch auf den Traum der Hippies vom Einklang mit der Natur ein, auf die Stonewall-Proteste von Lesben und Schwulen Ende Juni 1969 in New York und die heutigen Bezüge zwischen Pop und Öko-Aktivismus.

In letzterem Zusammenhang findet zwar das Engagement des früheren R.E.M.-Sängers Michael Stipe für die Umweltschutz-Aktivistenbewegung Extinction Rebellion Erwähnung, ebenso Billie Eilishs Video zu ihrem Song „All the good girls go to hell“, das sie zu einem bildmächtigen Statement für den Umweltschutz nutzte und anlässlich der UN-Klimakonferenz 2019 veröffentlichte. Doch in erster Linie kommen in „Pop Utopia“ (Produktion: Kobalt Productions) Künstler der Gegenwart vor, um sich dazu zu äußern, wie bedeutsam bestimmte Songs und Künstler aus den 1960er Jahren heute noch sind.

„Was dieser Song vermittelt, hat heute immer noch Gewicht“, sagt zum Beispiel der queere HipHop-Musiker Zebra Katz über das von Joan Baez populär gemachte Lied „We shall overcome“. Die Gegenwartsmusikerin, deren Wirken hier am meisten Berücksichtigung findet, ist die R&B-Künstlerin Janelle Monáe. Dass sie sich 2010 auf ihrem Album „The ArchAndroid“ auf den Afrofuturismus bezieht, kommt aber nicht vor – für einen Film, der von Utopien erzählt, etwas misslich.

In „Pop Utopia“ mangelt es nicht an klugen, anregenden Aussagen – dank der Musikjournalisten Jens Balzer und Tobi Müller, die hier als Experten fungieren. Aber um sich diese Aussagen zu erschließen, muss man als Zuschauer eine erratische Montage in Kauf nehmen. Als etwa zur Sprache kommt, welch große Bedeutung die Soul-Sängerin Aretha Franklin in den 1960er Jahren hatte, fährt der Film mit einem Zitat Balzers fort: „In den 1970er Jahren“ habe es keine „Nachfolgerin in der afroamerikanischen Musiktradition“ gegeben, die mit Franklin vergleichbar gewesen wäre. Bis es „tatsächlich so etwas wie eine feministische Emanzipation in der Soul-Musik gegeben hat“, habe es „noch Jahrzehnte gedauert“. Was die Gründe dafür gewesen sein könnten, erfährt der Zuschauer aber nicht. Auch nicht, welche Künstlerinnen für die erwähnte – späte – „feministische Emanzipation in der Soul-Musik“ stehen.

Stattdessen springt der Film von Aretha Franklin ohne ersichtlichen Grund zu Debbie Harry, der Sängerin der Band Blondie, und ihrem Hit „Heart of Glass“ von 1978 – und von dort mit Hilfe eines faden Übergangs zu Beyoncés Hit „Run the World (Girls)“, wozu es heißt: „33 Jahre nach Blondies ‘Heart of Glass’ stellt Beyoncé fest, dass heute nunmehr Frauen die Welt regieren.“ Sodann schlagen die Filmemacher einen Bogen zu den 2019 in dem Ausruf „Der Vergewaltiger bist Du!“ kulminierenden feministischen Protest-Performances gegen Gewalt gegen Frauen, die sich von Chile aus weltweit verbreiteten. Gleich darauf geht es, warum auch immer, um die 68er-Bewegung und so wird in den Übergang zwischen den beiden Themen langsam „Street Fighting Man“ von den Rolling Stones eingeblendet – einer nicht unbedingt frauenfreundlichen Band, um es vorsichtig zu formulieren. Zeit- und Themensprünge sind grundsätzlich natürlich legitim, aber bei „Pop Utopia“ wirken sie beliebig bis hilflos.

Eine ähnlich unbefriedigende Passage entspinnt sich ausgehend von der Einschätzung John Lennons, der seinen 1971 veröffentlichten Song „Imagine“ als im weiteren Sinne „kommunistisch“ charakterisierte. Von dort gelangt die Dokumentation zur Musik der kommunistischen Bewegung. „Ihr Soundtrack zu Beginn des vorigen Jahrhunderts: Alles, wozu es sich gut marschieren lässt“, lautet der Off-Kommentar dazu. Als musikalisches Beispiel dafür dient das „Solidaritätslied“ von Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Nun sollte einem Sender wie Arte, der vermutlich etwas auf seine Kulturkompetenz hält, zu einem Klassiker dieses Dichter-Komponisten-Duos ein bisschen mehr einfallen als eine derart klamaukige Bemerkung. Hinzu kommt, dass das „Solidaritätslied“ 1932 uraufgeführt wurde – weshalb die zeitliche Einordnung „zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts“ bestenfalls unpräzise ist.

Nachdem Jens Balzer sagt, „in den Arbeiterbewegungsliedern“ sei es darum gegangen, „Gemeinschaft herzustellen“, und dieser „Aspekt von populärer Musik“ ziehe sich „bis in die Gegenwart“, hören wir übrigens bloß wieder „Street Fighting Man“ von den Stones – statt einen Song aus der gerade ins Spiel gebrachten Gegenwart. Wer mehrere „Summer of…“-Specials gesehen hat, dürfte es langsam ermüdend finden, immer wieder in ‘Opa-erzählt-vom-Krieg’-Manier erklärt zu bekommen, wie bedeutsam Songs wie „Street Fighting Man“ und „We shall overcome“ waren.

Allemal fehlte in diesem Themen-Potpourri eine Auseinandersetzung mit der Frage, warum die Zeiten für Utopien heute so schlecht sind. Dabei hätte sich der an mehreren Stellen aufgegriffene John-Lennon-Song „Imagine“ dafür angeboten. Aus der Cover-Version der Band A Perfect Circle klingen folgende Zeilen an:

  Imagine no possessions
  I wonder if you can
  No need for greed or hunger
  A brotherhood of man

Man müsste heute nicht einmal „Besitztümer“ („Possessions“) abschaffen, um den Hunger weltweit zu beseitigen. Aber selbst die ‘kleine’ Utopie vom Ende des Hungers hätte heute in kaum einer Debatte eine Chance. (Teil 1 von „Pop Utopia sahen 180.000 Zuschauer bei einem Marktanteil von 0,7 Prozent; Teil 2 hatte 142.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 0,8 Prozent.)

30.07.2020 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 15/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren