Kajo Fritz: Corona – Pandemie ohne Ende? Fakten mit Hendrik Streeck. Reihe „ZDFzeit“ (ZDF)

Ein Fall für den Fernsehrat

26.03.2021 •

Dass mit dem Label „ZDFzeit“, unter dem das ZDF dienstags zur Primetime Dokumentationen und Reportagen zeigt, irgendein inhaltliches Konzept verbunden ist, ließ sich bisher nicht sagen. Insofern war es nicht verwunderlich, dass hier nach „Wie kam Hitler an die Macht?“ und „Nelson Müllers großem Burger-Check“ nun auch eine mit Anklängen an die ZDF-Wissenschaftsreihe „Terra X“ nicht geizende Dokumentation mit dem Titel „Corona – Pandemie ohne Ende? Fakten mit Hendrik Streeck“ ihren Platz fand.

Personell hat man für diesen Film – der dann wegen eines aktuellen „ZDF-Spezials“ zur Corona-Krise 15 Minuten später begann als vorgesehen – einen hohen Aufwand betrieben. Auf ZDF-Seite waren bei der Dokumentation von Kajo Fritz zwei Produzenten und zwei Redakteure im Einsatz, auf Seiten der Produktionsfirma I & U zwei Produzenten und ein Producer. Was den finanziellen Aufwand für die Inhalte angeht: Viel investiert haben die Filmemacher offenbar in digitale Grafiken, eher wenig dagegen in Spielszenen. Die hielt man offenbar für nötig, um einen Eindruck davon zu vermitteln, welche Rolle Ende Februar 2020 eine unfreiwillig bundesweit bekannt gewordene Karnevalssitzung in Gangelt (Kreis Heinsberg) für die Ausbreitung der Corona-Pandemie in Deutschland spielte.

Autor Kajo Fritz führt hier eine fiktive Figur namens Peter N. ein, der schon vor Beginn der Sitzung unter Corona-Symptomen litt, ohne diese aber damals schon entsprechend einschätzen zu können. Ein „bislang unveröffentlichtes Video“ des realen Superspreader-Events von Gangelt präsentiert Fritz aber auch – als ob es im Fernsehen bisher an Feierszenen aus der Frühphase der Pandemie gemangelt hätte.

Zu sehen gibt es in dem 45-minütigen Film darüber hinaus ein Experiment mit fünf Menschen zum Thema Hygiene; geschichtliche Exkurse zur Pest und zur Spanischen Grippe fehlen ebenfalls nicht. Letztere ergeben durchaus Sinn, weil die Vergangenheit wieder aktuell werden könnte. Dass der Klimawandel die Permafrost-Böden tauen lässt und tiefgekühlte Krankheitserreger der Geschichte wieder gefährlich werden können, macht jedenfalls auf anschauliche Weise Josef Settele deutlich, Departmentleiter für Naturschutzforschung beim Helmholtz-Zentrum in Halle. Der im Titel des Films prominent herausgestellte Wissenschaftler Hendrik Streeck, im Hauptberuf Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, ist hier für Überleitungen und Zwischenmodera­tionen mit eher allgemein gehaltenen Erläuterungen zuständig.

Alles in allem wirkt die Dokumentation unfokussiert, das heißt, als Film funktioniert die Produktion „Corona – Pandemie ohne Ende?“ nicht, eher als eine Sammlung von Ideen und Informationen. Das sind aber periphere Schwächen. Das zentrale Problem ist, dass Hendrik Streeck hier als eine Art Presenter fungiert. Streeck ist, verteilt auf sieben Passagen, die im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden und in einem Labor gedreht wurden, zwar insgesamt nur wenige Minuten zu sehen und zu hören. Das ändert aber nichts an dem fatalen formalen Grundproblem: Streeck kommt in einer journalistischen Rolle zum Einsatz, er ist Teil des Filmteams. Was es geradezu zwangsläufig mit sich bringt, dass die massive Kritik, die die Mehrheit der mit Corona befassten Wissenschaftler und auch der Wissenschaftsjournalisten an Streecks Arbeit und Öffentlichkeitsarbeit üben, im Film nicht vorkommt.

„Corona – Pandemie ohne Ende?“ (2,61 Mio Zuschauer, Marktanteil: 7,9 Prozent) ist nicht die erste Dokumentation, in der ein Experte, der kein Journalist ist, als Presenter in Erscheinung tritt und eine journalistische Rolle einnimmt. Wir haben es hier aber mit ganz anderen Rahmenbedingungen zu tun, denn Hendrik Streeck ist ein einflussreicher politischer Player. In seiner Rolle „als einziger aktiver Naturwissenschaftler im ‘Expertenrat Corona’ von Armin Laschet“ nehme er Einfluss auf „Fragen von Leben und Tod“, schrieb das Medienkritik-Portal „Übermedien“ in einer Rezension zur Sendung.

Streeck präsentiert in der ZDF-Dokumentation zwar keine seiner Thesen, die ihm sonst regelmäßig den Applaus der „Bild“-Zeitung einbringen. Dennoch handelt es sich bei „Corona – Pandemie ohne Ende?“ um eine formale Grenzüberschreitung, mit der sich der Fernsehrat des ZDF beschäftigen sollte – und falls nicht, wenigstens die eine oder andere medienethische Zoom-Konferenz.

26.03.2021 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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