Jantje Friese/Martin Behnke/Baran bo Odar: Dark. 3. und letzte Staffel der Serie, 8‑teilig (Netflix)

Winden ist überall

05.08.2020 •

Winden ist eine Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Hier gibt es eine triste Bushaltestelle, einen finsteren Wald und viele frustrierte Menschen. Eigentlich möchte man hier nicht tot über dem Zaun hängen. Trotzdem ist dieser etwas andere Schauplatz aus der Serie „Dark“ ausgesprochen beliebt. Anfang Mai 2020, kurz bevor die finale Staffel startete, wurde „Dark“ von Benutzern des Online-Portals „Rotten Tomatoes“ in einem Ranking zur besten Netflix-Serie gewählt. Sie verwies damit Konkurrenzserien wie „Black Mirror“, „House of Cards“ und „The Crown“ auf die Plätze.

Diese internationale Beliebtheit einer deutschen Netflix-Produktion überrascht. Bei genauerem Hinsehen hält sich die Überraschung jedoch in Grenzen. Die Serie ist typisch deutsch – aber eben nicht klischeehaft. Sie bürstet den Zeitgeist gegen den Strich. Statt im angesagten Berlin spielt „Dark“ in der Provinz, im fiktiven Winden. Ein Störfall im Reaktor zählt zu den zentralen Motiven. Trotzdem geht es nicht um Öko- und Umweltthemen. Auch nicht um Nazis und Rassismus. Die Serie spielt unter anderem in den 1980er Jahren. Gelbe Aufkleber mit „Atomkraft? Nein Danke!“ sucht man aber vergebens. Stattdessen greift die Serie ein ausgesprochen sperriges Thema auf. Erzählt wird die episch verflochtene Geschichte von vier Familien, in denen etwas faul ist.

Das dunkle Geheimnis wird bis zum Schluss nicht wirklich gelüftet. Dennoch bleibt man dran. Jantje Friese und Martin Behnke, die auch in der dritten und letzten Staffel unter der Regie erneut von Baran bo Odar als Headautoren fungieren, gelingt es, die verzweigte Erzählung im Schicksal jeder einzelnen der mehr als 30 Hauptfiguren zu spiegeln. Oliver Masucci etwa reist als Polizist in die Vergangenheit. Der Gesetzeshüter bricht das Gesetz: In einer von vielen wirklich krassen Szenen – die eine gängige Fernsehproduktion so niemals zugelassen hätte – erschlägt er ein Kind, um sein eigenes zu retten. Dadurch erzeugt er aber erst jene Misere, der er durch seine Verschlimmbesserung der Vergangenheit zu entgehen erhoffte.

Im Prinzip ist das hier zugrundeliegende Muster nicht neu. Vom „Philadelphia Experiment“ über die „Terminator“- und die „Zurück-in-die-Zukunft“-Reihen wurde das Paradox der Zeitreise in Kinofilmen oft variiert. Auch das Fernsehen kennt Zeitreise-Abenteuer, von „Time Tunnel“ (ABC; in Deutschland von der ARD ausgestrahlt) bis zu „Catweazle“ (ITV; ZDF). Die horizontale Erzählung in „Dark“ geht jedoch einen Schritt weiter. Über drei Staffeln und insgesamt 26 Episoden hinweg wird ein mehrfach in sich verknoteter Plot entfaltet, und zwar in einer an einen russischen Roman erinnernden epischen Breite, deren ästhetische Kohärenz im Bereich des filmisch-seriellen Erzählens bemerkenswert ist. (Zu den ersten beiden Staffeln vgl. diese MK-Kritik und diese MK-Kritik.)

Dabei ist das Kernmotiv vergleichsweise übersichtlich. So sprach Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph), der sich zu Beginn der ersten Staffel erhängte – und dessen suizidale Motive von seinem Sohn Jonas ergründet werden sollen –, den Dialogsatz aus: „Es wäre besser, nie geboren worden zu sein.“ Der Ausspruch paraphrasiert einen Vers aus Sophokles’ Drama „König Ödipus“, der Mutter aller Zeitreise-Geschichten: Das Orakel sagt dem König voraus, dass sein Sohn ihn umbringen und seine Frau ehelichen wird.

