Jochen Breyer/Jürn Kruse: Der Prozess – Wie Dietmar Hopp zur Hassfigur der Ultras wurde (ZDF)

Differenzierte Darstellung

26.04.2021 •

Der 24. Spieltag der Saison 2019/20 in der Fußball-Bundesliga wirkt bis heute nach – allerdings nicht aus sportlichen Gründen, sondern aufgrund der Ereignisse, die sich an diesem 29. Februar 2020 bei der Partie zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem FC Bayern München abspielten, nachdem Münchner Ultras den Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp massiv beleidigt hatten. Die Spieler beider Mannschaften verließen zwischenzeitlich den Platz (beim Stand von 6:0 für die Bayern, was nachher auch das Endergebnis war), später dann gingen Hopp und der Münchner Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge gemeinsam in den Mittelkreis und applaudierten dort den Hoffenheimer Fans, die ihr Missfallen gegen die Beleidigungen zum Ausdruck brachten.

Kai Dittmann, der Reporter, der für den Pay-TV-Sender Sky bei der Live-Übertragung von dem Spiel berichtete, rief derweil zu Bildern der beiden applaudierenden Funktionäre ekstatisch ins Mikrofon: „Also, ich steh auf, klatsche mit, als Protest gemeinsam gegen Leute, die mit Gleichstellung, Demokratie, einem freien Leben nichts anfangen können, weil sie sagen: ‘Wir zeigen es den Leuten, die wir hassen’.“ Wen konnte Dittmann damit gemeint haben: Hatten sich in Sinsheim Anhänger des „Islamischen Staats“ in den Fanblock des FC Bayern gemischt?

Die ZDF-Dokumentation „Der Prozess – Wie Dietmar Hopp zur Hassfigur der Ultras wurde“, an einem Bundesliga-freien Samstag ausgestrahlt auf dem Sendeplatz des „Aktuellen Sportstudios“ und versehen mit dem neuen Label „Das aktuelle Sportstudio – Die Doku“, wirft nun einen anderen Blick auf die Vorgänge. Das Ergebnis der Recherchen: Die in einem demonstrativ friedlichen Schlussphasen-Ballgeschiebe beider Teams kulminierenden Reaktionen auf die massenhaften Schmähungen waren vorab schon durchinszeniert worden. Uli Hoeneß – der langjährige Potentat des FC Bayern, der mittlerweile nur noch einfaches Aufsichtsratsmitglied und Ehrenpräsident ist – hatte, wie er im Film sagt, zwei Tage vor dem Spiel bei einem Treffen mit Ultras des Vereins, zu dem er eingeladen worden war, von der geplanten großen Schmähaktion erfahren. Deshalb wussten die Verantwortlichen seines Vereins Bescheid. Auch der Gastgeber TSG Hoffenheim, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und der Schiedsrichter des Spiels waren eingeweiht. Sky-Reporter Dittmann hatte vor dem Spiel ebenfalls zumindest allgemeine Hinweise darauf, dass etwas gegen Hopp geplant sei, sagte er in der Doku. Im Nachhinein glaubt man zu merken, dass hier gar nichts spontan aussieht: Die Reaktionen der Spieler sowie von Hopp und Rummenigge wirken vielmehr routiniert und leicht mechanisch.

Vor der Ausstrahlung des ZDF-Films hatten Kritiker geargwöhnt, dass Jochen Breyer, einer der beiden Autoren – der andere ist Jürn Kruse, der Redaktionsleiter des Fachportals „Über­medien“ –, für so einen Film nicht zwingend prädestiniert sei. Das bezog sich unter anderem darauf, dass „Sportstudio“-Moderator Breyer Anfang 2020 den Neujahrsempfang der TSG Hoffenheim moderiert hatte. Als vom ZDF gut gebuchter freier TV-Journalist – siehe unter anderem das Format „Am Puls Deutschlands – Unterwegs mit Jochen Breyer“ (elf Folgen seit 2017) – hätte er das eigentlich nicht nötig gehabt. Rund drei Wochen vor der Ausstrahlung von „Der Prozess“ sagte Breyer gegenüber dem NDR-Medienmagazin „Zapp“ aber, er werde künftig keine Moderationsanfragen von Fußball-Bundesligisten mehr annehmen.

Der „Prozess“, den das Autorenduo beschreibt, ist eine Entwicklung, die im Jahr 2007 beginnt, als die TSG Hoffenheim in die 2. Liga aufsteigt. Der SAP-Gründer Hopp, der den Weg seines Vereins aus der Kreisliga A in den Profi-Fußball möglich gemacht hatte, wird fortan zu einer Symbolfigur für die Durchkapitalisierung des Fußballs und für Wettbewerbsverzerrungen mit nahezu unbegrenzten finanziellen Mitteln. Damit bringt er ganz besonders die Fan-Gruppen der sogenannten Ultras gegen sich auf. In dieser Rolle hatte Hopp, der am 26. April 81 Jahre alt wird, in der jüngeren Vergangenheit allerdings an Bedeutung verloren, weil der österreichische Konzern Red Bull – der mit RB Leipzig ein Profi-Fußball-Unternehmen unterhält, um Marketing für seine Getränkeprodukte zu betreiben – sich diesbezüglich als größeres Feindbild aufgedrängt hatte.

