Juliane Möcklinghoff: Im Rausch der Spiele – Olympia geht auf Sendung. Reihe „Die Reportage“ (NDR Fernsehen)

Werkstattbericht und Medienkunde

17.08.2016 •

Am 12. August berichtete der „Spiegel“ in einer Vorabmeldung aus seiner Ausgabe Nr. 33/2016, dass Hajo Seppelt, der Dopingexperte der ARD, bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro unter dem ständigen Schutz von Leibwächtern stehe. Auf die Idee, in diese Richtung zu recherchieren, kam das Nachrichtenmagazin möglicherweise dank des Beitrags „Im Rausch der Spiele“, den das Dritte Programm NDR Fernsehen am 5. August im Rahmen seiner Reihe „Die Reportage“ ausstrahlte. Der 30-minütige Film ist eine Art Werkstattbericht darüber, wie der Norddeutsche Rundfunk, der in der ARD die Federführung für die Olympia-Übertragungen innehat, die Berichterstattung aus Rio vorbereitet hat. Ein Aspekt, den die Autorin Juliane Möcklinghoff dabei aufgreift, sind die Sicherheitsvorkehrungen für Seppelt, dessen Berichterstattung über systematisches Doping in Russland wesentlich dazu beitrug, dass ein Teil der Sportler des Landes von den Sommerspielen 2016 in Rio ausgeschlossen wurde. Die Verantwortlichen erachteten die Schutzmaßnahmen für Hajo Seppelt unter anderem als notwendig, weil sie davon ausgehen mussten, dass in Rio akkreditierte russische Journalisten Seppelt angreifen.

Die Reportage „Im Rausch der Spiele“ beginnt im Herbst 2015. Zu diesem Zeitpunkt sind zehn Mitarbeiter mit den Vorbereitungen beschäftigt. Der Zuschauer sieht ARD-Programmchef Carsten Flügel (NDR) mit seinen Kollegen vor einer Landkarte stehen, sie reden über die Entfernungen zwischen den Wettkampfstätten. Außerdem besucht Juliane Möcklinghoff den Musiker und Dirigenten Wolf Kerschek, der zu dem Zeitpunkt damit beschäftigt ist, den ARD-Olympia-Song zu komponieren. Monate später ist die Autorin dabei, wie Kerschek den Song mit der NDR Big Band aufnimmt und nach geeigneten Sängern in Brasilien sucht.

„Im Rausch der Spiele“ hat teilweise den Charakter von Medienkunde-Unterricht. Wer bisher nicht wusste, was die Aufnahmeleitern eines Olympia-Fernsehteams kurz vor dem Beginn der Spiele macht, weiß dank dieser Reportage nun, dass sie zum Beispiel versucht, den Überblick darüber zu behalten, ob angesichts zahlreicher von Hotels in Rio vorgenommenen Umbuchungen noch alle Mitarbeiter im erforderlichen Zeitraum untergebracht werden können. Wie eine Art Running-Gag durchzieht den Film die Frage, welche Farbe denn nun der Boden im gemeinsamen Studio von ARD und ZDF haben soll. „Es wird keiner anrufen und sagen, das sieht aber doof aus“, sagt Programmchef Flügel zwar an einer Stelle, und dennoch zerbrechen sich Innenarchitekten und Journalisten den Kopf darüber, ob ein sandfarbener Belag in dem Studio in Rio de Janeiro besser sei als ein dunkler.

Die Transparenz, die „Im Rausch der Spiele“ herstellt, hat indes Grenzen. Eine Vorstellung davon, welche Maßnahmen wie viel Geld gekostet haben könnten, vermittelt der Film zum Beispiel nicht. Andererseits erfährt der Zuschauer durchaus ein paar Dinge, die sonst womöglich nicht an die Öffentlichkeit geraten wären – etwa dass im Frühjahr vier Mitarbeiter der ARD aus Angst vor dem Zika-Virus ihre Mitreise abgesagt haben. Möcklinghoff geht auch darauf ein, dass Programmchef Flügel in der heißen Vorbereitungsphase erkrankte und es nicht sicher war, ob er würde ersetzt werden müssen.

In manchen Passagen hat man das Gefühl, dass der NDR den Film auch deshalb produzieren ließ, um ihn im eigenen Haus zu zeigen. Wenn die Mitarbeiter in Rio ihren gerade noch rechtzeitig gesundeten Programmchef mit Umarmungen in Empfang nehmen, wenn man dem NDR-Team in Rio dabei zusieht, wie es abends in einem Restaurant zusammen speist und wenn Möcklinghoff am Buffet Kolleginnen abpasst, um sie nach ihren Befindlichkeiten und Erwartungen wenige Tage vor dem Start der Wettkämpfe zu fragen – da fühlt man sich als Zuschauer schon ein bisschen als Voyeur.

Zu einem gewissen Teil ist „Im Rausch der Spiele“ auch ein Werbefilm in eigener Sache. Den Eindruck hätte der NDR vermeiden können, wenn er einem Autor von außen den Blick auf die eigene Arbeit gestattet hätte. Juliane Möcklinghoff indes arbeitet selbst für die NDR-Sportredaktion, die Ruderexpertin berichtet auch von den Spielen in Rio. Trotz aller Einwände: Angesichts dessen, dass die heute übliche heftige generelle Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk zumindest zu einem Teil auf mangelnden Kenntnissen darüber fußt, wie Journalisten eigentlich arbeiten, sind Einblicke, wie sie „Im Rausch der Spiele“ liefert, grundsätzlich zu begrüßen. (Der Film ist noch bis zum 5. August 2017 in der ARD-Mediathek zum Anschauen abrufbar.)

17.08.2016 – René Martens/MK

` `