Juan Moreno/Annette Ramelsberger/Johanna Behre/Christian Twente: Uli Hoeneß – Der Patriarch. Doku-Drama (ZDF)

Freund und Feind

28.08.2015 •

So gibt es nun also innerhalb von 13 Tagen zwei Filme zum Fall Uli Hoeneß. Den Anfang machte am 27. August das ZDF mit „Der Patriarch“ und am 8. September (Dienstag) folgt bei Sat 1 „Die Udo Honig Story“. Spannender wäre die duale Arbeitsteilung gewesen, wenn das ZDF die Komödie gewagt und Sat 1 das Doku-Drama über den Fall angepackt hätte; nun ist es umgekehrt gekommen und somit hat die mediale Aufbereitung etwas Vorhersehbares.

Es überrascht auch nicht, dass Thomas Thieme den „Patriarchen“ Hoeneß ordentlich meistert, wenn auch letztlich wohl die Wesens- und Charaktersuche des Schauspielers scheitern muss. Im Zentrum des ZDF-Dramas stehen die vier Prozesstage im März 2014, als der Steuerfall Hoeneß transparent gemacht wurde, ohne dass die Öffentlichkeit oder das Gericht letztlich den Eindruck hatten, jetzt sei alles ans Licht, alles herausgekommen. Zweifel blieben. Und vielleicht akzeptierte der gefallene Fußballmanager des deutschen Renommierklubs FC Bayern München auch deshalb das Urteil so schnell und verzichtete auf eine Revision. Festgestellt wurde, dass der „Zocker“ Hoeneß zwischen 2003 und 2009 Steuern in Höhe von 28,5 Mio Euro hinterzogen hatte. Am 14. März 2014 wurde Uli Hoeneß zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt, am 2. Juni 2014 trat der Verurteilte die Haft an.

Ausgehend von der Plattform des Gerichtsprozesses – der auch ein Medienspektakel war (vgl. hierzu FK 12/14) –  blättert das Doku-Drama die Biografie des Mannes auf, der seit jeher polarisierte und Fußballanhänger und Menschen (zwei grundsätzlich verschiedene Entitäten) in Freund und Feind spaltete. Eine vierzehnseitige persönliche Erklärung, die Hoeneß am ersten Prozesstag verliest, dient dabei als dramaturgisches Vehikel, um zurückzuschauen. Alte Archivaufnahmen werden mit rekonstruierten Spielszenen und Interview-O-Tönen gemischt, der junge Hoeneß wird als cleverer Aufsteiger charakterisiert, der es besser als die Eltern machen will. Wenn man schon schuften muss, dann soll wenigstens ordentlich was dabei herausspringen, sagt er sich.

Das geht alles flüssig über die Bühne, eins greift ins andere, ein biografischer Fluss entsteht. Dabei faszinieren vor allem Dokumentaraufnahmen, offenbar bislang unveröffentlicht, die den jungen Star im privaten Kreis zeigen. Die erste halbe Stunde hat Schwung, was aber auch daran liegt, dass man sich dieser Karriere im Sturmschritt kaum entziehen kann und das Archivmaterial jeden Fußballinteressierten enthusiasmiert.

Ins Stocken gerät diese zunächst überzeugende Annäherung, wenn die Spielszenen versuchen, den jungen angehenden Manager Hoeneß auszuleuchten. Hier scheitert nicht allein Robert Stadlober an der Figur, auch Buch und Regie bekommen diesen Teil nicht in den Griff. Uli Hoeneß war als Spieler ein Raubtier (auch als Manager), Stadlober wirkt jedoch eher wie ein verpeilter Schluffi, ohne Körperspannung. Nahezu unfreiwillig komisch, jedenfalls sehr statisch wirken einige Passagen, die im Mannschaftsbus des FC Bayern spielen, oder Szenen, die zeigen sollen, wie Hoeneß durch den legendären Bayern-Manager Robert Schwan geprägt wurde. Hier ist die Wirklichkeit durch Spielerstars wie Lothar Matthäus oder Oliver Kahn so übermächtig, dass die Inszenierung ihrer Images nahezu wie Satire wirkt.