Seit Februar 2019 werden im Amtsgericht Sinsheim reihenweise Fans verurteilt, die Dietmar Hopp im Stadion der TSG Hoffenheim als „Hurensohn“ oder „Sohn einer Hure“ tituliert haben – was man ihnen nachweisen kann, weil der Verein des Multi-Milliardärs Hopp eigens für diesen Zweck auf den Auswärtsblock gerichtete Richtmikrofone im Stadion installiert hat. Das ZDF wollte einen genaueren Blick auf diese Vorrichtungen werfen, bekam, wie Jochen Breyer im Film sagt, aber keine Genehmigung der TSG, für diesen Film im Stadion zu drehen.

Der Beginn der Verfahrenswelle in Sinsheim markierte eine Zäsur, denn vorher war niemand strafrechtlich gegen Beleidigungen vorgegangen, wie sie in Fußballstadien gang und gäbe sind. Somit bekam die Aversion gegen Hopp neue Nahrung. Die Ereignisse vom 29. Februar 2020 haben aber noch eine weitere Vorgeschichte. Etwas mehr als eine Woche vor diesem Spiel hatte das DFB-Sportgericht aufgrund einer Intervention von Dietmar Hopp entschieden, dass wegen der wiederholten Schmähungen gegen den TSG-Mäzen die Fans von Borussia Dortmund für die kommenden drei Jahre bei Spielen ihrer Mannschaft in Hoffenheim ausgesperrt bleiben. Damit führte der DFB die mit rechtsstaatlichen Grundsätzen kaum vereinbare Kollektivstrafe wieder ein, die 2017 der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel für abgeschafft erklärt hatte.

Kollektivstrafen – ja oder nein? Aus den Meinungsunterschieden in dieser Frage resultiert ein ins Persönliche lappender Konflikt zwischen dem im April 2019 aus dem Amt geschiedenen Grindel (CDU-Mitglied) und dem bis heute als DFB-Vizepräsidenten amtierenden Rainer Koch (SPD-Mitglied). Während Koch in dem ZDF-Gespräch für den Film leicht diabolisch wirkt, inszeniert Grindel sich für die Kamera als volksnaher Typ. Das Interview mit ihm fand im Vereinsheim des Rotenburger SV statt, dem Heimatverein des früheren DFB-Präsidenten. In einer Szene kumpelt der in der Öffentlichkeit sonst spröde und steif wirkende Grindel den Wirt an. Wie viele Fans, die in dem Film zu Wort kommen, sieht der Ex-DFB-Präsident das Verhalten der Bayern-Fans in Hoffenheim als Reaktion auf die Wiedereinführung der Kollektivstrafe. „Sowas kommt von sowas“, sagt er.

Die Ultras empfinden diese Strafe als „Sippenhaft“, wie sie sagen. Das Urteil des DFB-Sportgerichts, so erläutert es der Film, „führt zu einer massiven Solidarisierungswelle in fast allen Kurven und gipfelt in der Aktion der Bayern-Fans in Sinsheim eine Woche später“. Den Grund dafür, dass das Spiel Hoffenheim gegen Bayern München dann geradezu demonstrativ unterbrochen wurde und dort große Empörung über die Aktion der Ultras von Vereinsfunktionären und DFB wie inszeniert zur Schau getragen wurde, wird im Film mit einer Frage angedeutet: „Sollte an diesem Tag in Sinsheim im Wissen, was passieren würde, ganz gezielt ein Zeichen gesetzt werden?“

Breyer und Kruse gelingt es, in ihrem 45-minütigen Film (1,59 Mio Zuschauer, Marktanteil: 10,3 Prozent) einen verästelten Konflikt differenziert zu beschreiben. Und ein Teil der Wahrheit dieses Konflikts ist es eben auch, dass Grenzüberschreitungen, so niveauarm sie auch sein mögen („Hurensohn“), den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie besser gerecht werden als ein ausgefeiltes Fan-Manifest. Der sehr gute Eindruck, den die Dokumentation hinterlässt (Produktion: Bewegte Zeiten GmbH), wird lediglich durch optische Dramatisierungs-Manierismen geschmälert – etwa, wenn man Jochen Breyer in Zeitlupe zu einem Treffen mit FC-Bayern-Ultras gehen sieht.

Für die denkwürdigste Interviewpassage im Film ist Bayern-Funktionär Uli Hoeneß verantwortlich: „Ihr macht euch das zu einfach. Ihr versucht immer, beide Seiten zu verstehen“, sagt er an einer Stelle gegenüber Breyer. Was Hoeneß sagt, ist – wenn man es wortwörtlich nimmt – ein Widerspruch, denn wenn man versucht, zwei Seiten zu „verstehen“, macht man es sich gerade nicht „zu einfach“. Seine Äußerung wirkt zwar leicht leutselig, dennoch gibt Hoeneß hier deutlich zu verstehen, in welcher Position er sich sieht – als jemand, der sich berufen fühlt, die Spielregeln des Sportjournalismus mitzubestimmen.

26.04.2021 – René Martens/MK

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