John David Seidler: Die Weltmeisterinnen – Als Bergisch Gladbach Geschichte schrieb (WDR Fernsehen)

12.06.2019 •

Kurz bevor die gerade laufende Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Frankreich eröffnet wurde und damit ein wochenlanges Programm aus Live-Übertragungen bei ARD und ZDF begann, strahlte das Dritte Programm WDR Fernsehen am 5. Juni am späten Abend einen Dokumentarfilm aus, der an die Vorgeschichte dieser Großveranstaltung erinnerte. „Die Weltmeisterinnen“ erinnerte aber nicht an jenes Team, das 2003 erstmalig den WM-Titel nach Deutschland holte oder das ihn vier Jahre später verteidigte. Es ging vielmehr um ein Ereignis, das im Oktober 1981 stattfand, „als Bergisch Gladbach Geschichte schrieb“, wie der Untertitel des Films es annoncierte. Zu diesem Zeitpunkt war die Tatsache, dass Frauen Fußball spielen, immer noch nicht im Bewusstsein der ausschließlich männlichen Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) angekommen. 1955 hatte der Verband sogar ausdrücklich verboten, dass Frauen diesen Sport ausübten. Das Verbot hob der DFB erst 1970 auf, als er befürchtete, dass sich die Frauenmannschaften selbständig machten. Eine Nationalmannschaft ließ er aber weiterhin nicht zu, der Frauenfußball sollte weiter marginal gehalten werden.

Der Film von John David Seidler findet für den frauenfeindlichen Hintergrund dieser Abwehrpolitik vor allem Belege in den Massenmedien. Wie die Meistermannschaft der SSG 09 Bergisch Gladbach noch in den 1980er Jahren von Moderatoren des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf männerwitzelnde Weise befragt wird, dies aufzuzeigen, zählt zu den stärksten Momenten des 45-minütigen Films. Im Zentrum steht allerdings eine andere Geschichte. 1980 erreichte den DFB die Einladung zu einem Turnier für Frauen-Nationalmannschaften, das zum zweiten Mal in Taiwan stattfand. Dieses Turnier („Women’s World Invitation Tournament“) gehört zu den Vorläufern der Frauenfußball-Weltmeisterschaft, die dann 1991 zum ersten Mal offiziell stattfand. Da der DFB 1981 über kein Nationalteam verfügte, sandte der Verband die Einladung einfach an die amtierende deutsche Meistermannschaft aus Bergisch Gladbach weiter. Eine Übernahme der Reisekosten war damit allerdings nicht verbunden. Also mussten sich der Verein und seine Spielerinnen aus der Stadt vor den Toren Kölns selbst auf die Suche nach Sponsoren und Unterstützern machen, um den Trip nach Taiwan auch antreten zu können.

In Interviews mit mehreren damaligen Spielerinnen und ihrer Trainerin Anne Trabant-Haarbach rekonstruiert der Film, wie den Frauen die Finanzierung neben Beruf, Studium und Schule sowie dem Training gelang, wie sie sich in Taiwan unter schweren Bedingungen schlugen und dabei neun Spiele in elf Tagen absolvierten, wie sie am Ende im Stadion von Taipeh das entscheidende Spiel gegen die Niederlande gewannen und als Vereinsmannschaft Weltmeisterinnen wurden, inoffiziell. Da es anscheinend keine Fernsehbilder von dem Turnier gab oder keine aufzutreiben waren, mussten Amateuraufnahmen an ihre Stelle treten, die noch nicht einmal eine Ahnung von der Spielqualität ermöglichten. Dieses Defizit versuchte der Autor durch jede Menge attraktiver Filmbilder aus der Gegenwart zu ersetzen. So sah man Taiwan wie auch die Orte, an denen die Spielerinnen und die Trainerin heute wohnen, in exquisiten Drohnenaufnahmen. Mit dem Thema des Films hatten die Ersatzbilder jedoch nicht wirklich etwas zu tun.

Ein weiterer Nachteil des Films bestand darin, dass man den selbstbewussten Spielerinnen kaum nahekam, und das ist schade, weil sich fast alle in den Interviews als schlagfertige Gesprächspartnerinnen entpuppten. Aber mehr als das, was sie zur Sachgeschichte ihrer Reise nach Taiwan beitragen konnten, wurde man leider nicht gewahr. Nur von zwei Spielerinnen erfuhr man, dass sie heute (in ihrer Freizeit?) junge Fußballerinnen trainieren. Merkwürdig auch, dass der Kommentar sich an vielen Stellen zurückhielt, die Kritik am DFB und seinen Funktionären relativierte oder durch dessen ehemaligen Präsidenten Theo Zwanziger als Ausdruck eines allgemein rückschrittlichen Bewusstseins entschuldigte.

Manche Schwäche dieser Produktion der Firma Corso Film mag noch in der geplanten zweiten und deutlich längeren Fassung ausgebügelt werden, die fürs Kino und eine DVD-Veröffentlichung gedacht ist. Das Problem der fehlenden Bilder vom Turnier in Taiwan wird auch diese Fassung nicht beheben können. Als Nebengeschichte zum Start der Frauenfußball-WM 2019 hatte der Film eine gewisse Bedeutung. Die Schlussworte des Off-Kommentars weisen auf die historische Relevanz des Turniererfolgs hin: „Der Titel in Taipeh hat den Weg freigemacht für eine deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft. Ein Jahr nach Taiwan fand das erste offizielle Länderspiel statt. Mit dabei: acht Spielerinnen der SSG 09 Bergisch Gladbach.“

12.06.2019 – Dietrich Leder/MK