Jan Schmitt: Der große Atomdeal. Die Lüge vom billigen Strom. Reihe „Exclusiv im Ersten“ (ARD/WDR)

Wieder auf die Tagesordnung gebracht

05.08.2016 •

Wenn der Autor Jan Schmitt gleich zu Beginn seiner Reportage behauptet, es sei „eine der wichtigsten Fragen in der Geschichte dieses Landes“, wer für „die Altlasten des Atomzeitalters“ aufkommt, dann ist das mehr als nur der Versuch, den Zuschauer mit einer dieser üblichen werbeträchtigen Formulierungen in einen Film hineinzuziehen. Schmitt übertreibt nicht, es kommt einem aber vielleicht zunächst so vor, weil dem Thema in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr die mediale Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, die es verdient.

„Der große Atomdeal“ ist Teil der aktuellen Staffel der Reihe „Exclusiv im Ersten“, die seit 2014 nur noch in den Sommermonaten läuft. Der Film stammt aus der Redaktion des vom WDR verantworteten ARD-Politmagazins „Monitor“; Teile der halbstündigen Reportage waren bereits in einem Beitrag in der regulären Sendung vom 12. Mai zu sehen. Mit dem im Titel erwähnten „Deal“ ist ein Beschluss der Atomkommission des Bundes zur Änderung des Atomgesetzes gemeint. Der sieht vor, den Großteil der 169 Mrd Euro, die nach Schätzung der von Schmitt befragten Energie-Ökonomin Claudia Kemfert bis zum Jahr 2100 für den Rückbau der Kraftwerke und die Lagerung des Atommülls fällig werden, der Allgemeinheit aufzubürden. Die WDR-Reportage greift in eine aktuelle Debatte ein, denn das Bundeskabinett hat über den Beschluss der Kommission vom April dieses Jahres noch nicht entschieden.

Jan Schmitts Reportage startet im ehemaligen Atomkraftwerk von Lubmin bei Greifswald (Vorpommern), das seit rund einem Vierteljahrhundert nicht mehr am Netz ist. Dennoch sind 700 Arbeiter hier bis heute Tag für Tag damit beschäftigt, Altlasten zu beseitigen. Die Kernkrafttechnologie sei „gesellschaftspolitisch ein großer Griff ins Klo“, sagt Henry Cordes, der Geschäftsführer der Energiewerke Nord, die für den Rückbau dieses Kernkraftwerks zuständig sind. Die Kosten dafür belaufen sich auf 6,5 Mrd Euro – komplett zu bezahlen aus dem Staatshaushalt, weil es sich um ein Kernkraftwerk der ehemaligen DDR handelt.

Der Autor präsentiert weitere Zahlen, die man schockierend finden kann. So hat die Atomindustrie seit 1970 190 Mrd Euro staatliche Vergünstigungen verschiedener Art erhalten. Schmitts Film läuft auf die These hinaus, dass der Staat Jahrzehnte lang wesentlich dazu beigetragen habe, dass die Energiekonzerne mit Atomkraft Profite machen konnten, die Politiker nun aber davor zurückschrecken, die Unternehmen für die negativen finanziellen Folgen der Technologie in angemessenem Rahmen haftbar zu machen.

Der Film „Der große Atomdeal“ (2,25 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,8 Prozent) macht auch deutlich, dass unvorhergesehene Ereignisse die Folgekosten der Atomenergie noch erhöhen können. Jan Schmitt hat etwa in dem ehemaligen Salzbergwerk Asse in Niedersachsen gedreht, wo in den 1960er und 1970er Jahren mehrere hundert Meter unter der Erde Atommüllfässer einlagert wurden, quasi für die Ewigkeit – so war es jedenfalls gedacht. Nun müssen sie aber leider herausgeholt werden, da Wasser in die Abfallkammern eingesickert ist. Den Steuerzahler wird dieses Malheur um die 10 Mrd Euro kosten.

Die filmische Umsetzung der Reportage ist teilweise unbefriedigend; man bekommt den Eindruck, dass Schmitt die visuell starken Bilder aus der Ruine von Lubmin oder aus Asse nicht in angemessenen Umfang nutzt. Stattdessen bekommt der Zuschauer zu viele leere Bilder zu sehen, etwa vom Autor, wie er sich grübelnd ans Kinn fasst und dabei die Frage stellt: „Wer sind die Verlierer in diesem Milliardenpoker?“ Das gleiche gilt auch für Passagen, in denen man sieht, wie Schmitt im Zug unterwegs ist. Der Einfall, auf Abteiltüren Logos der Atomkonzerne oder Bilder von Fässern mit radioaktivem Müll zu projizieren, fällt leider in die Kategorie Mätzchen. So wird, vor allem gemessen daran, dass nur 30 Minuten Sendezeit zur Verfügung stehen, letztlich zu viel Zeit verplempert.

Negativ anzumerken wäre auch noch, dass der Autor die Geschäftsberichte von Energieunternehmen nicht einfach nur aufgreift, sondern auch noch Erläuterungen mitliefert, die eher im Kinderfernsehen passend klängen („Ich schaue mir jedes einzelne Jahr genau an und dann fange ich an zu rechnen“). Dennoch bleibt es anerkennenswert, dass der WDR in diesem ARD-Beitrag das viele künftige Generationen betreffende Thema der Folgeprobleme der Atomkraft wieder auf die Tagesordnung gebracht hat.

05.08.2016 – René Martens/MK

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