Jens Nicolai: Ein Kölner Baron auf SchatzsucheDie Orient-Abenteuer des Max von Oppenheim (WDR Fernsehen)

Die Kraft der Träume

30.01.2016 •

 Mit 1000 Kamelen, mit Dienern, einem Privatkoch und – wie es heißt – auch einigen Dosen Kaviar begibt sich ein nicht mehr ganz junger Mann auf eine abenteuerliche Reise durch die Wüste. Sie soll ihn zu den Beduinen führen. Es ist Sommer 1911. Der selbsternannte Forschungsreisende ist Max von Oppenheim, zweitältester Sohn der vermögenden Kölner Bankiersfamilie. Dem Bankiersgeschäft zog er die Faszination des Orients vor, dessen Buntheit und exotische Erotik, die er sich erträumte. Schon in frühen Jahren hatte er die Geschichten der Scheherazade verschlungen.

Vor das Abenteuer hat der Vater jedoch das Studium gesetzt. Promotion ist Pflicht und danach ist für Sohn Max der diplomatische Dienst vorgesehen. Dadurch hätte die Familie, die 1867 in den Adelsstand erhoben worden war, mit einer weiteren Nobilitierung glänzen können. Allein, der unverblümte Antisemitismus von Herbert von Bismarck, Sohn des „Eisernen Kanzlers“, verhinderte dies. Die erste große Neuerfindung in Max Oppenheims Leben folgte. Nun wurde er zum Reisenden und Ethnographen. 1893 brach er von Damaskus auf nach Palmyra, der Sehnsuchtsstadt aller Orientalisten, einem Wunder der griechisch-römischen Baukunst – jüngst von islamistischen Terroristen zuschanden geschossen. Hier muss der Film sich mit Fotos begnügen, Filmarbeiten in Syrien waren angesichts der aktuellen Bürgerkriegssituation nicht möglich.

Oppenheim reiste mit seiner Karawane weiter bis nach Bagdad. Sein Bericht über diese Expedition wurde in Buchform bald ein Bestseller, selbst im Auswärtigen Amt galt er nun als Experte. Man übertrug ihm die Leitung des Generalkonsulats in der ägyptischen Hauptstadt Kairo.

Die Dokumentation von Jens Nicolai (beim Buch war Anne Siegele Koautorin) illustriert diese Phase im Leben von Max von Oppenheim im Wesentlichen mit historischen Aufnahmen, deren geschickte Schnittfolge filmisch wirkt. Die Kamera von Reiner Bauer fügt durch lebhafte Impressionen bunter Basare und fotogener Kamele einen Hauch von Orient à la „Lawrence of Arabia“ hinzu. Schnitt und Kamera wirken ästhetisch synchron, auf jeden Fall gleichgewichtig, so dass es der dickflüssigen Musikuntermalung bei diesem Film (Produktion: Spiegel TV) nicht bedurft hätte. Trotz der Kompositionen von Philip Glass haben doch Musikeinspielungen mit Kinoambition musikalisch den Vorrang – Tribut an ein breites Publikum? Weniger wäre mehr gewesen.

Oppenheim nutzt seine Zeit in Kairo, um Antiquitäten und kostbare Stoffe zu erwerben. Seine Großzügigkeit ist legendär. Gerne schart er die mondäne Welt um sich – wozu auch der Abenteuer-Schriftsteller Karl May gehört haben soll, dem wohl gerade auch wegen seiner langjährigen Aufenthalte in Arbeits- und Zuchthäusern etwas Draufgängerisches anhaftete. Es ist nicht ohne Reiz, sich vorzustellen, wie die beiden Herren sich gegenseitig angeregt haben könnten.

Im Zusammenhang mit dem Auftrag, die Eisenbahntrasse von Bagdad nach Konstantinopel vorzubereiten, erfuhr Oppenheim von „Steinbildern“, die sich an der heutigen syrisch-türkischen Grenze befinden sollten – Reste einer 4000 Jahre alten Hochkultur und der antiken Stadt Gozan. Oppenheim erfand sich erneut neu. Diesmal als Archäologe. Tatsächlich entdeckte er 1911 als über Fünfzigjähriger die Anhöhe Tell Halaf (im Nordosten Syriens). Eine riesige Grabungsstätte entstand. Über 200 Arbeiter waren beschäftigt, fünf Architekten und ein Fotograf kartographierten alle Funde.

Wieder zeigen historische Aufnahmen, unter welchen Mühsalen dort gegraben wurde. Die meist überlebensgroßen Figurensäulen aus Basalt wurden teilweise dem Nationalmuseum in Aleppo überlassen. Die imposantesten Stücke wurden jedoch nach Berlin geschafft und in einem eigenen Museumsbau untergebracht. Dazu sollte auch eine völlig unversehrte Grabfigur gehören, die Oppenheim „die große Sitzende“ nannte. Vor allem war sie für ihn „die Göttin mit dem Jahrtausende alten, Stein gewordenen Lächeln“. Der Erste Weltkrieg brach aus, die Briten stürmten das Land, die Figur musste in Damaskus verbleiben.

Max von Oppenheim verlor in diesen Jahren den größten Teils seines persönlichen Vermögens in den Wirren der Inflation. Und wieder erfindet er sich neu, diesmal als Gelehrter. An seinem 70. Geburtstag, dem 15. Juli 1930, eröffnet er das Tell-Halaf-Museum in Berlin. Historisches Material, auch der Mitschnitt einer in bezaubernd altmodischem Englisch gehaltenen Ansprache aus diesem Anlass vermitteln in der Dokumentation dem Zuschauer das Bild eines völlig ungebrochenen, willensstarken Mannes von wissenschaftlicher Bedeutung mit charmantem Humor und leichtem Kölner Zungenschlag.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden 1943 seine Berliner Wohnung und das Tell-Halaf-Museum von Brandbomben zerstört. Das Löschwasser traf auf glühend heißen Stein. Die Statuen und Reliefs platzten und zersplitterten in Tausende kleiner und kleinster Teile. Oppenheims Lebenswerk war zerstört. Mit 85 Jahren zog er in die Obhut von Verwandten nach Landshut. Der Lebensmut des alten Mannes, den das Schicksal mit so viel Talent, Glück und Geld ausgestattet und dem es nun alles genommen hatte, war nicht gebrochen. Sein Lebensmotto, schrieb er, sei: „Kopf hoch, Mut hoch und Humor hoch.“

Am 15. November 1946 starb Max von Oppenheim in Landshut, 86-jährig und in der überlieferten Gewissheit, dass seine Sammlung eines Tages wieder neu entstehen werde. Im Januar 2011 wurden tatsächlich über 30 monumentale Bildwerke, die in über zehnjähriger Arbeit zusammengepuzzelt worden waren, in einer Sonderausstellung im Pergamon-Museum in Berlin gezeigt. Die Kraft der Träume, die ihn durch ein abenteuerliches Leben geführt hatte, zeigte sich noch einmal neu.

Mit der 45-minütigen Dokumentation „Ein Kölner auf Schatzsuche“(weiterhin noch in der Mediathek abrufbar) startete das Dritte Programm WDR Fernsehen eine kleine dreiteilige Reihe mit dem Titel „Abenteurer aus Nordrhein-Westfalen“. Sie wurde fortgesetzt am 22. Januar mit der Wiederholung des Films „Fräulein Stinnes gibt Gas – Mit 45 PS von Mülheim um die Welt“ und am 29. Januar mit der Neuproduktion „‘The Flying Fräulein’ aus Essen – Die Abenteuer der Thea Rasche“ (jeweils um 20.15 Uhr).

30.01.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK