Judith Angerbauer/Lena Kiessler/Lars Kraume: Die Neue Zeit. 6‑teilige Serie (Arte/ZDF)

Entfesseltes Spiel um Fakten und Fiktionen

05.10.2019 •

„Wieso erinnert sich niemand an Dörte Helm?“, fragt die Journalistin Stine Branderup ihren Interviewpartner Walter Gropius. Sie fragt mit Nachdruck, fast wütend. Wir befinden uns im Jahr 1963 in Lincoln (Massachusetts), der 80-jährige Bauhaus-Gründer wird für ein Porträt in der Zeitschrift „Vanity Fair“ befragt. Der Schlagabtausch zwischen der Journalistin (Trine Dyrholm) und dem Architekten (August Diehl) bildet die Rahmenhandlung der Serie „Die Neue Zeit“.

Tatsächlich – so viele bis heute bekannte Namen werden eng mit dem Bauhaus verbunden: zunächst dessen langjähriger Leiter Walter Gropius und die anderen „Meister“ wie Johannes Itten, Lyonel Feininger, Gertrud Grunow, Paul Klee, László Moholy-Nagy oder Oskar Schlemmer. Und dann die Generation, die ihr Handwerk am Bauhaus lernte und es damit zu Ruhm und Ehre brachte: Marcel Breuer, Gunta Stölzl, Anni Albers, Josef Albers, Georg Muche, Marianne Brandt.

Die Bauhaus-Schülerin Dörte Helm aber kannte bislang kaum jemand in Deutschland – bis das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf die Rebellin aus dem Großbürgertum stieß, die bis 1924 an der berühmten Kunstschule studierte. Und sie gleich zweimal in Produktionen des Bauhaus-Jubiläumsjahres 2019 (vor 100 Jahren wurde die staatliche Kunstakademie in Weimar gegründet) auftreten ließ. Einmal als Nebenfigur in der Ufa-Produktion „Lotte am Bauhaus“ (ARD/MDR/SWR), die im Februar dieses Jahres zu sehen war (vgl. MK-Kritik). Und nun als zentrale Protagonistin in der sechsteiligen, in 45-Minuten-Folgen angelegten Serie „Die Neue Zeit“, die am 5. und 12. September in zwei Tranchen à drei Folgen bei Arte ausgestrahlt wurde und wenige Tage danach im ZDF in Form von drei Doppelfolgen.

Wobei sich beide Produktionen nicht nur aufs historisch Verbürgte stützten: Sowohl im ARD-Film wie auch in der Arte/ZDF-Serie wird Dörte Helm als in Liebesaffären verstrickt dargestellt – belegt ist davon nichts. In der jetzigen Serie geht sie, gespielt von Anna Maria Mühe, gar eine Fast-Verlobung mit Walter Gropius ein. Doch klugerweise spielt „Die Neue Zeit“ mit den verschiedenen ‘Wahrheiten’, zeigt die Liebesbeziehung zwischen den beiden als das, was sie ist: Spekulation. Da gibt es die Version, die der gealterte Gropius der Journalistin erzählt: Zwischen ihm und Dörte sei nie etwas gewesen, Ehrenwort! Und die – ganz andere – Version, an die er sich erinnert, über die er aber schweigt. Dieses Changieren zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Überlieferung und Fabulieren zu inszenieren, gelingt Regisseur und Koautor Lars Kraume wirklich meisterhaft. Dass manche Zuschauer die Affäre zwischen den beiden womöglich dennoch für bare Münze, also: als sicher überliefert nehmen werden, ändert nichts daran.

Zwar bildet die erotisch-geistige Anziehungskraft zwischen der rebellischen Studentin und dem teils überraschend konservativen Bauhaus-Gründer vor allem in der zweiten Hälfte der Serie die zunehmend präsentere Grundierung für Handlung und Setting – wobei übrigens speziell diese subtile Spannung hervorragend geschrieben, in Szene gesetzt und gespielt ist; doch wäre es ein Unding, die Produktion (Zero One Film) auf diese Liebesgeschichte zu reduzieren.

Es geht hier vielmehr darum, die bis heute stilprägende Kunstschule aus weiblicher Sicht zu erzählen, das Bauhaus als Setting für einen emanzipatorischen Befreiungsschlag zu nutzen. Dafür eignet sich die Figur der Dörte Helm ganz hervorragend. Sie war die Tochter eines Rostocker Philologen, die zunächst brave Märchenbücher zu illustrieren plante, dann jedoch im Lauf ihrer Ausbildung am neu gegründeten Weimarer Bauhaus zunehmend andere Formen von Kunst und Ausdruck kennenlernte. (Die künstlerische Fortentwicklung von Dörte Helm ist sehr schön auf der von ihren Nachkommen eingerichteten Internetseite doerte-helm.de nachzuverfolgen.)

Zugleich aber kämpft Dörte dagegen an, dass die von Gropius zunächst postulierte Gleichberechtigung der Frauen auf Druck der konservativen Öffentlichkeit zunehmend bröckelt. Irgendwann dürfen die Frauen am Bauhaus nur noch in der Weberei, auf dem Feld und in der Küche arbeiten. Die Drehbuchautorinnen Judith Angerbauer und Lena Kiessler und Koautor Lars Kraume zeichnen Dörte Helm als anfangs zurückhaltende, sich angesichts der Geschehnisse aber zunehmend radikalisierende Schülerin. Als wichtiger Schlüsselmoment in ihrem Leben wird ihre Auseinandersetzung mit dem schwierigen, cholerischen, aber auch charismatischen und klugen Lehrer Johannes Itten gezeigt. Eine Zeitlang folgt sie ihm dabei auch in den zarathustrisch-christlich-hinduistischen Mazdaznan-Kult, für den Itten am Bauhaus nachgewiesenermaßen zahlreiche Anhänger warb.

Ein weiterer Wendepunkt in Dörtes Leben ist die Niederschlagung des reaktionären Kapp-Putsches im März 1920, bei dem sie auf Seite der Kommunisten die blutigen Unruhen fotografiert und aufrührerische Plakate druckt. Dörte wird als Mensch gezeichnet, der Ungerechtigkeit nicht ertragen kann. Und so findet sie ihr eigentliches Thema, die Gleichberechtigung der Geschlechter, als am Bauhaus der Backlash eintritt und sich die Türen für die Frauen zunehmend schließen.

Anna Maria Mühe spielt die spannend entworfene Figur herausragend, leidenschaftlich, nuanciert und mit großer Spielfreude. Sie und der brillante August Diehl als junger wie alter Walter Gropius bilden ein tolles Paar, das sich permanent gegenseitig herausfordert, aneinander reibt, sich anzieht und abstößt und wieder anzieht – die Chemie zwischen den beiden funktioniert scheinbar mühelos. Das liegt zum einen an den schauspielerischen Glanzleistungen (die es hier übrigens in sämtlichen, durchwegs toll besetzten Rollen zu bewundern gibt) und zum anderen auch am ausgezeichneten Drehbuch des Trios Angerbauer/Kiessler/Kraume. Sie haben runde, lebendige, interessante Figuren ersonnen, aber auch tolle Dialoge, die ihren Inhalt, häufig Diskussionen über die Bedeutung, Funktion oder Intention von Kunst, niemals didaktisch, sondern erstaunlich lebensnah und spannend transportieren.

Und Regisseur Lars Kraume hat all dies so in Szene gesetzt, dass auch bei ihm – wie in der zentralen Idee von Walter Gropius – stets der Mensch im Mittelpunkt steht. Die Freiheit, die Offenheit, der Wille, alles neu zu erfinden, aufzubrechen zu neuen Ufern, gerade nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs – all dies strahlen die Figuren der Serie in atemberaubender und mitreißender Weise aus. Inszenatorisch gelungen erscheint zudem der Einsatz von sozusagen ‘gefaketen’ historischen Aufnahmen, also von nur scheinbar altem Film- und Fotomaterial, in dem dann aber eben die Darsteller in ihren Rollen zu sehen sind – ein Element, das das gekonnt entfesselte Spiel um Fakten und Fiktionen gelungen erweitert.

05.10.2019 – Katharina Zeckau/MK