Jörg Lühdorff: Verunsichert – Alles Gute für die Zukunft (ARD/WDR)

David gegen Goliath

02.10.2020 •

„Ihnen und Ihrer Familie alles Gute für die Zukunft.“ Mit diesen rätselhaften Worten, gesprochen in eine laufende Überwachungskamera, verabschiedet sich ein Mann mittleren Alters, der daraufhin in seinen Wagen steigt, um sich mit Autoabgasen das Leben zu nehmen. Diese Worte, so erfahren wir später, waren eine Botschaft. Der Selbstmörder zitierte einen zynischen Textbaustein. Verwendet wird er von der Aescuria-Versicherung. Sachbearbeiter und Juristen setzen diese Floskel jeweils ans Ende jener Briefe, mit denen sie ihren Versicherungsnehmern, die nach einem Unfall erwerbsunfähig wurden, mitteilen, dass sie wider Erwarten keinen Anspruch auf die dringend benötigte Auszahlung der Berufsunfähigkeitsversicherung haben. Für Betroffene ist dies eine Katastrophe, die nicht selten zu einem Suizid führt.

Das Drama „Verunsichert – Alles Gute für die Zukunft“ (der Film begann wegen eines ARD-„Brennpunkts“ zum Brand im Flüchtlingslager Moria 15 Minuten später als ursprünglich vorgesehen) gibt Einblicke in das Innenleben eines großen Versicherungskonzerns, der solche Katastrophen billigend in Kauf nimmt. Regisseur Jörg Lühdorff, der auch das Drehbuch verfasste, zeigt hier, wie die Mitarbeiter innerhalb einer Abteilung sogar einen sportlichen Wettkampf austragen: Wem es am häufigsten gelingt, die Auszahlung eigentlich fälliger Versicherungssummen mit juristischen Winkelzügen abzuschmettern, der hat gewonnen.

In der entsprechenden Abteilung der Aescuria-Versicherung in Köln arbeitet auch die Juristin Franziska Schlüter (Henny Reents). Ihr Boss Ulf Buschmann (Steve Windolf) stellt ihr eine lukrative Beförderung in Aussicht, denn sie ist in ihrer Abteilung die Beste. Menschliche Schicksale hinter den Akten, die sie tagtäglich bearbeitet, kann sie perfekt verdrängen. Das ändert sich, als die Witwe jenes Mannes, der nach ihrem Ablehnungsbescheid mit Autoabgasen Selbstmord verübte, in die Abteilung eindringt und einen Eklat provoziert. Die Konfrontation mit einem ähnlichen Fall direkt in der Nachbarschaft lässt die Gewissensbisse der Unternehmensjuristin immer größer werden.

Kurzerhand schmeißt Franziska ihren moralisch fragwürdigen Job und gründet eine eigene Anwaltskanzlei. Sie nutzt nun ihr Hintergrundwissen über die mannigfaltigen Tricksereien der Versicherungsbranche, um deren Opfern – von denen es, wie sich herausstellt, Zehntausende gibt – juristischen Beistand zu bieten. Diese Wandlung von der skrupellosen Rechtsverdreherin zur selbstlosen Heldin, die sich auch politisch engagiert und sogar in Fernsehauftritten gegen die Machenschaften der Versicherer wettert, ist allerdings etwas sehr flott inszeniert. Dank Henny Reents, der man in ihrer Rolle das Interesse für das Schicksal ihrer Mandanten durchaus abnimmt, wirkt diese Wendung jedoch einigermaßen nachvollziehbar.

Der Film (Produktion: Zeitsprung Pictures) lockert das bedrückende Thema mit einigen Akzenten auf. Komödiantische Glanzlichter setzt vor allem Martin Brambach als versoffener Anwalt Franz Sachtler, in dessen Kanzlei Franziska ihre Klienten zwischen Stoßzähnen und ausgestopften Bären empfängt – ein wunderbar komischer Hingucker. Etwas schleppend ist unterdessen die Dramaturgie, die sich brav und ohne Überraschungen an einer exemplarischen Geschichte orientiert. Die Mitglieder der Familie Strelau, deren Fall Franziska durch sämtliche Instanzen paukt, erscheinen in der Figurenzeichnung etwas holzschnittartig. Schattenhaft erscheint auch Franziskas Ehemann Jochen (Daniel Wiemer), der einen Bilderbuch-Softie verkörpert. Etwas konturlos bleibt auch die Schlüsselfigur des Abteilungsleiters Ulf Buschmann, der von Steve Windolf nicht wirklich zum Leben erweckt wird.

Obwohl in einigen Momenten die psychologische Tiefenschärfe und die Genauigkeit der Beobachtung fehlen, bleibt der Film spannend bis zum Schluss. Der Plot um die heimtückischen Machenschaften und abgekarteten Winkelzüge der Versicherer ist ungewöhnlich differenziert recherchiert. Die Geschichte lebt. Das ist kein Wunder, denn „Verunsichert – Alles Gute für die Zukunft“ (3,77 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,9 Prozent) basiert auf einer wahren Begebenheit, wie es im Vorspann heißt. Franziskas Figur ist angelehnt an die Lebensgeschichte der Bonner Anwältin Beatrix Hüller, die in einer Versicherung arbeitete, in der sie immer wieder mit weinenden und verzweifelten Menschen telefonieren musste, deren Ernährer berufsunfähig geworden war. Sie wechselte die Seiten und vertritt heute Mandanten, die von ihrer Versicherung aufs Kreuz gelegt wurden.

Beatrix Hüller hat in dem Film einen originellen kurzen Gastauftritt. In der Schlusspassage, als Franziska vor dem Oberlandesgericht durch das erlösende Urteil wie David gegen Goliath siegt, spielt Hüller die Richterin.

02.10.2020 – Manfred Riepe/MK

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