Jan Tenhaven: Die Silicon‑Valley‑Revolution. Wie ein paar Freaks die Welt veränderten (ARD/WDR/Arte)

Xerox Alto und MS-DOS

28.07.2017 •

Ende der 1960er Jahre und in den frühen 1970er Jahren galten Computer noch als Insignien der Macht. Sie waren großen Konzernen, Banken und Regierungen vorbehalten. Jan Tenhaven stellt in seinem 90-minütigen Dokumentarfilm „Die Silicon-Valley-Revolution“ – im Ersten Programm der ARD jetzt zu Beginn der Sommerpause zu sehen und zuvor am 19. April dieses Jahres bei Arte erstausgestrahlt – Menschen vor, die ihre Kreativität in die Entwicklung der ersten Personal Computer steckten.

Das Ziel der im Untertitel des Films erwähnten „paar Freaks“: Jeder, der es wollte, sollte einen Computer haben. Sie sahen Technologie als Mittel, um die Welt zu verbessern. Von einem Personal Computer als „Fantasieverstärker“ spricht John Makoff, einst Redakteur bei der „New York Times“, andere sprechen von einem Werkzeug der Selbstermächtigung und Befreiung. Worum es den von Tenhaven befragten Veteranen von der amerikanischen Westküste ging, zeigt besonders deutlich das vom Autor und Regisseur hier kurz eingeblendete Cover von Ted Nelsons 1974 erschienenem Buch „Computer Lib/Dream Machines“. Zu sehen ist dort eine gezeichnete Faust. „Lib“ ist im Englischen eine gebräuchliche Kurzform von „liberation“ (Befreiung).

Der Untertitel „Wie ein paar Freaks die Welt veränderten“ ist geschickt gewählt; er trägt möglicherweise dazu bei, Zuschauer für den Film zu gewinnen, die bei dieser Formulierung keineswegs an die ersten Computer-Nerds denken, sondern an die Protagonisten, die in der jüngeren Vergangenheit das Silicon Valley geprägt haben. Einige der von Jan Tenhaven interviewten Personen stammen aus dem Umfeld des 1975 gegründeten „Homebrew Computer Clubs“, deren Mitglieder die Entwicklung der ersten PCs maßgeblich beeinflussten. 1975 kam auch der Altair 8800 auf den Markt, ein Gerät ohne Tastatur und Bildschirm – er gilt heute als der erste Personal Computer.

Die einstigen Gegenkultur-Vertreter, die Tenhaven hier auf sorgfältige und einnehmende Weise porträtiert, waren beeinflusst von der Antikriegsbewegung und der Musik der Hippies. Den geeigneten Soundtrack für den Film zu finden, der beim diesjährigen „Berlin & Beyond Film Festival“ in San Francisco den Publikumspreis gewann, war vermutlich nicht allzu schwierig. Mal erklingt „Old Man“ von Neil Young, mal „The Golden Age“ von Beck. Der letztere Song stammt zwar aus dem Jahr 2001, also nicht aus jener Phase, die der Film hauptsächlich behandelt; Tenhaven setzt das Stück allerdings ein, als es um den Apple 1 geht, der 1976 vorgestellt wurde, und zur damaligen Aufbruchstimmung passen die Anfangszeilen „Put your hands on the wheel / Let the golden age begin“ dann doch recht gut.

Der Filmemacher zeigt immer wieder Nahaufnahmen von solch musealen Geräten, außerdem drapiert er seinen Film mit Drohnenaufnahmen typisch kalifornischer Klein- oder Mittelstadtsiedlungen, um einen Eindruck davon zu vermitteln, in was für einer Atmosphäre in den 1970er Jahren der „Homebrew Computer Club“ (in Menlo Park, wo heute Facebook seinen Hauptsitz hat) oder Apple (in Los Altos) gegründet wurden.

Was ist geworden aus den idealistischen Visionen, die die Protagonisten der vom Computerhistoriker Bruce Damer sogenannten „Westküstenrevolution“ hatten? Einerseits hat das Internet für eine Form der Demokratisierung gesorgt, die den von Tenhaven porträtierten Pionieren vorschwebte. Andererseits haben einige heute im Silicon Valley ansässige Technologie-Konzerne bedrohlich viel Macht auf sich vereinigt. Larry Tesler, Mitentwickler des Computers Xerox Alto, von dem sich wiederum Apple-Gründer Steve Jobs mindestens inspirieren ließ, sagt mit Blick auf den heutigen Status von Firmen wie Apple oder Google: „Was ich damals mitgeschaffen habe, ist heute das Establishment. Dabei wollte ich doch genau das loswerden.“ Man vermisst an der Stelle zumindest einen kurzen Schlenker ins Allgemeine, denn solche Entwicklungen sind ja auch anderen Gegenkulturen widerfahren.

Jan Tenhaven würdigt in seinem Film (Produktion: Eco Media) vor allem jene Tüftler, denen die „Silicon-Valley-Revolution“ nicht das brachte, was ihnen zugestanden hätte: Daniel Kottke etwa, der erste Apple-Mitarbeiter, wurde von Firmengründer Steve Jobs finanziell entscheidend benachteiligt. Oder Tim Paterson, der die Basis für das Betriebssystem MS-DOS schuf, sich aber mit einem Pauschalhonorar von Microsoft begnügte. Paterson versucht den Eindruck zu erwecken, als sähe er seine Situation gelassen, doch zweimal wirkt es in den ersten Augenblicken nach Beendigung eines Statements, als gelinge es ihm gerade so eben, nicht die Fassung zu verlieren. Das ist nachvollziehbar: Der heute 61-Jährige ist bereits in den Ruhestand gegangen, bewirbt sich nun aber wieder um Arbeit. Es rufe aber, klagt Paterson, niemand zurück.

28.07.2017 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren