Jana Burbach/Christoph Schnee/Bruno Grass: Die Heiland – Wir sind Anwalt. 6‑teilige Serie (ARD/RBB)

Netter Pausenfüller

25.09.2018 • Dienstag ist Quotentag im Ersten. Seit Jahren beschert der Serien-Doppelpack „Um Himmels Willen“ (20.15 bis 21.00 Uhr) und „In aller Freundschaft“ (21.00 bis 21.45 Uhr) der ARD traumhafte Marktanteile. Während die Weißkittel in der freundschaftlichen Sachsenklinik das Jahr über unermüdlich im OP stehen, sind die Schnurren rund ums Klosterleben auch vorübergehend mal nicht auf dem Bildschirm, da die Serie auch Pausen einlegt. Im nächsten Jahr geht dann die schon 18. Staffel von „Um Himmels Willen“ an den Start geht.

Als Pausenfüller versucht es die ARD auf dem 20.15-Uhr-Sendeplatz derzeit mit Rechtsanwälten. Gab im Mai und Juni Fritz Karl den unkonventionellen Advokaten „Falk“ (vgl. MK-Kritik), ist nun Lisa Martinek als Berliner Anwältin Romy Heiland an der Reihe. „Eine Name wie eine Mischung aus Sissi und Jesus“, sagt eine Mandantin zu Beginn der dritten Folge zu der Juristin. Und der Name ist natürlich Programm. Der Heiland geht es weniger um fette Honorare denn um Gerechtigkeit für die Menschen.

Doch die eigentliche Besonderheit an dieser Anwältin ist der Umstand, dass sie von Geburt an blind ist. Da ihre Assistentin, die ihr das Sehen abnimmt, im Urlaub ist, hat Romy Heiland beim Jobcenter um eine Vertretung nachgefragt. Die steht in der ersten Episode vor ihrer Tür, stellt sich als Ada Holländer vor und ist von ihrem Naturell her das exakte Gegenstück zu der in jeder Hinsicht eher dezenten Anwältin. Ada (Anna Fischer) ist nicht gebildet, aber klug, sie hat einen teils verwegenem Garderobengeschmack und sie ist vorlaut, dabei jedoch mit großer Empathie ausgestattet. Kurzum: Sie ist der Typ kesse Berliner Göre mit großer Klappe, aber dem Herz am rechten Fleck.

Und ein wenig erinnert diese Ada nicht von ungefähr an eine gewisse Senta Kurzweg (gespielt von Anja Franke), die in der legendären ARD-Anwaltsserie „Liebling Kreuzberg“ von 1986 bis 1998 als taffe Kanzleigehilfin im Einsatz war. Dass Heilands Papagei regelmäßig ein „Liebling“ von sich gibt, darf man vermutlich als Reminiszenz oder auch kleine Hommage an diesen Klassiker verstehen, in dem Manfred Krug in der Titelrolle des Rechtsanwalts Robert Liebling zu sehen war.

Ansonsten gehören zum festen Personal der neuen Serie noch Romy Heilands ehemaliger Kanzlei- und Lebensgefährte Ben Ritter (Peter Fieseler) und die Eltern von Romy. Vater Paul (Rüdiger Kuhlbrodt), ehemaliger Richter, lässt gerne sein alten Kontakte zum Wohle seiner Tochter spielen, während Mutter Karin (Peggy Lukac) vor allem um das seelische Allgemeinbefinden ihres Kindes besorgt ist. Doch letztlich ist die Serie ein Zwei-Personen-Stück, das in erster Linie von der Interaktion zwischen Romy und Ada, zwischen Lisa Martinek und Anna Fischer lebt. Die blinde Romy und die sehende Ada gehören beruflich zusammen und sie können von sich sagen „Wir sind Anwalt“, wie es der Untertitel der Serie besagt, den man sich hier mal kurz von der „Bild“-Zeitung („Wir sind Papst“) entliehen hat.

Anna Fischer ist nicht nur ein Phänomen, weil sie, Jahrgang 1986, noch immer einen Teenager verkörpern könnte, sondern sie füllt die Rolle der engagierten, aber bisweilen auch widerborstigen Assistentin perfekt aus. Einerseits ist ihre Ada gänzlich loyal, wo es um die gerechte Sache geht, andererseits hält sie allerdings auch nichts davon ab, ihrer blinden Chefin mal ein Stück Pizza zu stibitzen, weil die das ohnehin nicht merkt. Doch das darstellerische Highlight der Serie ist eindeutig Lisa Martinek. Die Präzision, mit der sie das Handicap der Blindheit erlebbar macht, ist absolut verblüffend. Ob sie in Dialogsequenzen immer ein wenig an ihren Gesprächspartnern respektive der Kamera vorbeischaut oder sich in ihrer Wohnung routiniert, aber dennoch stets mit einem Rest an Unsicherheit bewegt, das ist meisterlich. So etwas lernt man in keiner Schauspielschule und entsprechend groß dürfte der Aufwand für die Darstellerin gewesen sein, sich diese Fähigkeiten anzueignen.

Und auch auf der Dialogebene funktioniert die Auseinandersetzung mit der Blindheit gut und dabei zumeist auch humorig. Wenn Heiland von einem Gesprächspartner mit „Wir sehen uns“ verabschiedet wird oder ein anderer sie salopp mit „lange nicht gesehen“ begrüßt, ist das von einer wenig aufgesetzten, eher beiläufigen Art. Dass die Figur der Romy Heiland in der blinden Berliner Anwältin Pamela Pabst, mit der sich Lisa Martinek vor Drehbeginn mehrfach getroffen hat, nachempfunden ist, tut eigentlich nichts zur Sache.

Das Manko der Serie sind neben den uninspirierten Atmo-Einschüben von Berliner Sehenswürdigkeiten und Blicken in Bars und Restaurants die verhandelten Fälle. Zwar kommen da in den ersten drei Folgen durchaus aktuelle Themen wie sexueller Missbrauch, Pflegenotstand und Homosexualität im Polizeidienst zur Sprache, aber für echte Spannung vermag die Abarbeitung dieser Sujets kaum zu sorgen. Da hapert es durchgehend an der kriminologischen Stringenz und am Ende ist es fast immer der (weiblichen) Intuition der Hauptfigur geschuldet, dass die Täter ihrer Missetaten überführt werden. So ist diese Serie (Produktion: Olga Film) am Dienstagabend im Ersten ein durchaus ansehnlicher Pausenfüller, der aber trotz aller Qualitäten kaum das Zeug zum Dauerbrenner haben dürfte.

25.09.2018 – Reinhard Lüke/MK