Eindeutig zu viel des Guten ist die Fülle der Interviewpartner (Masse statt Klasse); die wenigsten haben Überraschendes oder Griffiges beizutragen. Theo Zwanziger teilt mit, Egidius Braun (beide waren einmal DFB-Präsident) habe ihm einmal gesagt, der Hoeneß sei nicht nur ein fantastischer Fußballer, der habe auch ein „erotisches Verhältnis zum Geld“. Ein Psychologe analysiert Hoeneß als „fanatischen Schicksalsdompteur und als mitleidsfähigen Mitmenschen“ und Münchens früherer Oberbürgermeister Christian Ude spricht von „Gier“. Die Auftritte der Journalisten Philipp Köster, Georg Mascolo, Werner Hansch und Waldemar Hartmann sind kaum dienlich, was ebenso gilt für das Mitwirken von Reiner Calmund (Ex-Manager von Bayer Leverkusen), Stefan Ziffzer (Sportfunktionär, früher Kirch-Gruppe) oder Herbert Hainer (Adidas-Manager und Mitglied im Aufsichtsrat des FC Bayern). Die Liste der ‘Überflüssigen’ ist viel zu lang. Entweder sagen die O-Ton-Geber Belangloses oder Bekanntes oder sie sprechen vor allem über sich selbst, wie etwa Willi Lemke, früherer Manager von Werder Bremen. Stimmen aus dem innersten Zirkel, der Familie oder dem Verein fehlen. Informativ und analytisch ist hingegen Annette Ramelsberger als Interviewpartnerin. Sie ist auch Koautorin des Films, das Drehbuch schrieben sie und Juan Moreno, Autor einer Hoeneß-Biografie („Alles auf Rot“), unter Mitarbeit von Johanna Behre. Ramelsberger war als Gerichtsreporterin für die „Süddeutsche Zeitung“ Beobachterin des Hoeneß-Prozesses und schildert im Film sachkundig und detailreich ihre Eindrücke.

So entsteht ein zwiespältiger Eindruck: Einerseits langweilt dieser ZDF-Film kaum, ja, er unterhält; andererseits hat man beständig das Gefühl, es fehle etwas, es gehe nicht tief genug, das Bekannte werde solide, aber nicht pointiert interpretiert. Seltsam reizvoll ist das spitz geschriene „Scheiße“ von Thomas Thieme, als er darstellt, wie Hoeneß festgenommen wird. Hier verliert einer die Kontrolle, die Beherrschung, es platzt etwas. Doch der Prozess-Thieme-Hoeneß ist wieder temperiert kontrolliert, ein Mann unter Druck, auch ein bereits Geschlagener, aber die ramponierte Majestät fehlt, das Grandiositäts-Gen, das Hoeneß stets ausgemacht hat, die Überzeugung, eine immune, souveräne Macht zu sein, die ein eigenes Recht kreiert: Mein Staat bin ich. Hier kommt Thieme an den realen Hoeneß nicht heran und der Film (Regie: Christian Twente, Produktion: AVE) zerfällt letztlich in die mediale Rekonstruktion eines Stars und in das durchaus ansehnlich inszenierte Gerichtssaaldrama, in dem Peter Kremer als Staatsanwalt Achim von Engel und Uwe Preuss als Richter Rupert Heindl gute Figuren machen; auch Lisa Kreuzer als nahezu wortlose Ehefrau Susanne Hoeneß bietet eine überzeugende Präsenz und spielt feinnervig inneres Leiden.

Dieser Dualismus macht auch dem Protagonisten Thieme zu schaffen, denn wie soll er gegen das authentische Raubtier Hoeneß anspielen? Die Wucht der realen Bilder killt die inszenierten Szenen, die raumphysische Dynamik des Uli Hoeneß zermalmt den virtuosen  Minimalismus des Schauspielers. Dieser Mann, Ulrich Hoeneß, muss dem Schauspieler noch fremder geblieben sein als Helmut Kohl, den Thieme auch porträtierte (im ZDF-Film „Der Mann aus der Pfalz“; vgl. FK 44/09). Dabei haben der Politiker und der Manager manches gemeinsam: ein manichäisches Weltbild, ein egozentrisches Majestätsbewusstsein, eine selektive Empathie, eine mitunter hysterische Gefühlsseligkeit, Fressgier, cholerische Dünnhäutigkeit und eine patriarchalische Geisteshaltung.

Es fehlte in diesem Doku-Drama (3,24 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,6 Prozent) letztlich auch die familiäre Analyse des Patriarchen Hoeneß und seines Vereins, des FC Bayern München. Was gaben und nahmen sie sich? War das auch ein erotisches Verhältnis? Auch das Verhältnis zu den Medien, gerade dem ZDF, das für manche Bayern-Events ein großzügiger Partner war, blieb unterbelichtet. Und warum wurde der Spieler Hoeneß zum „Zocker“, der lieber auf seinen Pager als aufs Spielfeld starrte? Das Drama nimmt seinen Lauf. Und es wird weitergehen. Viele Erkundungsversuche wird es noch geben.

28.08.2015 – Torsten Körner/MK