Johannes Rotter/Jo Baier/Christoph Mathieu/Ben von Rönne/Dror Zahavi: Ein Hauch von Amerika. 6‑teilige Serie (ARD/SWR/WDR/NDR)

Rassismus im historischen Gewand

18.12.2021 •

Die „sechsteilige historische Event-Serie“, so nennt die ARD-Eigenwerbung die Produktion „Ein Hauch von Amerika“, spielt wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in dem fiktiven Ort Kaltenstein, gelegen in der pfälzischen Provinz. Hier beginnen die Amerikaner eine große Militärbasis zu errichten. Die Assoziation zu dem realen Ort Ramstein in Rheinland-Pfalz, dem dort noch heute existierenden Hauptquartier der US Air Force in Euro­pa, das tatsächlich im April 1951 eröffnet wurde, ist naheliegend. Für die Fernsehserie, bei der Dror Zahavi Regie führte (Produktion: FFP New Media), wurde allerdings auch in dem am südlichen Rand des Hunsrücks gelegenen Ort Idar-Oberstein wie zum Teil unter anderem in der Eifel gedreht.

Gleich die ersten Szenen von „Ein Hauch von Amerika“ nehmen das Serienende vorweg: Die junge Marie Kastner (Elisa Schlott) verlässt den Ort: „Ich muss fort aus Kaltenstein“, erklärt sie ihrer Freundin Erika in einem Abschiedsbrief. Das sei für sie kein Ort mehr zum Leben und zum Lieben. Danach beginnt die eigentliche Serienhandlung mit der eingeblendeten Textzeile „Ein Jahr zuvor“. Es ist das Jahr 1951.

Damit ist nicht nur der Schluss der Serie vorweggenommen, sondern auch die zeitliche Dauer der Spielhandlung fest umrissen, in der zentral von der Bauernfamilie Kastner und der Bürgermeisterfamilie Strumm erzählt wird. Dabei stehen die Bauerntochter Marie Kastner und die mit Marie befreundete Bürgermeistertochter Erika Strumm (Franziska Brandmeier) im Vordergrund, die sich beide im Lauf des Seriengeschehens – auf jeweils sehr unterschiedliche Weise – von ihren traditionellen Rollenzuweisungen emanzipieren werden. Mit im Zentrum steht ab Folge 3 auch Maries Verlobter und Erikas Bruder Siegfried (Jonas Nay), genannt Siggi, der spät und traumatisiert aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückkehrt.

Ein Jahr ist eine kurze Dauer für eine Event-Serie von insgesamt viereinhalb Stunden Sendezeit, der historische Anlass für ihren Handlungsbeginn aber ein wichtiger: die Stationierung von amerikanischem Militär in der pfälzischen Provinz, sechs Jahre nach Kriegsende, zu einem Zeitpunkt zunehmender politischen Spannungen zwischen Ost und West, die in die Geschichtsbücher als Kalter Krieg eingehen werden.

Politisch gesehen verkörpert diese 70 Jahre alte Vergangenheit eine spannende Zeit: zwischen den Nachwirkungen des Krieges und der Nazi-Zeit sowie der beginnenden Blockbildung in Europa. Was sich davon jedoch in den geschilderten Lebensschicksalen mit ihren Beziehungskrisen widerspiegelt, ist eher marginal. Was der Serie hingegen wichtiger zu sein scheint, sind die wirtschaftlichen und sozialen Folgen für die Region. Denn mit der Errichtung des militärischen Standorts einher geht die Enteignung von Land, aber auch ein ökonomischer Aufschwung mit zahlreichen neuen Arbeitsplätzen.

So profitiert Bürgermeister Strumm, der auch Bauunternehmer ist, vom durch die Amerikaner ausgelösten Bauboom. Die arme Bauernfamilie Kastner verliert zwar einen Teil ihres Ackerlandes, weil das US-Militär den Boden braucht, für Vater Kastner (Aljoscha Stadelmann) und Tochter Marie gibt es aber ebenfalls Arbeitsmöglichkeiten bei den Amerikanern. Das Aufeinanderprallen zweier Kulturen kommt auch in der Sprache zum Ausdruck, in den Mühen der Deutschen im Umgang mit der englischen Sprache, die immer, auch von den hier auftretenden Amerikanern, sehr klar und langsam gesprochen wird, dazu mit Untertiteln versehen.

So wird gezeigt, wie unter Einfluss der Amerikaner in der von Armut und sozial-kultureller Rückständigkeit geprägten pfälzischen Region eine Modernisierung der Lebenswelt stattfindet, die dann aber auch zu zahlreichen sozialen Konflikten führt. Verkörpert wird die alte Zeit, der sich die ältere Generation immer noch verbunden fühlt, hier nicht etwa durch irgendeinen Alt-Nazi, sondern durch den katholischen Pfarrer (Piet Fuchs), der vor allem die jungen Mädchen des Dorfs angesichts der zahlreichen US- Soldaten einem Sittenverfall ausgesetzt sieht, dem er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Einhalt zu gebieten versucht.

