Johannes Betz/Jochen Alexander Freydank: Zero (ARD/WDR)

Zwischen Hirn und Handy

20.11.2021 •

Der neue Job, den Cynthia Bonsant (Heike Makatsch) beim boulevardesken Online-Magazin „Daily“ annimmt, ist gleich eine Herausforderung. Was hat es mit dem Drohnen-Anschlag auf sich, den die Netzaktivisten-Gruppe Zero, eine als Terrororganisation eingeschätzte Organisation, auf den marktbeherrschenden Internet-Konzern Freemee in Berlin verübte? Die profilierte Investigativ-Journalistin soll das herausfinden. Und zwar möglichst rasch. Bei ihren Recherchen stößt die Reporterin auf eine digitale Verschwörung. Freemee testet im Großversuch die neueste Version seiner sogenannten Act App, die Version 7.0. Sie soll die Welt und das Handeln des Menschen radikal verändern.

Jochen Alexander Freydank inszenierte den dystopischen Tech-Thriller „Zero“ nach Marc Elsbergs gleichnamigem Besteller-Roman aus dem Jahr 2014 (Drehbuch: Johannes Betz). Die Geschichte thematisiert das manipulative Potenzial, das durch die Verschmelzung der omnipräsenten sozialen Medien mit einer neuen Generation von Smartphones entsteht. Die Technik ermöglicht es, das Handy-Display mittels eines Gestells (Schläfenband) wie eine Datenbrille aufzusetzen. Mit dem Unterschied, dass das „Glas“ der Datenbrille nicht mehr physisch präsent ist. Es wurde ersetzt durch ein neuronal-digitales Interface zwischen Hirn und Handy.

Welche Möglichkeiten sich durch diese Technik, die es möglicherweise schon in wenigen Jahren wirklich geben wird, eröffnen, zeigt der Film in einigen seiner spannenden und auch witzigen Momente. Um ihren verstorbenen Ehemann von den Toten zurückzuholen, programmiert Cynthia den künstlich intelligenten Avatar ihres Smartphones so, dass ein physisch real anmutendes Konterfei ihres verblichenen Gatten sie fortan bei ihren Recherchen begleitet. Als sich ihre Tochter heimlich das virtuelle Headset der Mutter borgt, um dessen Möglichkeiten mit Freunden auszutesten, zeichnet sich ab, welche digitalen Abgründe sich durch die neue Act-App-Version öffnen. Durch den Kurzschluss zwischen dem geistigen Auge und der Benutzeroberfläche eines Netzwerks wird jeder entgegenkommende Passant auf der Straße per Gesichtserkennung augenblicklich gescannt. Worauf dessen komplette Biografie eingeblendet wird.

So ganz neu ist die visuelle Umsetzung dieses düsteren Szenarios totaler Überwachung nicht. Die Vision eines gläsernen Konsumenten, dessen digitaler Steckbrief wie eine virtuelle Comic-Sprechblase eingeblendet wird, war schon in manchen Dokumentationen über Amazon und andere Technologie-Unternehmen zu sehen. „Zero“, der Film, versucht hier aber noch einen Schritt weiterzugehen. So findet Cynthia heraus, dass der Freemee-Konzern – eine Art Kombination aus Facebook, Google und Apple – die große Gruppe der Nichtwähler in sozialen Brennpunkten politisch manipulieren will. Um das zu testen, wurden in Berlin in Neukölln und Gropiusstadt Luxushandys mit der Vorab-Version der neuen Act-App-Version massenweise gratis verteilt.

Ganz plausibel erscheint das nicht. Aber egal. Man möchte wissen, wie diese Manipulation überhaupt funktioniert. Ähnlich wie in sozialen Netzwerken, wo Sympathien sich in Likes ausdrücken, wird durch die sogenannte Act App derjenige mit „Smartpunkten“ belohnt, der sich vorbildlich verhält – und dank dieser digitalen Unterstützung auch den Ausweg aus einer sozial defizitären Situation schafft. Klingt eigentlich ganz überzeugend. Durch die Act App, so erklärt Carl Montik, der Chef von Freemee, könnten Regierungen überflüssig werden, „weil jeder aus eigenem Antrieb das Richtige tut“.

Mit seinem ausdruckslosen Gesicht und dem zynisch anmutenden Mund verkörpert Sabin Tambrea diesen Tech-Guru so überzeugend, als wäre er eine Künstliche Intelligenz. Allerdings ist die interessante ethische Thematik einer Gesellschaft, die die Freiheit des freien Willens unbemerkt mittels Algorithmen lenkt, in diesem Film nur vage zu erahnen. Im Gegensatz zur 2016 veröffentlichten Episode „Nosedive“ aus der Netflix-Serie „Black Mirror“, in der mit gruseliger Konsequenz vorgeführt wird, wie soziale Interaktionen zwischen Menschen sich darauf reduzieren, ein bestimmtes Level von Likes im Internet zu erreichen, zeichnet der ARD-Fernsehfilm die Auswirkungen dieser totalen Digitalisierung nur sehr schemenhaft. Wie eigentlich die besagte Act App ihre Benutzer so manipuliert, dass sie immer nur das (vermeintlich) Gute tun – das wird in diesem dialoglastigen Film eigentlich nur behauptet.

Aufgrund des unausgegorenen Drehbuchs von Johannes Betz („Die Spiegel Affäre“, ARD/Arte 2014) bleiben dabei auch die meisten der Charaktere ebenso statuarisch wie die Hauptfigur. Heike Makatsch spielt eine beruflich selbständige, souveräne Frau, die ihren Mann bis zu seinem Tod pflegte. Dass eine solche Frau, die eigentlich vom Leben gezeichnet sein müsste, sich mit ihrer 17-jährigen Teenager-Tochter Viola (Luise Emilie Tschersich) wie mit einer gleichaltrigen Freundin zankt, fühlt sich schon ziemlich schräg an. Ebenso wenig nachvollziehbar ist es, wenn diese Journalistin, die ja eigentlich in der Welt von Vernetzung und Digitalisierung zu Hause ist, ihrer Tochter vorwirft, sie würde sich „von einem Algorithmus vorschreiben lassen, wie du dich deiner Mutter gegenüber verhältst“. Die sich besorgt gebende Mutter nimmt man der blass bleibenden Heike Makatsch nicht so ganz ab.

Immerhin zeigt die Regie von Jochen Alexander Freydank – der 2009 mit seiner Produktion „Spielzeugland“ den Kurzfilm-Oscar gewann – einen gewissen Formwillen. In der kühlen Bildästhetik drückt sich Skepsis gegenüber der Technik aus. Der bis auf eine Monitorsäule fast leere Redaktionsraum des Online-Magazins „Daily“ ist atmosphärisch. Neugierig machen bereits die ersten Sekunden des Vorspanns, in dem das Thema von „Zero“ mit einer endlos erscheinenden Kaskade von kleinen Nullen angedeutet wird. Die Einblendung des Logos mit der Eins für das Erste wirkt in diesem Moment unfreiwillig komisch. Unter dem Strich ist „Zero“ (4,12 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,2 Prozent) ein thematisch durchaus interessanter Fernsehfilm, der aber hinter seinen Ambitionen deutlich zurückbleibt.

20.11.2021 – Manfred Riepe/MK

` `