Julian Sher/Graeme Smith/Natalie Dubois: Ghosts of Afghanistan – Die Macht der Taliban (ZDFinfo)

Zum Glockenschlag wieder die Burkas

04.08.2021 •

Zwanzig Jahre nach Beginn des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan kehrten am 30. Juni 2021 die letzten deutschen Soldaten in die Heimat zurück. Insgesamt 59 Angehörige der deutschen Streitkräfte sind bei der Mission am Hindukusch gefallen. Trotzdem nahm kein einziger offizieller Repräsentant der Bundesregierung die Rückkehrer in Empfang. Der symptomatische Versuch, die gescheiterte Bekämpfung des in Afghanistan nicht enden wollenden islamistischen Terrors unter den Teppich zu kehren, wird indirekt thematisiert in dieser 90-minütigen Dokumentation, die zwei Tage vor der Ankunft der Bundeswehr-Soldaten ausgestrahlt wurde – zu später Stunde beim Spartensender ZDFinfo, wo dieser sehenswerte Beitrag nicht zufällig auch mehr oder weniger unterging (was die Resonanz betraf; der Film, weiterhin in der ZDF-Mediathek zu sehen hatte 220.000 Zuschauer, Marktanteil: 0,9 Prozent).

Die Dokumentation zeichnet die wechselvolle Geschichte Afghanistans nach, die gewiss schon häufig erzählt worden ist. In ihrem Film verknüpfen die Autoren Julian Sher, Graeme Smith und Natalie Dubois den Rückblick auf die vielschichtige geopolitische Historie des Landes mit einem Fokus auf die Brisanz der gegenwärtigen Lage. Die Situation wird geprägt durch den Abzug der NATO-Truppen, die im Wesentlichen von den USA gestellt werden. Eine Schlüsselszene des Films zeigt, wie amerikanische Militärs in Doha mit Vertretern jener afghanischen Taliban-Terroristen verhandeln, gegen die sie vor zwanzig Jahren in einen zermürbenden, letztlich erfolglosen Krieg gezogen sind.

Kritisch kommentiert wird dieses diplomatische Desaster von Hamdullah Mohib, dem nationalen Sicherheitsberater der afghanischen Regierung. Mohib ist ein Repräsentant jener säkularen Staatsmacht, die mit Hilfe der westlichen Militärintervention installiert wurde. Die Regierung ermöglicht zum Beispiel Frauen ein selbstbestimmtes Leben mit Zugang zu Bildung – was zu den Maßnahmen gehört, die den fundamentalistischen Islamisten ein Dorn im Auge sind. Um ihren Rückzug aus dem Land zu organisieren, setzten amerikanische Regierungsvertreter sich dann an einen Tisch mit jenen Taliban, die alle demokratischen Werte ablehnen, für die die offizielle afghanische Regierung steht. Mit ihren Verhandlungen, so Hamdullah Mohib, hätten die USA die Taliban diplomatisch aufgewertet. Diese Gespräche seien gleichbedeutend mit dem Eingeständnis einer Niederlage des NATO-Bündnisses und der Amerikaner.

Was dadurch auf dem Spiel steht, erklären vor der Kamera Shaharzad Akbar, die Vorsitzende der nationalen Menschenrechtsinstitution, die Frauenrechtlerin und Journalistin Farahnaz Forotan und weitere Aktivistinnen. Pars pro toto für die düstere Zukunft der afghanischen Demokratie steht eine junge Frau. Sie trägt leuchtend orangene Socken. Mit spürbarer Begeisterung erklärt sie, dass es hierbei nicht nur um ein Kleidungsstück geht. Die farbigen Socken haben Symbolwert. Mit dem Tragen dieser Strümpfe lebt sie als Frau eine Freiheit aus, die ihr voraussichtlich bald wieder genommen werden wird, wenn im Land die Macht der Taliban wieder entscheidend zunimmt.

Warum der Abzug der NATO-Truppen fatal ist für jene Menschen, die sich in Afghanistan auf einen westlich-säkularen Lebensstil eingelassen haben, verdeutlicht der Film im Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der Taliban. Dabei zieht die Dokumentation aufschlussreiche Querverbindungen. Bekanntlich drängten afghanische Guerillakämpfer, die Mujaheddin, mit finanzieller Unterstützung der USA Ende der 1970er Jahre die damaligen sowjetischen Besatzer aus dem Land. Es folgte ein blutiger Bürgerkrieg, in dem lokale Warlords um die Vorherrschaft stritten. In dieses Machtvakuum stießen die Taliban vor, eine Splittergruppe, deren Mitglieder im Nachbarland Pakistan zu naiv gläubigen Fanatikern gedrillt worden waren.

