Johanna Behre/Juan Moreno/Tim Klimeš: Der Bayern-Boss. Schlusspfiff für Uli Hoeneß. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/SWR)

An keiner Stelle etwas Neues

05.11.2019 •

Ein besseres Datum und eine bessere Sendezeit konnte dieser Dokumentation von Johanna Behre, Juan Moreno und Tim Klimeš nicht zuteilwerden: Der 45-minütige Film „Der Bayern-Boss. Schlusspfiff für Uli Hoeneß“ wurde am 4. November ausgestrahlt und damit genau einen Tag nachdem der im Film Porträtierte in seiner Eigenschaft als Präsident des Fußball-Bundesligisten Bayern München gemeinsam mit dessen Vorstandsvorsitzendem Karl-Heinz Rummenigge Trainer Niko Kovac nach zuletzt enttäuschenden Spielen entlassen hatte. Das wurde in der gemeinsamen Erklärung aller selbstverständlich als Trennung in beiderseitigem Einverständnis deklariert, wie man das in dieser Branche, die den Euphemismus liebt wie kaum eine andere, so gerne macht.

Die Terminkoinzidenz war reiner Zufall, mag aber das Interesse am Film gesteigert haben. Geplant war, dass er im Vorlauf jener Mitgliederversammlung des Vereins am 15. November gezeigt wird, auf der Uli Hoeneß sich nach langjähriger Tätigkeit als Spieler und Manager, als Vorstandsvorsitzender und schließlich als Präsident von seinem FC Bayern zurückziehen wird.

Doch die aktuellen Ereignisse um Trainer Kovac kamen zu spät, um noch im Film erwähnt zu werden. Und das ist schade, weil sich am Beispiel der Verpflichtung, der Unterstützung und schließlich der Trennung von Niko Kovac bestens jene Machtstruktur des FC Bayern erklären lässt, die Hoeneß einst errichtet hat und in der er so lange der entscheidende Faktor war. Er war es, der die Verpflichtung des von Eintracht Frankfurt kommenden Trainers vor anderthalb Jahren gegen Widerstände von Karl-Heinz Rummenigge durchsetzte, nachdem er zuvor zu lange gezaudert und gezögert hatte, so dass andere Kandidaten nicht mehr zu Verfügung standen. Während Rummenigge seitdem jede Gelegenheit nutzte, um Kovac zu kritisieren oder – schlimmer noch – zu ignorieren, gab Hoeneß, wie das zu seinem Rollenspiel dazu gehört, den seriösen Partner, auf den sich der Trainer verlassen könne. Um sich dann von ihm in der nächsten kleineren Krise sofort zu trennen. Auf Hoeneß ist Verlass, bis er einen verlässt.

Hinweise auf das ausdifferenzierte Rollenspiel, das Uli Hoeneß für die Öffentlichkeit im Lauf seiner Karriere ausgeklügelt hat, enthielt der Film zwar, allerdings spitzte er diese nicht zu. Stattdessen dominierte ein Patchwork aus durchaus divergierenden Aussagen von Freunden und Wegbegleitern wie Rummenigge, Oliver Kahn, Hans-Joachim Watzke (vom Bundesliga-Konkurrenten Borussia Dortmund) oder der Journalistin Jessica Libbertz, die seit vielen Jahren für den Pay-TV-Sender Sky arbeitet. Die klarsten Aussagen kamen im Film noch von Hoeneß selbst. So wies er darauf hin, dass viele seiner Medienauftritte, mit denen er für hohe Aufmerksamkeit sorgte, durchaus nicht spontan erfolgten, sondern von der Zielrichtung über die Wortwahl bis zu einer gewissen Eskalationsstufe von ihm vorgeplant gewesen seien.

Diese Aussage stammte aber nicht aus dem Interview, das extra für diesen um 20.15 Uhr (!) unter dem Rubrum „Die Story im Ersten“ ausgestrahlten Film geführt worden war, sondern aus dem Archiv, dessen sich das Autorentrio reichhaltig bediente. So waren mal wieder eine Reihe von Szenen aus dem Film „Profis – Ein Jahr mit Paul Breitner und Uli Hoeneß“ (1979) von Christian Weisenborn und Michael Wulfes zu sehen. Diese Langzeitbeobachtung hatte Hoeneß seinerzeit mit angestoßen, nicht zuletzt um sich in der Fußballbranche in der letzten Phase seiner Zeit als Spieler zu profilieren. Das erlaubte den beiden Regisseuren ungewöhnliche Einblicke in die Welt des Profi-Fußballs, wie sie auch später keiner mehr erlangte. Der Film von Weisenborn und Wulfes zeigte aber auch, dass Hoeneß, als er während der Saison vom Spieler zum Manager avanciert, sich sofort aus dem Projekt weitgehend zurückzieht; ihm war klar, dass die Öffentlichkeit, die er als Spieler hatte erreichen wollen, seine neue Tätigkeit hinter den Kulissen zu sehr einschränkte.

Das Interview, das nun für die vom SWR verantwortete Dokumentation mit Hoeneß geführt wurde, war absolut enttäuschend, auch wenn es zu Beginn mit pompösen Worten angekündigt wurde: „Für diesen Film bricht er sein Schweigen, erstmals seit seiner Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung. Hoeneß möchte sich erklären, seine Erfolge, seine Niederlagen, sein Leben.“ Tatsächlich sagte er in den Ausschnitten des Interviews, die im Film verwendet wurden, nichts, was man nicht schon unendliche Male gehört oder gelesen hatte. Er zündete die üblichen Nebelkerzen, mit denen er beispielsweise Franz Beckenbauer, seinen Freund und Vorgänger im Amt des FC-Bayern-Präsidenten, aus der Schusslinie der Kritik zu nehmen versuchte, als er erklärte, dass dieser vollkommen zu Unrecht in die Affäre um die Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland verwickelt sei. Er erklärte auch zu seinem Steuerprozess, an dessen Ende er zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden war, Altbekanntes, etwa dass er gegen das Urteil nur deshalb nicht Revision eingelegt habe, weil er seine Familie vor den Medien habe schützen wollen. Vermutlich war es aber so, dass durch das Akzeptieren des Urteils eine weitere juristische Klärung weitgehend unbekannter Tatumstände unterblieb (etwa zu der Frage, woher die hohen Geldsummen stammten, mit denen Hoeneß an der Börse spekuliert hatte).

Die von der Firma AVE Publishing produzierte Dokumentation bot an keiner Stelle etwas Neues, wenn man einmal von den Schwarzweiß-Bildern absieht, die Hoeneß in seiner Gymnasialzeit als Schulsprecher zeigten. Der Film (2,54 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,2 Prozent) legte sich auch von seiner Aussage her nicht fest, sondern unternahm eine schnelle Tour d’horizon durch Hoeneß’ Leben und reihte dabei diverse Eindrücke aneinander, so wie es am Ende im Kommentar fast hilflos hieß: „Moralprediger und Steuerhinterzieher, Topmanager und Kleinbürger, Großspender und Börsenzocker, CSU-Freund und AfD-Gegner – das alles ist Uli Hoeneß.“ Manche dieser Widersprüche ließen sich mühelos aufheben, doch dann müsste man sich stärker journalistisch positionieren.

05.11.2019 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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