Doch geraten auch diese eher regional verankerten Konflikte zunehmend ins erzählerische Abseits; sie werden oft viel zu beiläufig und holzschnittartig abgehandelt. Denn das Hauptthema der Serie ist letztlich ein anderes: Es geht um Rassismus. So wird allen Folgen voran eine Schrifttafel eingeblendet, auf der Folgendes zu lesen ist: „Diese historische Miniserie enthält rassistische Sprache und anderen Formen von Diskriminierung, welche die Lebenswirklichkeit zu Beginn der 1950er Jahre widerspiegeln und heute immer noch existieren.“

Im Zentrum des Seriengeschehens steht die Liebesbeziehung des Bauernmädchens Marie mit dem schwarzen GI George Washington (Reomy D. Mpeho). Rassistisch verhalten sich in diesem Zusammenhang allerdings nicht nur die Kaltensteiner, sondern vor allem auch die Angehörigen der dort stationierten amerikanischen Armee. Damit bleibt die Vergangenheit etwa in Gestalt nationalsozialistischer Rassenideologie in der Serie nur ein Randthema. Die Nazi-Vergangenheit wird vor allem durch die Person des Bürgermeisters Friedrich Strumm (Dietmar Bär) thematisiert, den der neue Wirt (Samuel Finzi) der früheren „Postschänke“ – die nun die „Hawaii Bar“ ist – als ehemaligen Ortsgruppenführer entlarvt, der einst den jüdischen Onkel des heutigen Wirts aus dem Ort und damit in den Tod getrieben hat. Das wird zwar den Bürgermeister, der sich zunächst bestens mit dem amerikanischen Colonel McCoy (Philippe Brenninkmeyer) versteht, am Ende sein Amt kosten, wirkt aber dennoch im gesamten Seriengeschehen eher wie eine Nebengeschichte.

Von Folge zu Folge zunehmend treten hingegen Marie und George und ihre Liebesbeziehung in den Vordergrund: Beide werden im Lauf der Handlung zu leidensfähigen und tapferen Helden erhöht und stellen damit alle anderen in ihren Schatten. Das tut denn auch den Figurenzeichnungen der anderen Personen nicht gut, die an den Rand gedrängt oft wie Stereotype daherkommen. Maries Freundin Erika beispielsweise verwandelt sich im Verlauf der Serie recht klischeehaft in ein anderen Unglück bringendes ‘Miststück’ und wird auf diese Weise zur auch moralisch minderwertigen Gegenspielerin von Marie. Vergleichbares geschieht mit Siggi, dem traumatisierten Kriegsheimkehrer, der sich letztlich als liebesunfähig erweist und sich stattdessen zum knallharten Geschäftsmann zu entwickeln scheint.

Obgleich alle diese Rollen mit hervorragenden Schauspielern besetzt sind, werden die von ihnen verkörperten Figuren angesichts der sich aufbauenden Gloriole um Marie immer mehr an den Rand gedrängt. Besonders bedauernswert ist das bei der Geschichte um Amy McCoy (Julia Koschitz), der Gattin des Colonels. Es wird nur angedeutet, aber nicht auserzählt, dass sie ursprünglich aus Berlin stammt, 1933 vor den Nazis fliehen musste und offensichtlich noch verwandtschaftliche – mit Blick auf den Ost/West-Konflikt politisch bedenkliche – Kontakte nach Ost-Berlin hat.

Allein die Tatsache, dass als Drehbuchautoren der Serie vier Namen genannt werden (Johannes Rotter, Jo Baier, Christoph Mathieu, Ben von Rönne), lässt ahnen, dass es hier möglicherweise zu mehreren Überarbeitungen des Stoffs gekommen ist. So wird in dem kurz vor der Ausstrahlung der Fernsehserie im Heyne-Verlag erschienenen gleichnamigen Roman von Petra Grill diese Lebensgeschichte von Amy ausführlich in Rückblenden auf das Jahr 1933 erzählt, was nicht nur ihre Rolle im Seriengeschehen erheblich aufwertet, sondern auch dem Stoff eine viel tiefere historische Fundierung gibt. Dem Roman, der „auf der gleichnamigen TV-Serie von FFP New Media basiert“, wie es dort heißt, hat also vermutlich eine ältere Drehbuchfassung zugrunde gelegen. In der jetzt ausgestrahlten Serie wird allein Amys besondere Beziehung zu Marie betont, der sie hilft, sich aus ihren familiären Zwängen zu befreien.

Das Serien-Happy-End besteht in der Abreise des Liebespaares Marie und George mit dem Zug, ohne dass für die beiden, die glücklich zueinander gefunden haben, eine weitere Perspektive für ihr zukünftiges Leben sichtbar wird. Der Sechsteiler „Ein Hauch von Amerika“ ist trotz seiner sehr authentischen Rekonstruktion der historischen Schauplätze keine Serie, die in erster Linie Vergangenes und zeitgeschichtlich Relevantes ins Gedächtnis der Gegenwart bringen will, sondern die vielmehr umgekehrt ein aktuelles Gegenwartsthema, nämlich den Rassismus, im Gewand einer Liebesgeschichte in die Vergangenheit verlegt, möglicherweise um es dort unangefochtener behandeln zu können.

18.12.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Nach dem Zweiten Weltkrieg, es ist das Jahr 1951: In der pfälzischen Provinz zieht durch das US-Militär „ein Hauch von Amerika“ ein – mit nicht nur positiven Folgen

Foto: Screenshot


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