Differenziert zeichnet der Film nach, dass jene radikale Abkehr von westlichen Werten, mit der die Taliban ihren Siegeszug antraten, unter anderem der besonderen geopolitischen Situation Afghanistans geschuldet ist. Während die Städter im Land eine ebenso verhasste wie korrupte Elite bilden, lebt die überwiegende Mehrheit der Menschen ohne funktionierende Infrastrukturen auf dem Land in isolierten Dörfern nebeneinander her. Unter dem Zeichen der Vollverschleierung der Frauen konnte der radikale Islam der Taliban hier eine minimalistische, aber effektive Verwaltungsstruktur etablieren.

Ein gewisser Osama bin Laden erkannte das strukturelle Potenzial dieses Fundamentalismus. Der reiche saudische Geschäftsmann kaufte sich bei den Taliban ein, um deren islamistisches Modell für sein Terror-Netzwerk Al-Qaida zu nutzen. Mit den von Afghanistan aus von bin Laden organisierten Terroranschlägen vom 11. September 2001, in der muslimischen Sphäre bejubelt, wurde das Denken der Taliban in die ganze Welt exportiert. Das Gesicht der westlichen Welt veränderte sich. Nach den im Namen der Terror-Organisation ‘Islamischer Staat’ verübten Lastwagen-Anschlägen von Nizza und Berlin im Jahr 2016 wurden überall Fußgängerzonen der Innenstädte zum Schutz gegen dschihadistische Angriffe mit Betonpollern abgeriegelt.

Das Herzstück des Films bilden die Gespräche insbesondere mit den afghanischen Aktivistinnen, die nur zu gut wissen, dass die Taliban angesichts des bevorstehenden Abzugs der amerikanischen Truppen nicht mehr zu stoppen sein werden. Die zu Wort kommenden Frauen schlagen daher moderate Töne an. Man müsse, so der Tenor, mit den Taliban ins Gespräch kommen. Es sei endlich an der Zeit, dass Frieden entstehe. Beide Seiten müssten daher aufeinander zugehen.

Der Film gibt einen Vorgeschmack davon, wie ein solcher ‘Dialog’ wohl aussehen wird. Exklusive Aufnahmen aus einer Taliban-Hochburg zeigen, wie Kinder einer Gehirnwäsche unterzogen werden. Was er denn werden wolle, fragt ein Reporter einen Jungen, der den Koran auswendig lernt – Arzt oder Ingenieur? Mullah wolle er werden, antwortet der Knirps ohne Zögern. Unterdessen geben Vertreter der Taliban sich vor der Kamera selbstbewusst. Um ihre Botschaften zu verbreiten, nutzen sie, trotz ihrer Technikfeindlichkeit, inzwischen natürlich auch das Internet. Ob sie Frauenschulen schließen werden, fragt der Reporter einen Repräsentanten der Taliban. Darauf würde er sich nicht festlegen, eine konkrete Antwort, so der Taliban diplomatisch, könne ja gegen ihn gewendet werden. Deshalb würde er zu diesem Thema auch nichts sagen.

Der Film „Ghosts of Afghanistan – Die Macht der Taliban“ (Produktion: Gala Film in Zusammenarbeit mit Gebrüder Beetz) ist eine komplexe Mischung aus reportageartigen Betrachtungen und vielschichtiger politischer Analyse. Abgerundet wird das dokumentarische Mosaik mit Streiflichtern auf die korrupte wirtschaftliche Struktur des Landes, aus dem etwa 90 Prozent der weltweiten Opiumproduktion stammen. Mitverantwortlich für den Beitrag zeichnet der mehrfach ausgezeichnete Emmy-Gewinner Graeme Smith, dem mit seinen beiden Koautoren ein sehenswerter, nachdenklich stimmender Film gelungen ist.

Mit seinen letzten Sätzen löst er dann auch noch das kleine Rätsel auf, warum der Film eigentlich den wohl für den internationalen Vertrieb gewählten englischsprachigen Titel „Ghosts of Afghanistan“ hat: „Die Straßen im Land“, heißt es, „bleiben wohl noch für Jahre gefährlich. Die Geister Afghanistans lauern noch überall. Wenn der Unterricht in der Mädchenschule von Kandahar mit dem letzten Glockenschlag aufhört, streifen die Mädchen ihre Burkas wieder über und gehen in eine ungewisse Zukunft.“

04.08.2021 – Manfred Riepe/MK

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