Jens Niehuss: Nicht ohne mein Smartphone – Ein Leben für Likes. Reihe „Gott und die Welt“ (ARD/MDR)

Oberflächliche Momentaufnahmen

24.11.2017 • Die Situation dürfte so ziemlich jeder kennen, der altersmäßig nicht zu den ‘Digital Natives’ gehört. Man sitzt im Zug, schlägt gewohnheitsmäßig eine Zeitung (aus Papier!) auf und stellt fest, dass alle um einen herum mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Vermutlich würden diese Handy-Menschen einen auch wie einen aus der Zeit gefallenen Exoten anstarren – so sie einen denn wahrnähmen.

Vor diesem Hintergrund ist man als Outsider ja immer interessiert, wenn einem Dokumentationen oder Reportagen erhellende Einblicke in die Welt der sogenannten sozialen Medien und ihrer exzessiven User versprechen. Doch nach diesem Film von Jens Niehuss – so stand es zumindest im Vorspann, während im Abspann auch noch Laura Zirkel und Sebastian Speidel als Koautoren erschienen – war man diesbezüglich keinesfalls klüger. Was nur bedingt damit zu tun hatte, dass die Reportage „Nicht ohne mein Smartphone – Ein Leben für Likes“ sich auf zwei Protagonisten beschränkte und 30 Minuten Sendevolumen, die der Reihe „Gott und die Welt“ wöchentlich zur Verfügung stehen, nicht wirklich viel Zeit ist.

Da wurde zum einen die 21-jährige Melanie aus Dresden vorgestellt, die ihr Studium unterbrochen hatte, um sich ganz auf ihre Facebook-Aktivitäten zu konzentrieren. Die bestanden vor allem darin, Fotos und kleine Videos von sich zu posten. Eigentlich Allerweltsbilder – aber damit hat Melanie es auf immerhin 5000 Follower gebracht. Und dann war da zum anderen der 19-jährige Azubi Alex aus Leipzig, der nahezu seine gesamte Freizeit im Fitness-Studio verbrachte, ständig Selfies von seinem Astralkörper aufnahm, um sie ins Netz zu stellen. Womit er es zu gerade einmal 200 Fans gebracht hat. Was Stars des neuen Gewerbes wie etwa Bianca Heinicke, die es mit ihrem YouTube-Kanal „Bibis Beauty Palace“ auf mehr als 4,5 Mio Abonnenten bringt, natürlich allenfalls ein müdes Lächeln abnötigen würde.

Doch gerade der Umstand, dass der Film (Produktion: TVNTV) quasi zwei Novizen beobachtete, hätte die Chance geboten, sie und ihre besondere Beziehung zu den sozialen Medien näher unter die Lupe zu nehmen. Schließlich hatte der Off-Kommentar zu Beginn zum Beispiel verheißen: „Wir begleiten Melanie und werden erfahren, wie sie so viele Menschen für sich interessieren kann und warum Melanie das überhaupt macht.“ Doch statt diesen Fragen nachzugehen, beschränkte sich der Film im Wesentlichen darauf, die junge Frau beim Schminken und beim Fotoshooting zu beobachten, bei dem ihr Freund auf den Auslöser drückte.

Ähnlich sah es bei Alex aus, der vorwiegend in der Muckibude zu sehen war und sozusagen eher zu den Schweigern im Lande gehört. Und wenn sich mal ein Kumpel über ihn äußerste, klang das so: „Alex hat ’nen Superkörper und tut dementsprechend auch seine Erfolge darstellen.“ Schön und gut, aber die Frage, was ihn dazu brachte, sich für ein paar Likes von Unbekannten dermaßen zu schinden, blieb gänzlich unbeantwortet. Genauer gesagt, die Frage wurde ihm offenbar gar nicht erst gestellt. Im Fall von Melanie machte immerhin deren Mutter mal ein paar Andeutungen hinsichtlich möglicher Motive. Da war von Schüchternheit, einer schwierigen Kindheit und Mobbing die Rede.

Dass die beiden Protagonisten dieser Reportage (1,01 Mio Zuschauer, Marktanteil: 4,3 Prozent) selbst nicht eben zu den reflektiertesten Menschen ihrer Altersklasse zählten, kann man ihnen schlecht anlasten, zeugt aber auch nicht unbedingt von gutem Casting. Da die beiden Smartphone-Junkies kaum nennenswerte Informationen über sich und ihr Tun beizusteuern wussten, versuchten der Autor bzw. die Autoren, diese Lücken mit Unmengen an Kommentar zu füllen. Da wurde beispielsweise wie in der „Sendung mit der Maus“ erklärt, was Klicks, Follower und Likes sind, während kurz darauf der Begriff „Algorithmen“ ohne jede Erläuterung durchging.

Darüber hinaus erging sich der Kommentar fortwährend in Einschätzungen wie dieser: „So leben sie immer mehr in der virtuellen Welt. Dafür tauschen sie einen Teil ihres echten Lebens ein.“ Derartige Ansichten hört und liest man immer wieder, wo es um die exzessive Nutzung von Smartphones unter Jugendlichen geht. Doch solch schlichte Dichotomisierungen helfen beim Verständnis des Phänomens definitiv nicht weiter. Das Leben dieser User ist nicht weniger echt als das ihrer Vorfahren. Es ist auch nicht schlechter oder besser. Es ist lediglich anders. Doch statt dieses Anderssein zumindest ein Stück weit plausibel zu machen, blieb dieser Film mit seinen Momentaufnahmen viel zu sehr an der Oberfläche und erging sich in sattsam bekannten Stereotypen.

Die Reportage „Nicht ohne mein Smartphone“ war eine der letzten, die unter dem Reihentitel „Gott und die Welt“ sonntags im Ersten ausgestrahlt wurde. Das Format, das seit 1984 existiert, wird von der ‘ARD-Koordination Kirchliche Sendungen’ verantwortet. Ab dem 3. Dezember wird die Reihe nun einigermaßen profillos „Echtes Leben“ heißen, wie die ARD Ende Oktober bekanntgab. Aber wichtiger für die Attraktivität dieser Reihe wären statt eines neuen Titels bessere Filme. Warum wird nach 33 Jahren der Reihentitel geändert? „Der Begriff ‘Gott’ im Titel stößt leider eher ab“, sagte dazu Wolfgang Küpper, beim Bayerischen (BR) Redaktionsleiter ‘Religion und Orientierung’, gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd). Trotz des neuen Titels werde der „Religionsaspekt“ bei der Reihe – zu der alle ARD-Anstalten zuliefern – aber künftig „nicht weggelassen“, so Küpper.

24.11.2017 – Reinhard Lüke/MK
Einblicke in die Welt der sogenannten sozialen Medien: In diesem Film hätte man gern etwas mehr erfahren Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 12/2018

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