Der Versuch, diese Information auszunutzen, um das Schicksal auszutricksen, führt – man weiß es – dazu, dass die Tragödie überhaupt erst ihren Lauf nimmt. Dieses Motiv ist offenbar auch die Triebfeder von „Dark“. Eine abenteuerliche Odyssee führt nun Jonas (Louis Hofmann) durch ein Labyrinth aus mehreren Zeitebenen: Er reist zunächst zurück in die 1980er Jahre, von wo aus ihn der Weg über die postapokalyptische Zukunft und die Vergangenheit zurück in die Gegenwart führt. Hier will er seinen Vater vom Suizid abhalten. Dummerweise führt seine Intervention dazu, dass der Vater den Selbstmord überhaupt erst verübt.

Der wider Willen vollführte ödipale Vatermord ist offenbar auch in „Dark“ geglückt. Dadurch entsteht aber ein neues Problem: In der finalen Staffel muss der vaterlose Jonas gewissermaßen seinen eigenen Vater verkörpern. Die Rolle dieses toten Vaters übernimmt sein älteres Ich aus der Zukunft, das ihm zu Hilfe eilt, um die verbotene Liebe mit Martha Nielsen (Lisa Vicari) zu vereiteln. Doch kaum hat Jonas das Mädchen erschossen, da taucht es wieder auf: Martha entstammt nun aus einer Parallelwelt. Wie das? Im Schnelldurchlauf wird erklärt, warum die berühmte Katze in Erwin Schrödingers Gedankenexperiment lebend und tot zugleich sein kann: Es gibt also parallel nebeneinander existierende Wirklichkeiten. Man wird von dieser Prämisse überfordert, gewiss, aber auf eine lustvolle Weise.

Mit dem Parallelwelt-Paradigma wird die Handlung allerdings so verworren, dass man die abschließende Staffel beinahe schon als Parodie auf eine überkomplexe Geschichte verstehen kann. Wie in der Kritik verschiedentlich angemerkt wurde, schleicht sich dadurch eine gewisse Beliebigkeit ein. So bleiben manche Figuren völlig rätselhaft. Wer etwa ist der ominöse Unbekannte mit der Hasenscharte, der in dreifacher Ausführung auftritt, bei der sein kindliches, erwachsenes und altes Ego nebeneinander existieren? Wie die Zuschauer verlieren auch die Protagonisten der Serie selbst den Überblick. Zur Orientierung werden Fotos an Pinnwände geheftet und Stammbäume gezeichnet. Zurückreichend bis zu Adam und Eva. Und gemäß dem Titel sind die Bilder nun noch düsterer. Mit teils grellen Splatter-Momenten, also Szenen, in denen drastische körperliche Verletzungen explizit ins Bild gesetzt werden, knüpft „Dark“ hier an die Zombie-Serie „The Walking Dead“ an.

Am Ende haben Jonas und seine Freundin Martha die Erleuchtung: Sie selbst sind der „Fehler in der Matrix“. Es wäre besser, nie geboren worden zu sein. Also lösten sie sich auf in bunte Lichtpunkte. Tristan und Isolde zwei Punkt Null. Das wirkt zugegebenermaßen etwas gefühlig, ja, beinahe kitschig. Hier und da geht der Serie auch schon mal ein wenig die Luft aus. Doch Baran bo Odar und seine Autoren verlieren sich nicht wirklich in dieser labyrinthischen Geschichte. Und dies gleicht einem Wunder. Auch wenn man nicht alles erklären kann, so versteht man diese grandiose Serie doch intuitiv. Über all die verdrehte Komplexität hinweg sind einem die Figuren nahe. Man spürt: Eine Welt ohne Winden gibt es nicht. Denn Winden ist überall. Des­wegen wurde diese Serie international populär.

05.08.2020 – Manfred Riepe/MK

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