Julia Friedrichs/Fabienne Hurst/Andreas Spinrath u.a.: Neuland – Wer hat die Macht im Internet? (ARD/WDR)

Informativer Überblick

30.04.2020 •

Einen wie Thomas Derksen hätte man im Intro zu dieser Dokumentation, die sich mit der Macht im Internet beschäftigt, nicht unbedingt erwartet. Schließlich bewegt sich der rundliche junge Mann, der aus der im Bergischen Land liegenden Kleinstadt Marienheide stammt, nicht in den Sphären von Bill Gates, Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg. Aber der ehemalige Sparkassen-Angestellte ist in China durchaus so etwas wie ein Star, mit dem Passanten auf der Straße gerne Selfies machen. Er lebt heute in Shanghai. Zu seiner Popularität ist Derksen durch kleine Videofilmchen gelangt, in denen er in den Netzwerken Produkte deutscher Unternehmen in China bewirbt. Neudeutsch gesprochen ist er ein Influencer. Und weil die Chinesen den netten Mann aus Deutschland mögen, hat er inzwischen 10 Millionen Follower. Weshalb ihn wiederum die deutschen Unternehmer mögen.

Thomas Derksen passt aber auch deshalb gut in diese Dokumentation (Produktion: Bildundtonfabrik/BTF), weil er sich als glühender Fan der rasanten Digitalisierung im Reich der Mitte outet. Stolz führt er vor, dass man in China gänzlich ohne Bargeld durchs Leben kommt und dabei trotzdem Bettlern noch eine Spende zukommen lassen kann. Denn der Bedürftige, der da in einer Szene am Straßenrand hockt, hat um seinen Hals ein Pappschild hängen mit einem QR-Code darauf, über den man ihn per Handy-Eingabe unterstützen kann. Ob das der Gipfel des Fortschritts ist, sei dahingestellt, aber in Deutschland, wo man in puncto Netzzugang in manchen Landstrichen noch immer hinter dem Standard vieler Entwicklungsländer zurückliegt, ist man von derartigen Möglichkeiten bekanntlich weit entfernt.

Da nimmt es sich geradezu rührend bis unfreiwillig komisch aus, wenn Dorothee Bär, immerhin Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Digitales, in einem bayerischen Altenheim Senioren für Konsolenspiele zu begeistern versucht. Der Film begleitet die CSU-Politikerin über einen längeren Zeitraum, folgt ihr bei öffentlichen Auftritten und lässt sie mehrfach in Interviewpassagen zu Wort kommen. So engagiert sich Bär auch gibt, erscheint sie wie ein zahnloser Tiger. Eine Ministerin ohne Macht und ohne einen eigenen Etat, die zwischen den zahlreichen in die Digitalisierung involvierten Ministerien zu vermitteln versucht. Wo Dorothee Bär auf ihre Erfolge verweist, hält ihr die Dokumentation in animierten Grafiken ernüchternde Zahlen entgegen.

Des Weiteren widmen sich die Filmemacher den Geschäftspraktiken des deutschen Online-Riesen Zalando, der in seiner Berliner Zentrale, in der es eigentlich ungeheuer locker zuzugehen scheint, ein System eingeführt hat, mittels dessen sich die Angestellten gegenseitig bewerten müssen. Mit Überwachung und Bespitzelung habe das überhaupt nichts zu tun, erklärt Zalando-Vorstandsmitglied Rubin Ritter dazu im Interview. Es gehe bei der neuen „Bewertungskultur“ lediglich um eine Optimierung der Arbeit zum Wohle der Mitarbeiter. In China würde man für Bedenken gegen ein solches System allenfalls ein müdes Lächeln ernten.

Der Film zeigt eine Reiseleiterin, die eine Gruppe deutscher Unternehmer durch China führt, und den staunenden Gästen beim Stopp an einer Ampel erklärt, wie Fehlverhalten wie ein von Kameras erfasster Fehltritt bei Rot geahndet wird. Übeltäter werden nicht nur per Monitor an Ort und Stelle an den Pranger gestellt, sondern auch mit einem Eintrag in ihrem Social-Credit-System bestraft. Das sei eine gute Sache, frohlockt die Dame, weil sie den Bürgern helfe, sich an Gesetze zu halten.

Was es mit diesem System, das China mit Hilfe von 600 Millionen Kameras mit Gesichtserkennung bis Jahresende flächendeckend einführen will, genau auf sich hat, erklärt eine junge Frau in einem Spot des staatlichen Fernsehens. Anhand der Punkte auf dem persönlichen Scoring-Konto wird beispielsweise entschieden, ob man ein Studium beginnen, eine Flugreise buchen oder eine Wohnung mieten darf. Gegen dieses System der Totalüberwachung muten die Visionen in Orwells Romanklassiker „1984“ geradezu rührend an. So etwas lässt sich natürlich nur in totalitären Staaten durchsetzen. Aber dass sich im hemmungslos technikbegeisterten China so gut wie kein Widerstand dagegen zu regen scheint, erstaunt dennoch, trotz diktatorischem Regime. Vielleicht sehen die Chinesen das aber auch wie Thomas Derksen. „Die Digitalisierung“, erklärt er, „ist ja wirklich eine Revolution. Und da kann man sich nicht aussuchen, ob man das möchte oder nicht, sondern man muss mitmachen.“

Unter dem Strich bietet die Dokumentation – deren Titel auf Bundeskanzlerin Angela Merkel zurückgeht, die noch 2013 erklärte, das Internet sei ja „für uns alle Neuland“ – einen informativen, bisweilen auch kurzweiligen Überblick über Chancen und Risiken der Digitalisierung, ohne im erfreulich spärlichen Kommentar oder sonstwie apodiktische Urteile vorzugeben. „Experten beobachten auf der ganzen Welt ein Rennen zwischen Politik und Wirtschaft um die Macht im Neuland“, hieß es am Anfang des Films, und hierzu gab es Beobachtungen und Einschätzungen.

Rätselhaft bleibt indes, warum diese dritte Arbeit des Docupy-Teams des WDR im Internet und auch in der ARD-Mediathek in einer einstündigen Fassung zu sehen ist (der auch diese Kritik zugrunde liegt), während sie für die späte Fernsehausstrahlung um 23.00 Uhr um ein Viertel gekürzt wurde. Im linearen Programm lief der Film – obwohl er dort von seinem Charakter her nicht wirklich hineinpasste – im Rahmen der Rubrik „Die Story im Ersten“; in der ARD-Mediathek wird auf diese formale Einordnung verzichtet. Aus dem Abspann wurde ersichtlich, dass das Docupy-Autorenteam für diesen Film (984.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,7 Prozent) aus insgesamt zehn Mitgliedern bestand, nämlich Julia Friedrichs, Fabienne Hurst, Andreas Spinrath, Nora Nagel, Sara Lienemann, Nina Ostersehlte, Hannah Kloth, Kevin Brüssel, Michael Schmitt und Eva Müller (auch ausführende Produzentin).

30.04.2020 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 21/2020

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