Jesper Bernt/Kasper Gaardsøe/Jannik Johansen: The Team II. 8‑teilige bzw. 4‑teilige Krimireihe (Arte/ZDF)

Entwicklungen und Wandlungen

07.11.2018 • Vermehrt zeigt sich im Bereich der Serienproduktion eine Praxis, die in den 1960er Jahren bereits das hiesige Kinogeschehen prägte: die länderübergreifende europäische Koproduktion. Absicht war, die nötigen Investitionen auf mehrere Partner zu verteilen und so Filme herzustellen, mit denen man der groß auftrumpfenden Hollywood-Konkurrenz noch halbwegs Paroli bieten konnte. Im Genrekino mochte das funktionieren, dem anspruchsvolleren Film aber kamen häufig die nationale Eigenart und die künstlerische Vision abhanden. In der Branche entstand der abwertende Begriff „Europudding“.

Das Fernsehen adaptierte das Prinzip, nicht nur in Deutschland. Man kennt es unter anderem von der zwischen 1988 und 1992 im ZDF ausgestrahlten Serie „Eurocops“. Sieben europäische Sender waren seinerzeit beteiligt, jeder schickte einen eigenen Ermittler ins Rennen – das „Tatort“-Muster der ARD, auf europäische Verhältnisse übertragen. Einen anderen Weg verfolgte wiederum das ZDF im Jahr 2015 mit der internationalen Koproduktion „The Team“ (vgl. MK-Kritik). Mit den Dänen Peter Thorsboe und Mai Brostrøm – beide haben einen Theaterhintergrund – waren zwei Autoren für das Skript verantwortlich und entwarfen eine konsekutiv über acht Episoden erzählte Krimihandlung um ein Joint Investigation Team (J.I.T.) der Polizeibehörde Europol. Seiner gewohnten Programmgestaltung folgend fasste das ZDF je zwei Episoden zu abendfüllenden, 110-minütigen Langfolgen zusammen und strahlte die Produktion auf dem Seriensendeplatz am Sonntag um 22.00 Uhr in vier Teilen aus.

In diesem Jahr knüpften das federführende ZDF und die beteiligten Partnersender Arte, ORF, VTM/Belgien, Danmarks Radio, NRK/Norwegen und SRF mit „The Team II“ (Produktion: Network Movie mit Lunanime, Nordisk Film und Superfilm) konzeptionell an den Vorgänger an. Nicht aber personell. „The Team II“ stellt eine neue Ermittlergruppe vor, die Drehbücher stammen jetzt von Jesper Bernt, Kari Vidø, Donna Sharpe und Andi Wecker. Unter der Leitung von Headwriter Jesper Bernt wurde eine konzisere Erzählweise gewählt, ohne dass die Serie an Gehalt und Komplexität verloren hätte. Von einem faden „Europudding“ kann in diesem Fall keine Rede sein. Regie bei „The Team II“ führten die Dänen Kasper Gaardsøe (der auch schon bei der ersten Staffel dabei war) und Jannik Johansen.

Ausgelöst werden die Ermittlungen in den neuen Folgen durch einen siebenfachen Mord in einer ländlichen Pension in den dänischen Marschen. Unter den Toten sind Deutsche, eine Informantin des belgischen Geheimdienstes und syrische Flüchtlinge. Anlass genug, ein Joint Investigation Team zusammenzustellen, besetzt mit der Dänin Nelly Winther (Marie Bach Hansen), der belgischen Geheimdienstmitarbeiterin Paula Liekens (Lynn Van Royen), dem Hamburger Hauptkommissar Gregor Weiss (Jürgen Vogel) und ihren jeweiligen Kolleginnen und Kollegen. Das Motiv für die Bluttat ist unklar. In Betracht kommen dänische Rechtsradikale ebenso wie Sendboten der islamistischen Terrororganisation Caliphate Union (CU), die in Syrien Angst und Schrecken verbreitet und sich durch den Verkauf von antiken Kunstschätzen finanziert. Hier tut sich bald eine weitere Spur auf: Die junge Syrerin Malu Barkiri (Sarah Perles) ist als einzige dem Massaker entkommen und sie führt Teile eines wertvollen goldenen Frieses mit sich, auf den es gleich mehrere Parteien abgesehen haben. Um die Beute zu erlangen, scheuen sie vor keinem Verbrechen zurück.

Mit einiger Finesse bauen die Autoren diverse Spannungsbögen auf. Da ist die klassische kriminalistische Ermittlung – Indizien werden gesammelt, Dokumente und Videoaufzeichnungen ausgewertet, Verdächtige observiert. Zudem wird sehr bald deutlich, dass die islamistische Terrorgruppe einen Anschlag plant. Aber wo? Packend auch Malu Barkiris Flucht vor dem ominösen Killer, dem es immer wieder gelingt, sie ausfindig zu machen. Gleichzeitig ist Malus Mutter (Fatima Adoum) auf der Suche nach ihrer Tochter, gegen massive Widerstände, da ihr unterwegs Geld und Handy abhandenkommen und sie als Illegale keine Hilfe bei den Behörden erbitten kann. Schließlich gibt es noch ein Wiener Galeristenehepaar (Nora Waldstätten und Manuel Rubey), das in den Handel mit Raubkunst verstrickt ist und einem potenten Käufer das syrische Fries „Garten von Ishtar“ versprochen hat. Als sich die Beschaffung verzögert, droht der Kunde mit Konsequenzen.

All diese Stränge sind überzeugend miteinander verknüpft. Gegenüber der ersten Staffel wird das Privatleben der Ermittler weniger weitschweifig ausgebreitet, ist aber hinlänglich präsent, um die Charaktere über das Stereotyp hinaus zu modellieren, ihr Wesen und Verhalten zu begründen. Die spröde Nelly Winther beispielsweise blickt auf mehrere Auslandseinsätze mit teils traumatischen Erfahrungen zurück. Die Belgierin Paula Liekens gibt sich die Schuld am Tod ihrer Informantin, der sie sich freundschaftlich verbunden fühlte.

Zur Wertigkeit dieser Staffel trägt bei, dass die Hauptfiguren im Lauf der Geschichte Entwicklungen durchmachen und Wandlungen durchlaufen. Eingebettet in die Kriminalhandlung finden sich wiederkehrende Motive wie das des von den Eltern vernachlässigten Kindes und die zutreffende Aussage, dass Westeuropäer in mancherlei Hinsicht von den Konflikten im Nahen Osten profitieren. Und den salafistischen Terror mehr oder minder direkt finanziell unterstützen.

Reizvoll für Serienfans ist an dieser Produktion, einige Schauspieler von einer ungewohnten Seite zu erleben. Die dänische Hauptdarstellerin Marie Bach Hansen beispielsweise war im Oktober noch auf Arte in der zweiten Staffel der dänischen Serie „Die Erbschaft“ als bodenständige, etwas verhuschte Idealistin zu sehen gewesen. In „The Team II“ ist sie kaum wiederzuerkennen: blondiert, sportlich, zielbewusst, zugleich mit verkapptem Seelenschmerz. Auch diese Sensibilität zählt zu den Vorzügen dieser Serie: Vor allem die mitwirkenden Schauspielerinnen arbeiten feinfühlig die dramatischen Brüche in den Biografien ihrer Figuren heraus, ohne auf die größtmögliche Wirkung zu schielen.

In Deutschland war die (teils leider spürbar nachlässig synchronisierte) Serie zunächst ab dem 18. Oktober in der ursprünglichen Produktionsabfolge von acht Episoden à 55 Minuten bei Arte zu sehen – an drei Donnerstagen, zweimal drei Folgen und einmal zwei Folgen en suite. Das ZDF begann mit der Ausstrahlung am 21. Oktober und zeigte erneut sonntags vier durchgängige Langfolgen. In der ZDF-Mediathek kann noch bis Mitte Januar 2019 auf die mehrsprachige Originalversion mit englischen Untertiteln zugegriffen werden.

07.11.2018 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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